Brüder

Im Höhlengewölbe verfangen sich die Laute ihrer Schritte und regnen auf mich herunter. Ich starre in die Dunkelheit, die weit oben immer dichter wird, bis ich nichts mehr sehe. Obwohl der alte Jarl, der mich hier festzuhalten begonnen hat, tot ist, bin ich Teil dieser Welt hier unten im Berg und das Licht der Welt oben trage ich nur als Erinnerung mit mir. Mein Licht hier unten sind die Flammen. Ich streicht von der Paste, die die Völva mir gab, auf meine Handinnenseiten, damit meine Haut heiß wird wie Feuer. Jörd ist hier und flüstert mit den Stimmen der Elemente auf mich ein: Feuer, Wasser, Luft, Erde. Die Schritte kommen näher und ich bleibe liegen und starre in die Dunkelheit des Felsengewölbes bis meine Augen schmerzen.

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Als ich mich aufrichte, sind sie schon nah, starren sie mich an mit ihren Augen, riechen nach Freiheit und Lachen und den Freuden der Sterblichen, vor denen sie mich wegsperren. Beneidet Mutter Erde ihre Kinder?  Streng schimpft Jörd in meine Gedanken hinein. Ich mag es, wenn sie mich aufsuchen, ihre Stimmen klingen wie Melodien obwohl sie niemals singen. Yoric begehrt mich, bei Sigurd überwiegt die Furcht, die ihn davon abhält etwas zu begehren, durch das die Götter sprechen. Ihre Augen sagen so viel mehr als ihre Worte. Da stehen sie, die zwei Brüder, denen ich die Herrschaft über Helvegen zugesprochen habe und wollen von mir wissen, ob ihre Bündnispläne Gefallen bei den Göttern finden.

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Ich lasse Wärme durch meine Handflächen in ihre Hände fließen und versuche die Stimmen der Götter einzufangen, die jetzt leise sind wie das Rascheln von Blättern in den Baumkronen über Erde und Felsen, über meinem Kerker. Du begehrst, was dir nicht zusteht, klagt Jörd meine Gedanken an. Ich weiß, was sie meint. Dass ich davon träume, dass sie mich ins Freie lassen und ich den Tag noch einmal erwachen und einschlafen sehe. Dass ich einen Mann finde und Brotteig knete mit meinen Händen. Solcherlei sind die Träume, die die Stimmen der Götter leise werden lassen.

Die beiden ungleichen Brüder bekommen ihren Ratschlag der Götter dennoch. Die alte Völva hat mich alles wissen lassen, was sie in Erfahrung bringen konnte seit Yoric vom Treffen der Nordjarls zurück ist. Yoric gefällt nicht, was er hört. Spräche aus mir nicht der Wille der Götter, so würde er mir das Kleid vom Leib reißen und meine Furche pflügen wie einen Acker. Sigurd will wissen, ob im Bauch seines Weibes ein Sohn heranwächst. Er wird wieder kommen müssen, wenn er meinen Wunsch erfüllt hat. Ich will wissen, wie gehorsam er ist und wie stark er wirklich glaubt.

Der Hall ihrer Schritte regnet ein weiteres Mal auf mich herab, wird schließlich leiser und zum bloßen Hauch, bis die Gänge der Höhle hinter sich lassen und mich wieder allein mit den Stimmen der Götter lassen. Sigrid. Sigrid. Sigrid. Manchmal flüstere ich meinen Namen, damit ich weiß, dass es mich noch gibt. so übermächtig wird die Dunkelheit, wenn sie gegangen sind.

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