Ausgelacht

Zornig starrte Tesha hinaus über den Pass. Warum wollten sie es denn nicht sehen? An Kitana konnte man erkennen, wohin es führt, wenn man den Feind unter- und sich selbst überschätzte. Die junge Gestaltwandlerin war einen Tag und eine Nacht fort gewesen, als sie von Jiri zurück ins Lager getragen wurde. Das freie Volk kommt und geht, wann es will und deshalb hatte noch niemand nach ihr gesucht in der Zwischenzeit. „Sei vorsichtig auf dem Pass und geh nicht allein raus.“ das hatten sie ihr noch gesagt. Und sie hatte geantwortet, dass sie niemals allein war, sondern immer in Begleitung. Ihre beiden Krähen jedoch hatten ihr gegen eine Mauerkrähe offenbar nicht helfen können.

Kitana lag nun, betäubt vom Alkohol und mit einem Schulterverband, der gleichzeitig auch ihrem Arm zur Ruhe zwang, bei Jiri im Zelt und jammerte vor sich hin. Tesha konnte sie hören und auch Jiris Gemurmel, das wohl beruhigend wirken sollte. Tesha hatte Splitter des Pfeils aus der Wunde entfernen müssen und sie mehrfach gesäubert, damit das Fäulnisfieber Kitana fernblieb. Ihr Gesicht hatte ausgesehen, als hätten zwei Riesen auf ihm Stammestänze aufgeführt.

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Selbstüberschätzung. Das war auch das große Talent des Magnar. Und nun hatte sich Rotbart auch noch auf dessen Seite geschlagen und schon nach Freiwilligen gesucht, um einen Spähertrupp über die Mauer zu schicken. ÜBER die Mauer. Tesha zog den Rotz hoch und spuckte über die Palisade in den Schnee. Vor lauter Selbstüberschätzung hatten sie sich gegenseitig überboten und keiner hatte mehr über ihren Weg nachgedacht. Dem Weg DURCH die Mauer, den man sich erst suchen musste. Nur Tesha hatte den Magnar gewarnt, dass eines Tages die Krähen von oben auf IHN pissen würden, wenn er glaube, er habe die Mauer längst besiegt, weil er es zweimal darüber geschafft hat. Sie war im Zelt auch die einzige gewesen, die sich NICHT freiwillig für die Spähergruppe gemeldet hatte.

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Rotbart würde gehen. Nichts und niemand würde ihn davon abbringen können, auch Tesha nicht. Bei dem Gedanken kamen ihr die Tränen und sie spuckte erneut in den Schnee in der Hoffnung sie zurückhalten zu können. Er wusste nichts von ihrem Bruder. Und als sie gesagt hatte, dass die Mauer nicht nur aus Schnee und Eis war, sondern dass sie einen bösen Zauber in sich trug, hatte der Magnar sie ausgelacht. AUSGELACHT. Sie hatten den Dolch schon in der Hand gehalten und nur Rotbarts Hand um ihren Arme hatte sie schließlich wieder zur Ruhe gebracht. Rotbarts Hand und die verfluchte Tatsache, dass der Magnar ihr das Leben gerettet hatte, als er auf der Jagd im Verfluchten Wald seine große Axt in den Schädel des Schattenwolfes geschleudert hatte.

Warum ausgerechnet der Magnar? Ohne seine Axt wäre sie nun tot. Und trotzdem konnte sie ihn nur hassen, seine dauernden Provokationen, seine Aufschneiderei, seinen Leichtsinn. Wenn er von der Mauer stürzte oder durchbohrt werden würde von Eis wie ihr Bruder damals,  dann würde sie vom Wald aus zusehen und lachen. Aber sie konnte unmöglich zusehen, wenn Rotbart den Aufstieg wagte. Tesha zog die Nase hoch und spürte, wie die Tränen langsam auf ihren Wangen gefroren. Salz hin oder her. Sie hatte Angst um Rotbart, aber das ging niemanden etwas an. Und es würde auch nichts ändern.

Das Freie Volk tat, was es wollte. Und Rotbart auch.

raymun_snowy

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