Schwarz der Wald, weiß der Schnee und fern das Rot

Tesha ließ die Augen geschlossen. Der Traum war derart grauenvoll gewesen, dass sie sich kaum aus seiner Umklammerung lösen konnte. Außerdem war ihr heiß und kalt zugleich, ihr Lager kam ihr feucht und klebrig vor und ihr rechtes Bein pochte als stecke etwas darin, was nicht dorthin gehörte. Den Traum fortwischen und wieder zu sich kommen, das wollte sie. Aber als sie sich nach Wärme suchend umdrehte um nach Rotbart zu tasten, realisierte sie mehrere Dinge zugleich: Er war nicht da. Ihr Lager war tatsächlich feucht und als sie hingriff mit ihrer Hand begriff sie, dass es ihr eigenes Blut war, in dem sie lag. Und dann als der Schmerz sie durchzuckte wie ein greller Blitz den dunklen Himmel, da wusste sie wieder, was geschehen war und dass sie aus diesem Traum nicht erwachen würde.

Es war ihre Idee gewesen, zu den Götter am Wehrholzbaum zu beten. Die anderen, erst Integra, dann Raymun und Bukart, der Magnar, hatten sich ihr angeschlossen. Sie erinnerte sich noch an Rotbarts Lachen, als sie ihn mit einem Schneeball beworfen hatte. Und dort, unter den starken Ästen unter dem Dach des immerroten Laubes, da hatte er ihr versprochen, dass er zu ihr zurückkehren würde von seiner Reise zu den Knieenden hinter der Mauer. Dann hatten sie Pferde gehört und waren im Gebüsch in Deckung gegangen. Das ist mein Glückstag, hatte Bukart gemurmelt, eine einzelne Krähe und eine Frau!

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Tesha war sich sicher, dass Raymun gar nicht vorgehabt hatte, die Krähe anzugreifen, aber dann preschte der Magnar voran, dessen unstillbarer Blutdurst allzu offenkundig wurde. Sie hatten sich verteilt. Tesha war durch das Gebüsch an die rechte Seite geschlichen, Raymun nur wenige Schritte links von ihr und Integra hatte die beiden Reiter umrundet und lag nun dort auf der Lauer, wo sie hinritten. Tesha musste immer wieder auf die Frau starren. Das war keine vom Freien Volk. Nie zu vor hatte Tesha solche Kleider gesehen. Ein Stoff, der aussah wie von Göttern gewebt und der Umhang mit einem schwarzen Pelz besetzt, der so weich aussah wie Welpenfelle von Füchsen. Warum brachte die Krähe eine Frau der Knienden hinter die Mauer? Tesha hatte den Bogen gespannt und ihn auf die Frau gerichtet, als der Magnar aus der Deckung trat.

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Die Krähe war umzingelt und der Frau war ihre Angst anzusehen. Tesha glaubte fast sie riechen zu können, ihre Angst. Die Krähe und die Frau stiegen vom Pferd, als sie ihre Lage realisierten. Noch versuchte die Krähe ihre Stimme mutig klingen zu lassen: Er hatte die Schwarze Festung verlassen und wolle mit seiner Mutter heim nach Hohenehr, erklärte sich die Krähe. Was auch immer Hohenehr war, es musste weit fort sein, dachte Tesha. Und ganz sicher war es kein Ort, vom dem irgendeiner vom Freien Volk jemals gehört hatte. Ein Ort, an dem sie solche Kleider trugen wie die Frau sie trug. Sie traten nun alle vor aus ihrer Deckung und Rotbart hielt den Bogen ebenso gespannt wie sie alle. Die Verräterkrähe versprach, ihnen wichtige Dinge über die Verteidigung der Mauer zu erzählen, aber Rotbart war skeptisch. Wenn er seine Brüder verrät, wie kann man ihm da trauen? Der Magnar nahm ihm die Entscheidung ab, als er der Krähe erst  seine Faust in den Magen rammte und sich dann in Kampfeslust mit ihr am Boden wälzte. Wie eine Schattenkatze, die noch eine Weile mit der Beute spielt, ließ Bukart sich Zeit. Erst als ein verzweifelter Fausthieb der Krähe ihn im Gesicht traf, zog er sein Schwert und rammte es in ihre Eingeweide, bis der Stahl sich seinen Weg durch Innereien, Knochen und Haut gebahnt hatte und der Krähe am Rücken wieder heraustrat.

Rotbart hatte es kommen sehen. Er stand ruhig daneben und erklärte der aufgelösten Frau, dass das Freie Volk niemandem gehorcht und die Thenns schon dreimal nicht. Und dass sie nun besser mitkäme, wenn sie ihrem Sohn nicht in den Tod folgen wollte. Dann gab er Tesha ein Zeichen. Sie hatte eines der Pferde beim Zügel gegriffen und die Frau am Arm gepackt, die sich weinend über ihren sterbenden Sohn werfen wollte. Bukart hatte gegrinst, dieses selige Grinsen, als hätte er nicht gerade getötet, sondern eine Frau bestiegen. Bis dann ein Pfeil dicht an seinem Kopf vorbeiflog.

Krähen! Eine ganze Mannschaft von ihnen! Tesha ließ den Arm der Frau los und rannte. Sie alle rannten, denn sie konnten die viele schwarzen Gestalten sehen, die durch den Wald hindurch auf sie zugelaufen kamen. Tesha schrie und rannte vor der Übermacht davon. Erst als sie den Eingang zum Pass durchquert hatte, hielt sie einen Moment inne um zu verschnaufen und auf Rotbart zu warten. Doch Rotbart kam nicht. Also kehrte sie um. Statt zurück zum Lager zu laufen, lief sie zurück in den Wald und schoss auf alles Schwarze, was sich zwischen den Bäumen tummelte und inmitten von all dem Krähenschwarz entdeckte sie seinen roten Schopf. Sie stürmte weiter voran, aber dann warf der Schmerz sie zu Boden. Sie war getroffen, zweimal. Und nachdem das Schwarz vor ihren Augen wieder verschwunden war, konnte sie Rotbarts Schopf nur noch aus der Ferne sehen. Und sie brüllte! Sie hatten Rotbart, wo VERDAMMT waren die anderen?  Sie wusste, dass sie sie nicht einholen konnte, die Krähen und Rotbart, und trotzdem war sie ihnen bis zum Waldrand hinterhergekrochen, hinter sich eine Blutspur zurücklassend.

Von dort hatte sie einen guten Blick auf die weiße Ebene, die sich vor ihren Augen erstreckte. Der waldfreie Streifen, der der Mauer zu Füßen lag und den die Krähen nun überquerten, Rotbart gefesselt in ihrer Mitte. Sie hielten auf das Tor zu und Tesha schrie erneut. Wenn die Mauer ihn verschluckte, würde sie ihn niemals wieder sehen. Schließlich begann sie weinen und ließ sich in den Schnee fallen. Das Tor hatte sie alle verschluckt. Tesha wollte nur noch liegen bleiben und sterben.

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Vermutlich würde sie immer noch dort im Schnee liegen und die Götter verfluchen. Aber noch bevor ihr frisches Blut Tiere anlocken konnte, waren Integra und Kitana aufgetaucht und hatte sie zurück ins Lager gebracht. Erst freundlich und dann strenger, hatten die beiden Frauen sie daran erinnert, dass Rotbart nicht wollen würde, dass sie stirbt. Er würde wollen, dass sie kämpft, hatten sie ihr klar gemacht. Tesha öffnet die Augen und schluchzte. Kämpfen. Sie war weit entfernt davon zu kämpfen. Sie fühlte sich allein und schwächer als je zuvor. Sie war keine Anführerin und vermutlich saß der Magnar schon herum wie ein geschmückter Ochse und rief sich zum König des Freien Volkes aus. Tesha ballte die Fäuste und spürte wie ihr übel wurde. Das würde sie zu verhindern wissen. Sie schob das Fell zurück und versuchte sich aufzurichten.

***

Was bisher geschah….in kurzer Zusammenfassung

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  1. […] Wald mitgebracht. Eigentlich war Tesha nur neugierig gewesen auf deren Kleider. Zu gut hatte sie das letzte Weib noch in Erinnerung. Der Magnar hatte das Blut ihres Sohnes im weißen Schnee vergossen. Verfluchte […]



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