Flashback

Schon das Anlegen des Kimonos ließ in Hana das eigentümliche Gefühl einer Zeitreise aufkommen. Der Stoff glitt über den Drachen auf ihrem Rücken und verursachte eine unmittelbare physische und emotionale Reaktion, sie sie zurück in die Vergangenheit katapultierte. Der Geruch von Nikotin an ihren Fingern und Lippen und der Geschmack einer hastig gerauchten Zigarette legte sich wie Blei über ihre Zunge und verschloss ihr den Hals, so dass sie das Gefühl hatte nicht mehr weiter atmen zu können. Dann hörte sie die Schüsse in exakt der gleichen Reihenfolge und in exakt dem gleichen zeitlichen Abstand wie damals: Einer. Dann eine kurze Pause, als müsse die Richtung gewechselt werden, dann zwei weitere. Der glühende Bogen, den die weggeworfene Kippe im Dunkel der Nacht hinterließ, ihre Hand auf dem Türknauf, dann erst Gegenfeuer, das die Ouvertüre der Zerstörung zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie des Schreckens werden ließ. Die Kühle der Waffe in ihrer eigenen Hand. Der Blick in den Raum wie auf eine Leinwand von weiß, schwarz und rot, fließendem, schrecklichem Rot und inmitten von diesem Rot zwei Gewissheiten. Die Augen von Imako Kelly, in denen schon der Tod seine Signatur hinterlassen hatte. Und die Erkenntnis, dass sie sterben würde. Dass sie ebenfalls sterben würde. Sie hatte die Waffe nicht mal mehr gehoben, sondern hatte sich umgedreht und war ihrem Fluchtreflex gefolgt. Bis die Wucht der einschlagenden Kugeln sie zu Boden geworfen hatten. Drei. Sie konnte sich an drei erinnern. Dann erlosch die Welt vor ihren Augen.

Hana verschloss den Stoff vorne mit dem Obi und schlüpfte dann in die traditionellen Holzsandalen. Es war alles so lange her. Das Schlitzaugen-Schlachtfest, wie es in den Docks genannt wurde. Ihr langer Aufenthalt im Krankenhaus, von dem sie sich in weiteren Teilen nur an Thomas Crownes Stimme erinnerte und an seine warme Hand, die ihre wärmte und die ihr über die Stirn strich. Die Gewissheit, dass Imako Kelly tot war, bevor sie überhaupt selbst wieder in der Lage gewesen war, nach ihrer Mutter zu fragen. Dann ein halbes Jahr später der Prozess. Ihre eigene, ausgeklügelte Aussagen, die genau kalkuliert die notwendige Anzahl Mitglieder der Triade, aber vor allem der chinesischen Fraktion, die mit den Russen kollaboriert hatten,  über die Klinge springen ließ, damit der Staatsanwalt das Gefühl hatte, einen guten Deal gemacht zu haben mit ihr als Kronzeugin. Der selbstgewählte Tod ihres Großvaters nach dem Schlachtfest. Das Machtvakkum, das nach seinem Tod entstanden war, hatte Hana nicht mehr interessiert. Sie war bei Thomas Crowne auf der Upper East Side geblieben und hatte beschlossen, ihre japanischen Wurzeln zu kappen, notfalls mit Gewalt. Das Machtvakuum genutzt und den endgültigen Sieg über die chinesische Fraktion hatte Mello Ho Kelly davongetragen. Ihr Cousin. Seitdem war Chinatown geeint unter seiner Führung.

Und Hana war Buchhändlerin. Nichts weiter als eine Buchhändlerin. Das andere kam ihr vor wie das Leben einer anderen, die gar nicht sie gewesen war. Ein Blick in den Spiegel überführte sie der Lüge. Sie zog sich die Lippen nach und machte sich auf den Weg, weil Mello gerufen hatte.

Im Golden Eye machte man Platz für ihn. Er war eine bekannte Größe der New Yorker Unterwelt. Mit einem ausgeprägten Sinn für Familie, der oberflächlich respektvoll war, aber unter der Oberfläche schlicht darauf ausgerichtet war, Gehorsam einzufordern, weil die Pflicht zum Gehorsam die Grundlage von allem war. Hana spürte wie ihr übel wurde in seiner Gegenwart. Für lange Augenblicke drängte ein weißes Rauschen in ihrem Kopf die wummernden Clubbässe und die ohrenbetäubende Lautstärke zurück. Er kam nicht allein. Er war selten ohne die Begleitung einer schönen Frau anzutreffen. Spielzeuge. Das Spielzeug, das jetzt an seiner Seite war, nannte sich Sayo. Etwas, das er mit Hana gemeinsam hatte. Vielleicht nicht das einzige, aber Hana zwang sich dazu, sich ihm nicht verbunden zu fühlen. Sie war Thomas Crownes Tochter. Sie führte einen Buchladen. Es ging ihr immer nur um den Buchladen. Der Buchladen hatte oberste Priorität. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen.

Durch die Formeln der Selbstberuhigung brachen Mellos japanische Worte wie Schüsse in ein ruhig daliegendes Wasser, in dem sich zuvor nur Himmel und Mond gespiegelt hatten.

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Ich möchte, dass du etwas für mich tust, Hana-San. Ein Name muss getilgt werden und du weißt, ich habe es nicht so mit diesen Kevins, die ein Händchen haben Dinge im Netz für uns zu erledigen.

Das war sehr beschönigend, dachte Hana. Mello war bekannt für die Konzentration auf konkrete Geschäfte. Die Netzkriminalität hatte er seit jeher unterschätzt und damit lange Zeit vernachlässigt. Womöglich war ihm der eine oder andere Berater in dem Bereich weggestorben.

Ich weiß, dass dein Laden nicht läuft und dachte – helfe ich Hana-san, dann findet sie vielleicht zurück in den Schoß ihrer Familie statt allein gegen die Welt zu kämpfen.

Hana versuchte die erste Regung in ihrem Gesicht zurückzudrängen und den Schock zu überwinden, darüber dass Mello sie und ihr kleines neues Leben weder aus den Augen verloren, noch aus seiner Kontrolle gelassen hatte. Er hatte den Schmetterling eine Weile fliegen lassen und seine Farben beobachtet. Aus der Ferne.

Das hier, Hana-san, das hier gehört dir und löst deine finanziellen Probleme. Wenn du mir diesen kleinen Gefallen tust. Er zeigte ihr den Diamanten, hielt ihn gelassen zwischen Zeigefinger und Daumen, so dass sie Lichteffekte im Golden Eye auf seinen Facetten tanzen konnten.

Sie kalkulierte im Kopf bereits das Risiko. Sie hatte auch keine Ahnung, ob sie überhaupt noch in der Lage war einen Kontakt herzustellen. Das Darknet veränderte sich schnell. Wechselte seine Gestalt wie ein Chamäleon, nur im Zeitraffer. Und doch hoffte Hana auf einige Konstanten, auf die sie sich würde verlassen können. Der Laden. Sie würden den Laden damit über eine lange Zeit retten können. Der Gedanke war Balsam für das tobende Inferno von Erinnerungen in ihrem Kopf.

Ich werde sehen, was ich tun kann, Mello. Ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor.

Nein, du wirst nicht sehen, was du tun kannst, Hana-San. Du wirst es tun. In zwei Tagen erwarte ich einen Zwischenstand. Mello lehnte sich zufrieden zurück und der Diamant verschwand vor ihren Augen. Er hatte seine Pflicht getan.

Der nächste Einwand war ein schwacher Versuch sich den Rest eines Verteidigungswalls gegen das hereinbrechende Dunkel zu bewahren: Es ist eine einmalige Sache, Mello. Und ich bin dir danach zu nichts weiterem verpflichtet.

Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an: Erzähl du mir nichts von Freiheit, Hana. Du bist hier. Du bist Teil der Familie. Rede nicht von Dingen, an die du selbst nicht glaubst.

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Als sie den Club verließ, hatte sie ein Gefühl des Driftens zwischen zwei Oberflächen, die zu glatt waren um sich an ihnen festzuhalten. Buchhändlerin. Buchladen. Mello. Familie. Hanas Hirn begann zu pochen, aber zumindest der Kopfschmerz war konkret und greifbar. Sie lief an der Subway Station vorbei und trat den Rückweg zu Fuß an. Halloween. Sie fiel überhaupt nicht weiter auf in ihrem Kimono, als sie durch die Nacht lief. Erst als sie mitten auf der Brücke war und auf den East River hinuntersah, in dessen ruhigem Dunkel sich der helle Mond spiegelte, hatte sie einen kurzen Gedanken an Mark Brady. Sie hatte ihm versprochen, ihn keiner Gefahr auszusetzen mit ihrem Spiel . Das musste sie im Auge behalten. Sie musste.

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