Briefe aus Chrysos 7

Mein gütiger Vater, liebe Mutter,

um ein Haar wäre ich erneut zur Verräterin geworden. Absurderweise waren es die Torvaldsländer selbst, die mich dazu getrieben haben und dann ihre Chance mit ihrem Allerwertesten wieder einrissen. Aber der Reihe nach, sonst werdet Ihr kein Wort von dem verstehen, was ich schreibe.

Ich sitze wieder in meiner behaglichen Stube in der Siedlung, doch mein Puls rast und meine Robe ist blutbesudelt. Eine massive Angriffswelle der Nordclans liegt hinter uns und – machen wir uns nichts vor – es war eine Niederlage nach hartem Kampf und Ringen und der Kommandant von Belnend konnte nur mit einer List das Schlimmste verhindern und den Norden zum Rückzug bewegen.

Doch dieser Sturm auf die Siedlung hatte sein Gutes. Denn ich weiß nun mit Sicherheit, dass der Kommandant uns nicht ausliefern oder verraten wird. Ohne ihn wären wir nun tot und er hätte die Beute bequem mit den Clans aufteilen können. Aber nein, er und seine Mannen standen heldenhaft gegen den Nordsturm an und retteten unser aller Leben und – das verdammte Gold in den Minen.

Nun zu meinem fast geschehenen Verrat: Unten im Lager der Torvaldsländer reifte in meinem Kopf ein alternativer Plan um Siedlung und Siedler zu retten und die Torvaldsländer dazu zu bringen, nicht die Früchte unserer harten Arbeit zu zerstören. Deshalb und weil sie allmählich auf die Idee kamen mich zu entkleiden und in einen Kragen stecken zu wollen, bot ich ihnen an, ihnen den geheimen Tunnel in die Minen hinein von innen zu öffnen und sie zum Gold zu führen. Unter der Bedingung, dass sie alle Siedler und deren Hab und Gut verschonen würden. Gut, ich will es nicht schön reden, natürlich hätte ich ihnen die Belnender als Beute noch obenauf gegeben, denn harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Gold kann man nicht essen und ohnehin würde man wieder neues schürfen können, sobald die Nordleute abgezogen sind.

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Wie froh bin ich nun, dass dieser Plan nicht zur Ausführung kam, weil die Torvaldsländer uneins waren und unüberlegt handelten! Sie sind nicht alle dumm, das muss man schon sagen. Unter den Anführern war zumindest ein rothaariger Clansführer so besonnen, dass mein Plan sie gegeneinander aufwiegeln zu wollen, nicht aufgegangen war und ich ihnen stattdessen ein Gegenangebot machen musste, wenn ich unversehrt zurück in die Siedlung gelangen wollte.

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Nicht dumm, nein. Aber ein Großteil von ihnen und das trifft auch auf einige Anführer der Clans zu, sind es offenbar nicht gewohnt weit vorauszudenken und Geduld ist nicht ihre Stärke. Sie hätte unbemerkt in die Minen eindringen und mit dem Gold verschwinden können, aber offenbar hatte sie den Plan nach einer durchzechten Nacht wieder vergessen oder ihre Meinung geändert.

Ich wurde gegen eine Gefangene aus einem der Clans zurück in die Siedlung getauscht und rang von diese Moment an mit meinem Gewissen. Für den Fall, dass ich sie hintergehen würde, hatten mir die Nordleute den Blutherlit angedroht. Ich wusste zunächst gar nicht, was das sein soll, Vater, aber als Mirit es mir erklärte, gefror mir förmlich das Blut in den Adern. Für den Falls, dass ihr das nicht kennt, schlagt es in „Grausame Gebräuche des Torvaldslandes“ von Tacitus con Ar nach.

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Für mich war der Angriff jedenfalls das Beste, was geschehen konnte, weil  ich mich in meiner Verzweiflung fast gegen unsere treuen Verbündeten gewandt hatte. Ich hatte mich sogar schon mit Timor darüber ausgetauscht, wie wir unsere Siedlung retten konnten.

Ihn eingeweiht zu haben, bereue ich nicht. Mir scheint fast, wir sind uns dabei ein Stück näher gekommen und wir denken auf eine ähnliche Art und Weise und sind in Notlagen beide bereit alle verfügbaren Mittel zu nutzen. Er ist natürlich von Eurer Warte aus betrachtet, Mutter und Vater, kein angemessener Gefährte. Aber er wäre es unter Umständen, wenn ich es schaffe ihn zum Administrator von Chrysos zu machen.

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Während ich diesen Gedanken nachhänge und diese beim Schreiben sortiere, schuften draußen die Minensklaven um unsere Verteidigungsanlage zu reparieren und zu verbessern. Unsere Schwachstellen wurden uns deutlich vor Augen geführt.

In mir lodert ein alles verzehrendes Feuer der Wut. Es schreit nach Vergeltung und ich habe keine Zweifel daran gelassen, dass keiner der Sklaven aus dem Torvaldsland den nächsten Morgen lebendig erleben wird. Jeder tote Torvaldsländer wird ein blutiges Mahnmal abgeben und das vereinbarte Zeichen, nämlich ein Laken an den Turm zu hängen, das werde ich nun zur Demütigung der Clans einzusetzen wissen.

Ich werde mich nicht unterwerfen, sondern bis zum letzten Atemzug das tun, was mir zur Ehre gereicht.

Eure Tochter

Dionyza

Insel Chrysos, 18. Tag der ersten Hand im Monat En’Kara, 10,166 CA

 

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  1. […] getroffene Verabredung mit einer schlangenzüngigen Schriftgelehrten, die den Clans den Geheimgang in die Minen öffnen wollte,  geriet noch in derselben Nacht in […]



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