Helvegen – der Winter

Es war lange her, dass Sigrid Schnee gesehen hatte. Mehr Schnee, als den, der an den Schuhen und Säumen an den Umhängen der Männer zu Krusten gefroren war, die sie in ihre Höhle trugen, wo er allmählich in der Wärme der brennenden Feuer zu dem zurückkkehrte, aus dem er geboren worden war – zu Wasser. In Pfützen blieb es dort zurück, wo die Umhangträger gestanden und um Rat gesucht hatten.

Es war nicht neu, dass der Winter früh kam und spät ging. Aber die Lager waren gut gefüllt. Korn und Heu aus En-kara. Walfleisch aus Axe und Furdustrandir. Walfleisch war nicht sehr beliebt, aber es machte satt, wenn die Jagd nach Wild zu beschwerlich wurde oder sich die Tiere allzu gut vor den Eisriesen versteckten und der Kälte, die sie brachten.

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Sigrid spürte den Winter dennoch. Nicht nur wegen der kleinen Pfützen von Wasser, sondern auch, weil der Berg unter der weißen Last anders fühlte und klang, die Erde erstarrte um die Zeiten zu überdauern und im Frühjahr erneut fruchtbar zu erwachen. Alles klang leiser und gedämpfter, nur die Stimmen der Götter und die der Ahnen nicht. Vor allem die Stimmen der Ahnen wurden in den Tagen vor Samhain lauter.

Und eine von ihnen machte Sigrid Angst, denn sie wusste von ihrem begangenen Verrat. Die verschwiegene Warnung, die jemanden in die Irre und in den Tod geführt hatte. Sigrid spürte mit jeder Nacht, die es auf Samhain zuging, wie der Schleier zwischen den beiden Welten dünner wurde und sein Raunen deutlicher. Zu allem Überfluss hatte sie ihr Ziel mit seinem Tod nicht erreicht. Immer noch hielt man sie einer Gefangenen nicht unähnlich in der Höhle verborgen, wo ihre Sehnsucht nach Wind, Licht und frischer Luft sie von innen heraus verzehrte, sobald sie die Augen öffnete und die Götter schwiegen. Die Seherin war ein Mensch. Sie hatte Sehnsüchte wie jeder Mensch. Und in diesen Tagen wuchs die Sehnsucht so groß, dass die Angst vor dem Ungewissen dagegen klein erschien.

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Sigrid dachte zurück an die letzte Chance, die sich ihr geboten hatte. Und die sie abgewiesen hatte. Der Kommandant aus Belnend, den sie Bo nannten, hatte wissen wollen, ob sie befreit werden wollte. Ausgerechnet ein Mann aus dem Süden. Und Sigrid hatte die Chance vergehen lassen.

In diesen Wintertagen fühlte sie sich dumm. Dumm und einsam. Und Samhain rückte näher.

Die Kunde von den neu eingetroffenen Gästen hatte die alte Völva zu ihr getragen, aber die Gäste waren fern und die Möglichkeit, dass sie Sigrid Zerstreuung bringen würden, schienen gering und drangen kaum durch den immer trüber werdenden Nebel, der sie umgab. Sie hatte Gesellschaft gefordert. Erst einen Sklaven. Dann ein Kind, das unter dem Zeichen des Rabens geboren werden würde. Doch nichts dergleichen war geschehen oder aber man verschwieg es vor ihr.

Zu der Einsamkeit mischten sich Wut und Verzweiflung. Sie mochte Helvegens Schicksal beeinflussen können, aber sie vermochte offenbar nicht ihr eigenes zu ändern.

***

Samhain in Helvegen, 02.11.2016 um 20.00 Uhr

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