Suite No. 8 / Praeludium

Paris – Quartier de la Porte-Saint-Martin, 19. Mai 2036
Hotel Cherbourg, Suite No. 8

Die Zeit schien stehen geblieben zu sein im alt-ehrwürdigen Hotel Cherbourg im 10. Arrondissement in Paris. Der Eingang war mit keinem Stern geschmückt, in den einschlägigen Portalen fand sich wenn überhaupt nur ein spärlicher Eintrag. Der Putz an den Wänden hatte schon bessere Zeiten gesehen, an der Rezeption gab es weder Computer noch Displays. Stattdessen lag dort noch ein riesiges Reservierungsbuch mit vergilbten Seiten und fein-säuberlichen handschriftlichen Einträgen. Auch moderne Chipkarten für die Zimmer suchte man vergeblich und fand lediglich einen altmodischen Holzschrank mit kleinen Fächern, in denen noch richtige Schlüssel hingen. In den Zimmern dominierten dunkle Holzböden und schwere Vorhänge. Geheizt wurde noch auf die traditionelle Art – mit offenem Kamin und dem wertvollen Rohstoff Holz. Telefone und Fernseher suchte man vergeblich in den Zimmern – genauso wie Minibars oder WIFI. Die Fliesen in den Badezimmern waren über 100 Jahre alt, die Badezimmereinrichtung stammte noch aus den 60er Jahren des letzten Jahrtausends. Trotz allem strahlte das Cherbourg einen Charme aus, dem sich die Gäste nur schwer entziehen konnten. Es hatte etwas Nostalgisches, beinahe Verruchtes.

Touristen allerdings, mitsamt ihren Ansprüchen an die moderne Zeit, betraten nur selten dieses Hotel. Und falls doch, dann war es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ein freies Zimmer zu bekommen. Die meisten Räume und Suiten waren über Jahre hinweg fest vermietet. Der Hoteldirektor Pierre – ebenfalls ein Relikt aus vergangenen Zeiten und Inbegriff eines Gentlemen, verwies die wenigen nicht-Pariser die sich ins Cherbourg verirrten mit einem freundlichen Lächeln an andere Häuser, die besser zu den Bedürfnissen der Reisenden aus aller Welt passen würden. Seine Aukunft war stets die gleiche: „Bedaure, wir haben leider kein freies Zimmer“

Einen Hinweis auf die Besitzer des Hotels fand man nur im Handelsregister von Paris. Ein reicher Bankier und seine Frau, namhafte Bürger der Stadt Paris, die mittlerweile allerdings die meiste Zeit des Jahres außerhalb der Stadt verbrachten. Nur gelegentlich sah man sie in Paris, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Galerieeröffnungen.

In der Nachbarschaft wunderte man sich schon länger über dieses seltsame Haus. Es gab kein Restaurant, keine Bar und keine der sonst üblichen Veranstaltungen. Gäste sah man zumindest tagsüber nur selten ein- oder ausgehen. Erst in den späten Abendstunden erwachte das Cherbourg zum Leben. Die Lichter wurden eingeschaltet und tauchten die alte Fassade des Hauses in ein warmes Licht. Teure Wagen fuhren vor, ein schweigsamer Bediensteter begleitete die vornehmlich männlichen Besucher ins Haus, während ein weiterer Angestellter sich um den Wagen kümmerte.

Ein aufmerksamer Beobachter würde schnell feststellen, dass die Gäste des Hotels meist nicht lange blieben. Einige Stunden später wurde der Wagen im Schutz der spärlichen Nachtbeleuchtung wieder gebracht und der Gast verliess das Haus. Gegen Mittag wurden die Vorhänge der Zimmer geöffnet. Dem aufmerksamen Beobachter würden die Damen ebenfalls auffallen, die das Hotel kurz nach Öffnen der Vorhänge verliessen. Vielleicht würde der aufmerksame Beobachter annehmen, dass es sich bei den Damen um Zimmermädchen oder andere Bedienstete handelte. Wahrscheinlich würde er sich aber gleich im Anschluß fragen, warum die Zimmermädchen Kleidung aus den teuersten Boutiquen der Stadt trugen.

Den Besitzer und seine Frau hingegen sah man nie im Hotel Cherbourg. Lediglich ihr Geld floss, um das alte Haus für diejenigen zu erhalten, die den Charme längst vergangener Zeiten und die besonderen Dienstleistungen des Hauses zu schätzen wussten. Die Gäste selbst wussten nichts von ihnen, für sie war Pierre der Ansprechpartner für alle Belange des Hauses. Ja, das Cherbourg war eine wahrhaft exklusive Adresse in Paris.

Am Nachmittag des 19. Mai 2036 betrat eine der Damen das Hotel. Sie hatte das Haus nur für wenige Stunden verlassen. Kaffeetrinken mit Freunden, einkaufen in einer der unzähligen neuen Malls in Paris, ein kurzer Besuch in einem Beauty-Salon. Pierre erwartet sie bereits und reichte ihr eine handgeschriebene Nachricht.

„22.00 Uhr heute Abend. Sie erwarten einen besonderen Gast. Sein Name ist Gerard. Er wünscht eine Einführung in die besonderen Leistungen des Hauses. Kümmern Sie sich gut um ihn. -Pierre“

Die Dame nahm die Notiz entgegen, las sie und nickte Pierre zu. Es gehörte zum guten Ton im Cherbourg, dass nie von Kunden die Rede war, sondern immer nur von Gästen. Nachdem die Dame ihre Zustimmung signalisiert hatte, griff Pierre in die Sakkotasche und reichte ihr einen verschlossenen Briefumschlag. Darin befand sich eine Chipkarte mit dem vereinbarten Honorar: 15.000 Euro, der übliche Satz. Leider fehlte die sonst übliche Liste mit den Wünschen des Gastes.

Nachdem die Dame die Lobby verlassen hatte, griff Pierre nach seinem Mobiltelefon und suchte die Nummer des Gastes heraus.

„Monsieur? Oui, Pierre hier. Es ist alles arrangiert. Wir erwarten sie und freuen uns auf ihren Besuch in unserem Haus“

Mit einem selbstzufriedenen Lächeln legte Pierre auf. Auch er würde einen mehr als großzügigen Betrag für seine Dienste und Diskretion erhalten.

(Text Beric01 Resident)

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***

Solange

Solange Moreau war 27 Jahre alt, war im 13. Arrondissement geboren und aufgewachsen und fest entschlossen die wenigen Chancen, die das Leben ihr hier bot zu nutzen. Ihren Vater, der wohl nach Angaben ihrer Mutter aus dem Moloch von Marseille stammte, hatte sie nie kennengelernt, da er vor ihrer Geburt schon längst wieder das Weite gesucht hatte. Ihre Mutter hielt sich mit einfachen Nebentätigkeiten über Wasser, die wenig Extras und Vergnüglichkeiten erlaubten. So kam es, dass Solange zum ersten Mal mit 16 für Geld mit einem Mann schlief. Hierbei war sie keinesfalls das Opfer, auch wenn sie an Jahren ihrem Lehrer überlegen war, so ging er doch der Lolita in die wohlgesetzte Falle und um an den stattlichen Betrag zu kommen, drückte sie im Anschluss auf die Tränendrüse und erhielt eine schöne Summe an Schweigegeld, das ihm den Job rettete und von ihr in eine Kollektion von kokett geschnittenen Schulmädchenuniformen investiert wurde.

In dieser Nische verbrachte Solange ihre erste Phase von Erwerbstätigkeit und lernte im Rahmen ihrer ersten Erlebnisse auch Pierre kennen. Mit 19 war sie ein wenig zu reif für die Schulmädchennummer und erweiterte ihr Repertoire mühelos und ohne den Ansatz einer  moralischen Krise. Sie mochte, was sie tat. Sie mochte es, Männern den Kopf zu verdrehen und sie mochte Männer an sich, weil sie berechenbar waren. Vor allem aber mochte Solange das Geld, denn das hatte sie lange vermisst. Die freie Zeiteinteilung ermöglichte es ihr einen Schulabschluss nachzuholen und zu studieren. denn Solange war bei aller Durchtriebenheit nicht auf den Kopf gefallen. Ihre Zeit rannte und sie hatte Ziele, die ihr ein Leben erlauben sollten, das ihren gestiegenen Ansprüchen gerecht würde. Und zwar auch dann, wenn sie die 30 Jahre überschritten haben würde.

Im Hotel Cherbourg landete Solange Moreau über Pierre. Man könnte sagen, dass sie hier ein gutes Auskommen hatte, das den Höhepunkt ihrer jungen Karriere bildete und sie wusste es. Ihr war längst nicht mehr anzumerken, woher sie stammte. Sie verkörperte den Geist des Cherbourg durch und durch: Nur eine freie Hure war eine wirklich gute Hure. Und das spürte man und ließ die Gäste zufrieden das kleine Haus wieder verlassen. Nur selten war hier ein Wunsch zu ausgefallen – was man natürlich bei dem Preis letztlich auch erwarten konnte.

Solange war hier „Mademoiselle Solange“ und man kann es wohl als Besonderheit bezeichnen, dass sie im Hotel Cherbourg noch keinen Mann getroffen hatte, der sie überrascht hätte. Als sie jedoch an jenem Nachmittag im Mai den Umschlag öffnete, vermisste sie die Liste mit den Vorlieben des Gastes. Nur, dass er eine Einführung wollte in den besonderen Service des Hauses. Was alles und nichts heißten konnte, wie Solange mit einem leisen „Merde, Pierre“ quittierte, bevor sie unter die Dusche schlüpfte. Dennoch war sie davon überzeugt, dass es nicht schwer sein würde einem Anfänger im Cherbourg den Kopf zu verdrehen.

(Text Nea Narstrom)

***

Wie der Vater, so der Sohn

Gerard hatte erst vor einer Woche seinen 22. Geburtstag mit Freunden in Paris gefeiert und beschloss noch ein paar Tage länger in der Stadt zu bleiben. Die Klausuren lagen hinter ihm, die Semesterferien standen kurz bevor und der Ruderclub in Cambridge würde noch ein paar Tage länger auf ihn verzichten können. Seine Eltern waren vereist, weshalb er wie üblich ihr Stadtapartment bewohnte. Geld spielte nur eine untergeordnete Rolle in seinem Leben, es war genug davon vorhanden und interessierte ihn nicht weiter. Sehr zum Unmut seines Vaters entschied sich Gerard für ein Studium der Politikwissenschaft und träumte von einer aufregenden Laufbahn im diplomatischen Dienst.

Es dauerte eine Weile, aber schließlich akzeptierte Gerards Vater seine Wahl, ermahnte seinen Sohn allerdings immer wieder die Träumereien sein zu lassen und sich dem Ernst des Lebens zu stellen. Der Ernst des Lebens .. für Gerard konnte es bis dahin noch eine Weile dauern. Er genoß seine Studienzeit in vollen Zügen, verbrachte mehr Zeit beim Sport auf diversen Parties als im Hörsaal.

Es war ein dummer Zufall, der Gerard auf die Spur des Cherbourg brachte. Das Arbeitszimmer seines Vaters war immer eine Tabuzone. Er konnte die wenigen Male an einer Hand abzählen, an denen er die Tür des Zimmers unverschlossen vorgefunden hatte. Als Gerard nach einer durchzechten Nacht beschloss den Rest des Tages im Apartment zu bleiben, konnte er noch nicht ahnen, dass er den Rest des Abends am Schreibtisch seines Vaters verbringen würde. Es war die Frau die er mit nach Hause gebracht hatte. Auf der Suche nach dem Badezimmer verirrte sie sich ausgerechnet in das Arbeitszimmer seines Vaters und ließ die Tür offen stehen. Gerard bemerkte die Tür erst, als er sie hinausbegleitete und konnte nicht widerstehen. Sein Vater hatte tatsächlich vergessen, die Tür zu verschliessen. Eigentlich erwartete Gerard nichts aufregendes dort. Langweilige Finanzberichte und dergleichen. Dennoch war die Neugierde größer, schließlich musste es einen Grund geben, warum der Raum immer verschlossen gehalten wurde.

Mit einem Glas Wein in der Hand nahm er auf dem schweren Ledersessel seines Vaters Platz. Auf dem Schreibtisch lagen tatsächlich einige dieser Berichte neben einem Stapel alter Tageszeitungen. Dann fiel ihm die Visitenkarte ins Auge. Wer hatte denn heutzutage noch Visitenkarten? Neugierig nahm er sie in die Hand und studierte sie eingehend. Hotel Cherbourg stand darauf, darunter die Adresse in Goldlettern. Auf der Rückseite hatte sein Vater handschriftlich eine Nummer vermerkt und „Pierre“ darunter geschrieben. Ein Hotel also, nichts weiter. Gerard öffnete eine Schublade nach der anderen und fand noch weitere Finanzpapiere. Fast sah er sich schon in seinem Verdacht bestätigt. In diesem Zimmer gab es nichts von Interesse. All die Jahre und all die verbotene Neugier umsonst. Da fiel ihm erneut ein Bündel Papier in die Hände und wieder prangte darauf in altmodischen Goldlettern der Name „Cherbourg“. Nun war sein Interesse geweckt und er begann zu lesen.

(Text Beric01 Resident)

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