Briefe aus Chrysos 4

Mein gütiger Vater, liebe Mutter,

so langsam sorge nicht nur ich mich um die Frage, warum aus Kassau noch kein zweites Schiff in Chrysos eingetroffen ist.

Natürlich sind wir vorerst noch versorgt mit allem Notwendigen und wenn es nach den Wissenden geht, ist alles über das Notwendige hinaus ohnehin am besten als Opfergabe für den Konvent geeignet und macht als Privatbesitz nur übermütig und eitel.

Gerade gestern haben sie die umsatzlose Wirtin wieder mit einer Strafe behängt, die vier Gebete und ein Opfer an den Konvent umfasst. Weil sie unangemessen über einen freien Mann gesprochen hat! Das mag so richtig klingen, aber wenn man Sir Mortis kennt, weiß man, dass es noch geschmeichelt war.

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Dann verlangte der Wissende, dass ich eine Sklavin schicken soll um Sir Mortis zum Gespräch zu holen. Eine Sklavin! Also ob die nicht ohnehin Mangelware wären und das wo Arbeit für zwei Tage an einem Tag zu tun ist in der Siedlung. Meine Sklavin war jedenfalls auf den Feldern und so raffte ich den Rock und kletterte selbst hinab in die Minen um den Initiaten nicht zu verärgern.

Ich glaube ich  habe noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet wie hier auf Chrysos. Nichtmal auf Cos. Und da trug ich immerhin selbst einen Kragen um meinen Hals. Entschuldigt, ich wollte nicht erneut an meinen Frevel erinnern und an die Schande, die ich über euch brachte, es diente wirklich nur dem Vergleich und sollte demonstrieren wie fleißig und bodenständig ich geworden bin: Ich versorge die Ziegen, jäte das Unkraut in den Beeten und erledige die Schreibarbeiten für die Siedlung, denn wir müssen ja der weißen Kaste und Kassau Rechenschaft ablegen über alles und ich meine wirklich alles. Und nebenher bin ich noch zum Laufburschen der weißen Kaste herabberufen.

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Überflüssig zu erwähnen, dass der Gang runter in die Minen, bei dem ich mir auch noch den Rock an einer der Fallen zerrissen habe, erfolglos war. Sir Mortis hatte nichts weiter als Beleidigungen für mich übrig, in denen er das Feuer meiner Sklavin bemängelte und sogleich vermutete, dass ich selbst mehr Feuer hätte. Das ist zwar richtig, aber dennoch unverschämt, denn der Mann vermag das gar nicht aus eigener Erfahrung zu beurteilen!

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Genug davon, ich sehe schon vor mir wie deine Stirn sich in ungefällige Wellen legt, Vater.

Er bliebe jedenfalls unten und der Wissende bestellte ihn für morgen zum Rechenschaftsbericht in den Konvent ein. Ich glaube nicht, dass er besonders erbaut war von der Weigerung des Rotkastigen seinen Arbeitsplatz zu verlassen.

Ich werde davon berichten, wie die Sache weiterging. Wenn Mortis sich weigert, werden ihm hoffentlich die Priesterkönige irgendwann das Hirn rausrösten, andererseits, wer soll dann die Sklaven in den Minen unter Kontrolle halten?

Heute Nacht wird es Sturm und Regen geben, glaube ich. Die Wolken sehen mir ganz danach aus, als würde ein Unwetter von der nördlichen Thassa her über die Insel ziehen. Hoffentlich knicken die kleinen Kalana-Pflanzen nicht ab!

Eure Tochter

Dionyza

Insel Chrysos, 11. Tag der ersten Hand im Monat En’Kara, 10,166 CA

****

–> Währenddessen auf der Nördlichen Thassa

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