Eissturm

Hana stand dicht an der Glasscheibe, die die Rezeption von dem Unwetter draußen trennte. So dicht, dass ihre Nase fast das Glas berührte. Schemenhaft sah sie ihr eigenes Gesicht gespielt und dahinter viele Menschen, die sich an diesem Tag dort aufhielten und im Radio auf neue Meldungen des nationalen Wetterdienstes lauschten und sich an den kostenlosen Heißgetränken bedienten. Das Streusalz war ausgegangen. Die Mitarbeiter in der gesamten Stadt im Noteinsatz. Nach der letzten Nacht warten einige Bürger von NYC sogar in ihren Wohnungen eingeschneit, vor deren Türen sich der Schnee meterhoch zu Verwehungen angesammelt hatte.

Auf Bradys sonst so penibel gepflegtem Hotelvorplatz hatte sich das Eis neues Gebiet erobert und war bis zum großen Eingangsportal vorgekrochen. Gletscherartig überzog es ganz New York City mit seiner kalten, glatten Präsenz. Darüber tobten und taumelten die windgepeitschten Schneekristalle durch die Luft. Wer sich den Schal nicht weit übers Gesicht zog, spürte draußen mit aller Deutlichkeit wie schmerzhaft Kälte sein konnte. Hana konnte sich an keinen Blizzard mit dieser Stärke erinnern. Hana hauchte gegen die Scheibe und – obwohl die große Hotelhalle noch gut geheizt war im Vergleich zu anderen Problemvierteln der Stadt – gefror der feuchte Fleck zu Kristallen.

Und heute sollte Pluto erst seine volle Stärke entfalten, hatte der Wetterdienst gemeldet. Schon in der ersten Nacht waren obdachlose Nichtexistenzen an den Docks drüben erfroren. Nun hatte man ihnen Unterkunft in der U-Bahnstation Upper East Side angeboten um das Schlimmste zu vermeiden und sie nebenbei einer Registrierung zuzuführen. Die Regierung war pragmatisch. Eine tote Krähe lag steifgefroren auf dem Gehweg. In ihren Flügeln klebten Klumpen aus gefrorenem Schnee.

Hana musste heute oft an ihren Vater denken, seit sie gestern den Anruf von der Frau bekommen hatte. Das sah ihrem Vater ähnlich, sich mit einer fast Fremden 20 Jahre später zu verabreden, weil sie sehen wollten, was aus dem anderen geworden war. Einer Studentin in NYC und einem Buchhändler, der gegen den Strom schwamm. Amando war ihr Name gewesen, erinnerte sich Hana. Fast ein Wunder, dass sie Books & Prints noch wiedergefunden hatte, denn sie war lange Zeit aus NYC fort gewesen. Hana fuhr mit dem Finger zärtlich durch das Eis und schmolz einen Streifen hinein. Wer weiß, vielleicht würde sie etwas Neues über ihren Dad erfahren, etwas, das sie noch nicht kannte von seiner schillernden Existenz als Menschenrechtler, Widerständler und komischer Kauz mit Prinzipien.

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Bei dieser Wetterlage war nicht daran zu denken, ihrer Beschäftigung im Lotus Bleu nachzugehen. Es gingen keine U-Bahnen und zu Fuß war nicht daran zu denken, nach Chinatown zu gelangen. Schon auf dem Rückweg gestern aus SoHo war Hana gestürzt und hatte sich eine Platzwunde am Hinterkopf zugezogen, die von Dr. Lisle fachgerecht geklammert werden musste. Dabei war sie so nah dran gewesen, endlich an das Zeug zu kommen, das dort mit viel Geflüster und Heimlichkeit besonderen Kunden intravenös verabreicht wurde. Sie musste noch geduldiger sein. Ein Seufzen kam über ihre Lippen. Bisher hatte sie dort nur eine Person erkannt unter dem dicken und bizarren Make-Up einer Geisha. Lola Liebknecht. Und das auch nur, weil Hana Mark Brady sexuell zu einem Abenteuer zu dritt gedrängt hatte, als es sich ihnen offerierte.

Ein kleines warmes Nachbeben erschütterte Hanas Schoß. Sie hatte vorher nie eine Frau geküsst, aber Lolas Talent in erotischen Belangen war unverkennbar. Sie bereute nichts in dieser Sache. Aber man musste Lola im Auge behalten. Die Frau war skrupellos und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Hana wandte sich erst von der Scheibe ab, als ihr Telefon klingelte. Mark Brady war immer noch darum bemüht, Streusalz auzutreiben. Ergebnislos wie sie nun erfuhr. Sie nahm den Fahrstuhl nach oben und dachte nach. Lola kam ihr bedrohlicher vor als der Blizzard. Sie mussten vorsichtig sein. Je besser man sie bezahlte, desto mehr würde die Gier wachsen. Ob Liebknecht das Gerücht in Dashing Harry’s Radioshow gestreut hatte, dass ein gewisser Mister B. von der Upper East Side sich mit zwei Nutten in Chinatown vergnügt hatte? Wenn ja, dachte Hana, dann hatte dieser spezielle Sturm Mister Mark Brady womöglich noch nicht in voller Stärker erreicht, während der Blizzard nun bereits das eisigste seiner Gesichter zeigte.

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