Briefe aus Chrysos 8

Mein gütiger Vater, liebe Mutter,

ich kann keine Worte finden für meinen Schmerz.

Es ist wahr, auf mein Geheiß hin wurden die toten Minensklaven am Weg entlang aufgepflockt, damit ihre Leiber den Nordleuten zeigen, was wir von Ihresgleichen halten. Im Nachhinein betrachtet war diese Provokation kein guter Gedanke, aber wie hätte ich auch ahnen können, dass man am folgenden Tag ausgerechnet Timor mit der Mission betraut wurde sich unter die Clans zu bewegen und sie weiter gegeneinander aufzubringen. Zu diesem Zweck und um unsere Behauptungen untermauen zu können, hatten wir sogar eine nicht unerhebliche Menge an Gold in die Sümpfe schaffen lassen, ein hinterlegter, tückischer Beweis für die langhaarigen Erbsenhirne, das unter ihnen Verräter weilten.

Als Timor nicht zurückkehrte, kleidete ich mich unauffällig – die Details, Vater, erspare ich dir lieber – aber um mich unauffällig unter Kriegern und Schildmaiden bewegen zu können, waren weder Schleier, noch Roben der Verhüllung angebracht. Einer Vorahnung folgend nahm ich nur das Notwendigste mit. Einen Beutel mit meinen verbleibenden Münzen und eine kleine Tasche mit den Briefen und Schreibutensilien.

So schlich ich mich erneut aus der Festung und ahnte schon mit dem direkten Blick auf meine Grausamkeit, dass das Schicksal mich dafür bestrafen würde, was ich diesen Sklaven angetan hatte. Fliegen und Krähen hatten sich schon über die Leichname hergemacht und ein unheilverheißender Geruch hing in der Luft.

Trotzdem lief ich weiter um herauszufinden, ob Timor lebte oder ob ihm etwas zugestoßen war. Ich setzte also mit dem Ruderboot über den Fluss und bewegte mich vorsichtig an der Uferböschung entlang auf den geschändeten Tempel zu, wo der überwiegende Teil der nordischen Bastarde nun hauste.

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Ich verweilte eine Weile im Schutz eines Gebüsches und beobachtete, ehe ich den Mut fasste mit einigen schnellen Sätzen über die Wiese zu laufen und das Zelt des Anführers mit der Augenklappe aufzusuchen. Die Zelte waren leer, auch der Augenklappenjarl war nicht anwesend, so dass ich mich zwischen Zelt und Mauer verbarg und darauf hoffte, dass das freundliche Weib, das mir Wasser gebracht hatte, wieder auftauchen würde. Mit ihr war vielleicht ein Gespräch möglich und ich würde erfahren, was mit Timor geschehen war.

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Leider kam nicht das erhoffte sanftmütige Weib des Weges, nein, ich wurde entdeckt und zwar von einem baumlangen Krieger mit schwarzem Bart und wildem Blick. Es war wohl Glück im Unglück, dass er mich zu seinem Anführer brachte und es sich um den eher besonnenen Rotbärtigen handelte. Trotzdem war ich kaum noch in der Lage zu denken, denn als ich nach Timor fragte, erfuhr ich, dass man ihn wohl totgeschlagen hatte! Ich sah schon ein ähnliches Schicksal vor mir und wurde unter Tränen in die Höhle der Larts geführt. Im Innenhof der Mauern, der immer noch vom Blut der Wissenden rot gefärbt war, brannte ein Feuer, um das sich viele Nordmänner versammelt hatten. Unter anderem auch der Rotbärtige.

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Um mein erbärmlich sinnloses Leben zu retten, bot ich ihnen das versteckte Gold gegen eine Schiffspassage nach Lydius an. Immerhin und das war wohl mein Glück konnten sie ja nicht ahnen, dass ich meinen Teil der Abmachung mit dem Geheimgang vermutlich nicht eingehalten hätte, denn es waren ja sie gewesen, die nicht hatten abwarten können und so fast ohne Beute die Siedlung wieder verlassen hatten.

Lydius. Ein Ausweg von dieser Insel, die mich zwei Beinah-Gefährten gekostet hatte. Entweder ist die Insel verflucht oder ich bin es. Von Lydius aus werde ich schon eine Schiffpassage Richtung Vosk finden um heimzukehren oder eben eine Anstellung zu suchen wie du es einst getan hast, Mutter.

Als ich die ungefähre Größe der Kiste mit dem Gold anzeigte, wuchs das Interesse der Männer beträchtlich und meine Chancen stiegen. Der Rotbärtige gab mir sein Wort, dass er mich nach Hause bringen würde, wenn sie das Gold erhielten und dass er nicht zögern würde mich töten zu lassen, wenn ich sie in eine Falle lockte. Entsprechend nervös war ich, als ich – flankiert von zwei Männern und einer aggressiven Schildmaid – in die Sümpfe lief. Ich kannte nur den ungefähren Ort des Verstecks und nun hing mein Leben an diesem seidenen Faden, allerdings auch meine Möglichkeit unter Umständen heil aus Chrysos herauszukommen.

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Meine Verzweiflung wuchs, als ich um das alte Schiffswrack herumging und erstmal nichts erblickte. Die Männer waren jetzt schon gereizt und die Schildmaid machte keinen Hehl daraus, dass sie mich lieber tot sähe. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit – ich stand schon bis zu den Hüften im schlammigen Wasser – stieß mein Fuß gegen etwas Hartes, das tief heruntergesunken war. Das musste die Truhe sein, die Timor hier versteckt hatte. Durch das Gewicht war sie nur abgerutscht und drohte vom Moor verschluckt zu werden! Der Schwarzbärtige half mir schließlich widerwillig und zog das Ding heraus. Wo sich im Angesicht des Inhalts der Truhe sogleich sein Widerwille in ein breites Grinsen verwandelte.

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Nun blieb mir nur zu hoffen, dass der Rotbärtige sein Wort halten würde. So saß ich versteckt wie eine Urt unter Nordweibern, als die Clans sich zu einem erneuen und finalen Angriff auf die Siedlung sammelten. Zur Untätigkeit verdammt, aber in der Hoffnung auf ein Weiterleben nach Chrysos.

Von der Schlacht weiß ich kaum etwas, aber der zweite Ansturm muss besser durchdacht gewesen sein als der erste. Obwoh die Verteidigung verbessert worden war, kehrten die ersten Männer schon nach einer halben Ahn zurück, Säcke voller Gold trugen sie bei sich und Gefangene. Es besteht kein Zweifel, Chrysos ist gefallen. In der Nacht beobachtete ich, wo sich oben Flammen von den strohgedeckten Dächern erhoben.

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Hier sitze ich nun und blicke rüber auf die Ruinen einer Siedlung, die ich zu erschaffen half mit meinen eigenen Händen. Einen Gefährten habe ich immer noch nicht, schlimmer noch, in gewisser Weise bin ich mitschuldig am Tod von Timor, der sich vielleicht auf mich eingelassen hätte. Die Clans feiern ihren Sieg und mir bleibt nichts als die Hoffnung darauf, dass sie mich sicher zurück aufs Festland bringen. Wenn ich nur wüsste, Vater, ob sie eine ähnliche Ehre besitzen wie wir. Und selbst wenn, so weiß ich doch, dass auch im Süden nicht jeder ehrenhaft Wort hält.

Ich hoffe, Mutter, du schließt mich in diesen Tagen in deine Gebete mit ein.

Eure Tochter

Dionyza

Insel Chrysos, 20. Tag im Monat En’Kara, 10,166 CA

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