Briefe aus Chrysos 1

Mein gütiger Vater, liebe Mutter,

auf unserem Weg nach Hulneth geriet das Schiff in einen Herbststurm. Seht mir deshalb nach, dass meine Nachricht euch viel später erreicht als es mir lieb ist. Und erschreckt nicht, eure missratene Tochter ist wohlauf und nicht etwas verstorben oder verschollen wie vielleicht von euch befürchtet.

Trotz des Sturms empfinde ich meine Entscheidung als die richtige. So bleiben Dir, Vater, weitere Demütigungen erspart bei der Suche nach einem passenden Gefährten für mich, der mich nimmt, obwohl ein jeder in der Stadt weiß, was ich einst tat und war.

Hier in der Ferne bin ich nur eine Kartographin, die sich der Aufgabe verschrieben hat, den Norden zu studieren. Und das Leben in Kassau war unvergleichbar mit dem Leben, wie ich es kenne. Doch der Reihe nach. Das Wichtigste und Aktuellste zuerst.

Das Schiff war weitgehend manövrierunfähig und so trieben wir eine Weile auf offener Thassa und wähnten uns schon dem Tode nah. Bis das Schreien von Möwen uns klar machte, dass es Land geben musste nicht allzu weit von uns. So landeten wir an einer Insel, die wir erst für Hulneth hielten und doch etwas ganz anderes war, wie wir recht schnell herausfanden. Laurin Nevius con Kassau besitzt einen überaus scharfen Verstand und folgerte schon bald, dass wir uns weit abseits vom vorgesehenen Kurs befinden mussten. Das Eiland, auf das wir unsere Füße setzten, lag womöglich dort, wo man bisher das Ende unserer Welt vermutete, zumindest was die erforschte Welt unseres Planeten angeht, güter Vater, liebe Mutter.

Reich an Flora und Fauna war unser Überleben fürs erste gesichert und die Wissenden interpretierten sogleich, dass es der Wille der Priesterkönige sein mussten, dass wir das fruchtbare Land als Protektorat Kassaus annektieren. So geschah es nun und wir sind dabei ein Konvent der weißen Kaste und eine kleine Siedlung zu errichten, in der die hoffungsvolle Fackel der einzige wahren zentralgoreanischen Kastenordnung hochgehalten wird. Wie in Kassau auch, werden wir den nordischen Unsitten weiteres Land abtrotzen und den falschen Glauben ausmerzen. Da ich mich dem Schweigen über die Insel verpflichtet habe, behaltet meinen Aufenthaltsort für euch. Ich nehme an, der Administrator von Kassau fürchtet zu recht, dass wir möglichen Angriffen zur Zeit noch recht hilflos gegenüber stehen würden und hält es für angemessen, die Existenz vor der übrigen gelehrten Welt noch eine Weile zu verschweigen.

Ihr seht, das Leben hat zu guter Letzt noch eine Aufgabe für eure Tochter gefunden, auch wenn es niemand mehr für möglich gehalten hatte. Nachdem nicht einmal ein Krieger mich zum Weibe nehmen wollte, ist es wohl das beste, was ich mit meinem Leben anfangen kann.

Seid stolz auf mich und grüßt mir meine Geschwister, Nichten und Neffen. Umarmt besonders Helena, die euch all das gibt, was ich nicht geben konnte.

Dionyza

Insel Chrysos, 2. Tag der fünften Hand im 11. Monat, 10,166 CA

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