Unter Knienden

Ihr ganzer Leib war in Aufruhr und ihr Gesicht so gerötet, dass der Schnee, in den ihre Wange sich nun senkte ihr wie eine willkommene Abkühlung erschien. Das Knurren war jetzt so laut, dass sie kurz aufschrie, während das Atmen der Bestie in ihren Ohren rauschte. Die Zähne des Wolfs drückten sich unbarmherzig um ihren Oberarm zusammen und sein Gewicht presste sie mit dem Bauch voran auf den Boden.

Tesha hob den Kopf ein Stück. Erneut ein drohendes Knurren. Direkt vor ihr stand die Frau, von der sie nun nicht mehr sehen konnte als den Saum ihres Umhangs, zwei Männer befanden sich mit gezogenenen Schwertern rechts und links davon, einer davon eine Krähe, der andere eine andere Art von Kniendem. Dahinter weitere. Die Gruppe war zu groß um siegreich zu bleiben. Doch was nun geschehen würde, vermochte Tesha nicht zu sagen.

Schon wieder hatten die irren Krähen Frauen in den Verfluchten Wald mitgebracht. Eigentlich war Tesha nur neugierig gewesen auf deren Kleider. Zu gut hatte sie das letzte Weib noch in Erinnerung. Der Magnar hatte das Blut ihres Sohnes im weißen Schnee vergossen. Verfluchte Neugier!

„Sie soll sich erheben. Lass sie los, Schatten.“

Der Druck der Wolfszähne auf ihren Arm verminderte sich. Sie spürte keinen warmen Blutfluss und wusste, nur blaue Flecke würden zurückbleiben. Sie stand auf und erduldete es mit funkelnden Augen, dass man ihr ihren Rucksack und ihren Bogen abnahm.

Die Frau mit dem Haar hell wie Sonnenstrahlen, schien das Sagen zu haben und wollte ihren Namen erfahren. Tesha Krähenschlächter, antwortete Tesha und stieß ein wütendes Jaulen aus, als die Krähe links von ihr den Fuß auf ihren Rucksack stellte und das zerdrückte, was sie mühevoll im VerfluchtenWald gesammelt hatte.

tesha_001

Tesha Greeneyes.

Ich bin Freya Stark, Tesha mit den grünen Augen. Ich bin hergekommen, weil ich das Schwert meiner Sippe suche, das einer von eurem Volk haben soll.“ Es folgte eine Beschreibung des Schwertes, der Tesha mit wachsender Unruhe lauschte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hatte weder eine Chance zu fliehen, noch sich zur Wehr zu setzen bei dieser Übermacht. Aber sie konnte auch Bukarts Namen nicht nennen oder zugeben, dass sie wusste, wo das Schwert war, wenn sie nicht als Verräterin zurück ins Lager gehen wollte. Den Zorn des Magnar der Thenn wollte sie sich gar nicht ausmalen.

„Wir haben dein blaues Schwert nicht!“

„Blau? Das habe ich gar nicht erwähnt.“ Auf dem Gesicht der Frau zeigte sich Hoffnung in Form eines Lächelns. Hoffnung und ein wenig Spott, über Teshas Missgeschick der Zunge. Sie hatte sich verraten. Sie wusste, wo das Schwert war. Es war nicht wirklich blau, aber wenn man es ins Licht hielt, schienen im Stahl Wellen zu tanzen, blaue, graue und dunklere. Es hatte Tesha gut gefallen.

Die Frau kramte in ihrem Beutel und hielt ihr etwas entgegen. Kräuter von einer Beschaffenheit, wie Tesha sie nie zu vor gesehen hatte. Ihr Duft entfaltete sich selbst im getrockneten Zustand noch so stark, dass er bis in ihre Nase drang.

„Ich möchte das Schwert zurück, Tesha. Ich bin bereit euch dafür andere, kostbare Dinge zu überlassen. Dinge, die Kranke gesund machen und die ihr besser brauchen könnt.“

Tesha wich ein Stück zurück, doch immer noch wachte der Wolf hinter ihr und die Männer neben ihr. Sie wollte die Kräuter, aber unter keinen Umständen durfte sie den Magnar verraten oder die Frau zum Lager führen.

„Ich kann nicht für andere entscheiden, Freya Stark. Ein jeder von uns trifft seine eigenen Entscheidungen und ich habe dein Schwert nicht. Es ist nicht meine Beute gewesen. Gegen was hilft das, ich kenne das nicht. Vielleicht willst du uns nur krank machen.“

Freya blieb ruhig. „Es hilft gegen Erfrierungen. Ich habe mehr davon und anderes. Kräuter, die du hier im Schnee niemals finden wirst und die nur auf der Insel wachsen, auf der ich lebe. Ich will nur eins von dir. Trag die Kunde in dein Lager und überzeuge deine Leute von dem Tausch. Wir sehen uns morgen hier an dieser Stelle um die gleiche Zeit. Was ist für euch noch von Nutzen?“

tesha_003

Tesha seufzte. Der Magnar würde sie eigenhändig mit seinen riesigen Händen erwürgen dafür, überhaupt mit dem Weib gesprochen zu haben. Die Aussicht, dass sie ihn davon überzeugen konnte ein Tauschgeschäft mit Krähen und Knienden einzugehen oder überhaupt zu Verhandlungen zu erscheinen, erschien ihr dermaßen gering, dass sie versucht war, gleiche alle Hoffnungen aufzugeben. Schließlich gab sie sich einen Ruck. Erfrierungen. Sie hatte so oft Zehen und Finger abtrennen müssen, weil die Eisfäule darin steckte. Auch sie selbst hatte nur noch neun Zehen. Wenn es dagegen ein Kraut gab, so wollte sie es unbedingt haben. Aber nicht nur die Kälte, setzte ihrem Volk zu. Einige wurden schwächer und schwächer und verloren ihre Zähne. Der Mund fing an zu bluten und zu stinken und schließlich plumpsten sie heraus wie überreifes Obst, obwohl das Alter noch gar nicht gekommen war. In Schnee und Eis wuchsen keine Früchte. Im Lager konnten sie nichts anbauen. Vom erjagten Fleisch allein konnte man überleben, aber es verhinderte die Krankheit nicht, die sie die Mundfäule nannten. Der Magnar indessen interessierte sich nicht für Kranke oder Schwache. Wer krank und schwach wurde, musste sterben, damit die Sippe stark blieb. Und so hielten es die Thenn auch. Kranke wurden selten gepflegt. Wer nicht mehr laufen konnte, erhielt die Gnade rasch zu sterben.

„Wir brauchen auch Obst und Kohl, einige von uns werden krank, weil wir wenig Frisches bekommen können. Aber ER wird Waffen wollen. Er interessiert sich nicht für Kräuter. Er interessiert sich nur fürs Töten. Er wird dein Fleisch wollen, Freya Stark. Glaub mir, du willst diesen Mann nicht treffen. Er ist nicht wie ich. Selbst unter unseren Stämmen ist sein Stamm unbeliebt, weil sie aus Freude töten, nicht um zu überleben. Und er frisst seine Feinde.“

Bei ihren Worten ging Unruhe durch die Gruppe, besonders unter den Krähen. Aber auch dem weiblichen Gefolge war der Schrecken nun deutlich ins Gesicht geschrieben. Eine von den Krähen erklärte, wer die Thenn waren und was sie für Bräuche pflegten. Freya Stark ließ sich nichts anmerken.

„Geh jetzt, Tesha. Und richte aus, was ich dir angeboten habe.“

tesha_004

Erneut kam Unruhe in die Männer. Wenn ihr sie gehen lasst, wird sie euch verraten und ihr seht das Schwert nie wieder, erklang eine rauhe Stimme. Tesha zögerte. Würde sie wirklich mit dem Leben davon kommen? Vorerst. Sie hegte einige Bedenken, dass der Magnar ihr vor Zorn mit besagtem Schwert den Kopf abschlagen würde, wenn er von dem Gespräch erfuhr.

Freya Stark schüttelte den Kopf. „Wenn ich sie nicht schicke, bleiben uns auch nicht viele Möglichkeiten.“

Tesha packte ihren Rucksack und ihren Bogen und ging mit klopfendem Herzen. Sie musste den Krähen den Rücken zuwenden, etwas, das ihr Unbehagen bereitete. Erst als sie im Dickicht zweier Sträucher außer Sichtweite war und den Pass betrat, beschleunigte sie ihre Schritte. Kein Pfeil verfolgte sie auf dem Rückweg ins Lager.

***

OOC-Anmerkung: Zitate wurden aus der Erinnerung wiedergegeben und zugunsten einer straffen Erzählung sicher auch gekürzt und einige weggelassen. Es war ein langes RP und musste für den Blog etwas zurechtgestutzt werden, obschon ich gern jeden Beitrag gewürdigt hätte. Ich bitte das zu entschuldigen. 🙂

Den ersten Abend des Rollenspiels gemeinsam mit der Delegation von der Bäreninsel an der Mauer, könnt ihr im Bäreninsel-Blog nachlesen.

Advertisements
Comments
One Response to “Unter Knienden”
Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] hat es getan und sie besitzt die Rose immer noch. Sie hat Wurzeln geschlagen und Knospen getrieben. In dem eisigen Götterhain hatten sie eine wildäugige Wildlingsfrau gestellt und Freya hatte entge… Am Ende war Freya nur in Begleitung von Dannya und Schatten, ihrer Wölfin, dem menschenfressenden […]



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: