Viata Induri (1)

Meine Schwingen tragen mich aufs Meer hinaus und ich kreise über dem  Kahn, auf dem ahnungslose Menschenkinder auf die Insel zusteuern. Ich kann sie wittern. Sterblichkeit und Schweiß, den körperlichen Zerfall, der sie für die kurze Spanne ihres erbärmlichen Seins begleitet. Auf Viata Induri wird ihre Reise enden, schon so viele Reisen endeten hier.

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Das Vogelherz in meiner Brust pocht schnell und in erregter Vorfreude kreise ich über Deck. SIE ist schon da. Ohne materielle Gestalt, aber ihre Präsenz ist fühlbar. Es dauert nicht lange und auch ER erscheint, eine blutrote Wolke, die sich gegen den fahlgelb schwefligen Horizont abhebt. Es wird Zeit den Kahn zu stoppen, angezogen von einem magischen Gravitationsfeld ist er nun gefährlich nah ans Ufer geraten und wir beginnen unsere Energien zu kanalisieren. Die Entladung bringt das rostige Metall unter uns zum Beben. Die Maschinen stottern und versinken in Schweigen und der Schiffsrumpf schiebt sich mit dem letzten Schwung vollends auf eine Sandbank, die vorher nicht dort war.

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Die Menschenkinder stolpern an Deck, laufen durcheinander und ich kann Verwirrung wittern und Angst. Von hier oben sehen sie so bedeutungslos aus wie sie es sind. Und doch freue ich mich auf unser gemeinsames Spiel.  Ich stürze mich hinunter und greife einen Fisch aus den Wellen, lasse ihn an Deck fallen, wo er  langsam zu verwesen beginnt und seinen Gestank verbreitet. ER schickt einen heißen Wind hinterher und die Aufregung unten nimmt noch zu. Es wird nicht mehr lange dauern und sie werden ihr havariertes Schiff verlassen und zur Insel übersetzen.

Viata Induri. Meine ewige Heimat. Über den Ruinen einer zerstörten Stadt erhebt sich der Turm, geschaffen aus Finsternis und Bosheit. Gekleidet in ein Gewand aus Sand, Knochen und Dornen liegt die Insel uns zu Füßen. Ich fliege höher in die Luft und kreise über den Sterblichen, die sich nun in Gruppen aufgeteilt und ihre Füße in unser Reich gesetzt haben. Ich kann SIE singen hören. Wir sind unterwegs. Wir sind auf der Jagd. Auszuspähen, wen wir uns zuerst holen um zu spielen.

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Einige irren schon seit Stunden umher, als sie vor den verschlossenen Toren des Turms ankommen. Egal wohin sie gelaufen sind, immer war ich da. Manchmal unbemerkt und oft genug mit Unbehagen wahrgenommen. Ihre Verwirrung wird mit jeder Stunde größer und ich wechsle meine Gestalt wieder, lasse aus Federn mein schwarzes Haar wachsen und mein liebstes Kleid.

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ER hat schon jemanden ins Auge gefasst, das kann ich spüren. ER mag die gutgewachsenen Männer so wie ich. Aber wenn ich Glück habe, bleibt einer für mich. Wenn ich Glück habe, lässt ER mir einen. Ich fülle den Korb mit roten Äpfeln und mache mich auf den Weg um mir einen von ihnen zu holen. So bin ich das erste Leben, dem die Menschenkinder in den Ruinen von Viata Induri begegnen. Lucrezia in ihrer reizvollen, menschlichen Gestalt.

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Einer isst von meinen Äpfeln, so dass ER ein leichtes Spiel haben wird. Die aufkommende Übelkeit treibt ihn fort von der restlichen Gruppe. Der Alte mit den grauen Haaren, den sie Kapitän nennen, wird grob. Er versteckt sich hinter seiner Waffe wie ein Kind hinter unter einem Tischtuch, fasst mich grob am Arm und verlangt dann in den Turm gebracht zu werden. Es sind immer die vermeintliche Mutigen, die uns das leichteste Spiel bereiten. Ich lasse meine Augen in Unschuld blühen und stelle mir vor, was ich mit ihm tun werde, wenn man es mir erlaubt.

Als die Tore hinter ihm zufallen und ich meine Illusion eines Funkgerätes zerfallen lasse, verliert er die Beherrschung und jagt mir ein Geschoss in meinen Kopf. Wer könnte es ihm verdenken? Sein Temperament ist unbeherrscht und wild und in gewisser Weise trägt er gute Anlagen in sich. War er nicht grausam genug Lucrezia töten zu wollen? Der Schmerz füllt mich ganz aus und dann zerfalle ich, mein Fleisch schmilzt von den Knochen, die Knochen zerfallen zu Staub und der Wind treibt meine Überreste durch die Halle. Allein bleibt er zurück im Turm. Lassen wir ihm eine Nacht und dann sehen wir morgen nach ihm. Manche verlieren den Verstand schon nach einer Stunde, aber ich traue ihm mehr zu. Ich traue ihm zu, dass er mir viele Tage Vergnügen bereiten kann bis er schließlich Teil der Dunkelheit wird.

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