Briefe aus Chrysos 6

Mein gütiger Vater, liebe Mutter,

diesen Brief schreibe ich nicht etwa in meiner behaglichen Hütte in der Siedlung, sondern mitten unter Feinden.

Es steht zu befürchten, dass dieser Brief nie einem Boten übergeben werden kann und außerdem kann ich ihn nur auf einige schäbige Seiten Notizpergamentes notieren, das ich bei mir trug als ich die Siedlung verließ um den Siedlern einen Vorteil zu verschaffen im bevorstehenden Kampf.

Zuvor konnten Späher auf dem Turm beobachten wie die Nordleute sich auf drei Lager aufteilten. Ein großer Teil von ihnen hatte den Tempel überfallen und hauste seitdem dort. Eine kleinere Gruppe besetzte offenbar das von Belnend verlassene Lager in den Sümpfen und ein dritter Teil wachte über die Schlangenschiffe, die immer noch im ursprünglichen Lager der Torvaldsländer vor Anker lagen. So hatte sich der Norden also in drei Gruppen gespalten, was wohl jeder als einen Vorteil für uns betrachtete. So wäre es unter Umständen möglich gewesen die kleineren Gruppen von Nordmännern eine nach der anderen auszuschalten.

Doch enttäuscht wurde ich! Ich musste mitanhören, dass der Kommandant von Belnend mit Aegir, einem der Anführer der Clans, das Gespräch gesucht hatte. Sofort reimte ich mir den Rest zusammen – sicher wollte er ohne Blutvergießen für seine Leute zu riskieren, die Beute einfach mit diesem Aegir teilen. Unser Gold! Das konnte ich nicht tatenlos hinnehmen.

Ich machte mich also mit Mirit auf den Weg runter zum Fluss mit zwei Zielen vor Augen:

1. Die Nordleute gegeneinander aufwiegeln, dass dieser Aegir mit dem Kommandanten gemeinsame Sache machte. So würden sie sich unter Umständen gegenseitig die Schädel einschlagen und uns Arbeit abnehmen.

2. Nach Möglichkeit herausfinden, ob der Kommandant von Belnend die Siedler wirklich verraten hatte oder im Begriff war dies zu tun.

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Ich sehe vor mir, Vater, wie sich deine Miene verfinstert. Denn es stand mir nicht zu als Frau das Schicksal in meine eigenen Hände nehmen zu wollen, wenn doch Männer anwesend sind um die Dinge zu regeln und doch – in meinem Herzen war eine wilde Wut und die Unruhe lenkte meine Schritte.

Vor meinen Augen sah ich die Möglichkeiten vor mir und die Schlimmstmögliche war, dass die mich töteten ohne mich anzuhören. Die Zweitschlimmste war, dass sie mich versklavten und mir nicht glaubten. Und dennoch hoffte ich eben darauf, dass sie mich anhören und es zu einem Zwist unter den Clans kommen würde. So ließ ich mich von Mirit über den Fluss rudern und lief mit pochendem Herzen auf den Tempel zu.

Schon aus der Ferne wurde das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Die goldenen Kreise waren aus den Verankerungen gerissen worden und rund um den Konvent lagerten Torvalsländer in Zelten. Feuer brannten. Auch im Innenhof hatten sie sich breitgemacht und soffen, lärmten und stritten miteinander.

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Ich wurde entdeckt, bevor ich die Tore überhaupt erreichen konnte. Ein baumlanger Mann mit Augenklappe und vielen Narben erschreckte mich fast zu Tode. Es stellte sich heraus, dass es einer der Anführer war, auch wenn er mir nicht sagen wollte von welchem Clan. Glücklicherweise gelang es mir sein Interesse von meiner Person als potentielle Beute auf meine Botschaft zu lenken und er hörte mich tatsächlich an. So schilderte ich ihm, dass ich gehört hatte, dass der Kommandant von Belnend und ein Clansführer namens Aegir wohl miteinander verhandelt hatten.

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Das schlug ein wie ein Blitz! Seine Augen wurden schmal und seine Stirn schlug augenblicklich Falten. Es war offensichtlich, dass er nichts gewusste hatte und sich Zorn in ihm breit machte. Habgier und die Furcht vor Übervorteilung und Verrat, diese Dinge waren offenbar im Süden und im Norden gleich.

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In den geschändeten Tempel brachte er mich nur kurz, schleppte mich dorthin wie eine Sklavin, über seine Schulter geworfen, doch offenbar misstraute er nun auch den Männern dort und wir ruderten eine Weile durch die Gegend, bis er offenbar zu einem Entschluss gekommen war. Er wollte mich so bald wie möglich zu einem gewissen Sigurd bringen und bis dahin sollte ich in seinem Zelt unten am Strand versteckt bleiben.

Hier sitze ich nun. Angebunden und bewacht wie ein Stück Vieh, aber wohlauf. Mirit ist bei mir, obschon es für einen Moment so ausgesehen hatte, als müsse sie unter den tobenden Torvaldsländern am Feuer im Hof dem Tempels bleiben. Eiserner Gürtel hin oder her, ich bin sicher, das wäre für sie keine angenehme Nacht geworden.

Man hört die Torvaldsländer im Tempel immer noch lärmen und immer wieder geht etwas zu Bruch. Ich weiß nicht, was der Tag morgen bringen wird und was dieser Sigurd tun wird. Aber ich hoffe inständig, dass ich zumindest ein Ziel erreichen werde: Zwietracht zu säen und den Norden zu schwächen.

Eure Tochter

Dionyza

Insel Chrysos, 16. Tag der ersten Hand im Monat En’Kara, 10,166 CA

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