Die Rückkehr des Magnar

Alle blickten auf, als der Magnar der Thenns das große Zelt betrat. Tesha, Raymun, Eydis. Es hätte nur noch gefehlt, dass er sich an die Brust klopfte und brüllte wie ein Bär, so strotzte er vor Stolz. Draußen war das Geschrei groß, irgendetwas hatte sowohl die Kinder wie auch die Hunde im Lager in helle Aufregung versetzt.  Trotzdem blieben im Zelt alle ruhig. Er war lange unterwegs gewesen und würde so oder so mit Neuigkeiten nicht hinter dem Berg halten, vermutetet Tesha. Eydis kannte den Magnar noch nicht. Sie war erst an diesem Tag eingetroffen, gesandt von einem Stamm am Eisfluss. Von dort, wo sie kniete – dicht beim Feuer – musste der Magnar noch größer aussehen als er ohnehin war. Sein breiter Rücken verdeckte sein Weib fast völlig, das mit ihm ins Zelt gekommen war.

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Die Thenns waren die einzigen Stämme, die Bronze herstellen konnten. Aber nicht nur ihre Äxte waren Raymun Rotbart willkommen, sondern auch ihr Kampfgeist. Allerdings war manche gute Eigenschaft auch gleichzeitig eine schlechte und so hatten die Thenns eine Menge Unruhe ins Lager gebracht. Viele hassten sie, weil sie das Fleisch ihrer besiegten Feinde fraßen und das kam den anderen unnötig grausam und widerwärtig vor. Außerdem waren sie Raufbolde und lösten Auseinandersetzungen gern mit einem Kampf und weniger mit Worten. Tesha hatte insgeheim gehofft, der Magnar würde nicht zurückkehren, aber sie hatte sich geirrt.

Raymun blieb ebenfalls sitzen, hieß den Zurückgekehrten willkommen und wollte dann wissen, was es zu berichten gab. Er hatte kaum ausgesprochen, da zog der Gefragte auch schon ein Schwert vom Rücken und hielt es ins Licht des Feuers. Beute! stieß er hervor und führte dann weiter aus: Wir haben den Kopf einer Krähe mitgebracht, die uns vor die Füße stolperten. Er liegt draußen. Und das Pferd der Krähe. Ein schönes Tier.

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Während Raymun noch den außergewöhnlichen Stahl betrachtete, dessen Oberfläche im Feuerschein wellenförmig zu schimmern schien, stand Tesha auf und sah durch die Zeltklappe nach draußen. Der grausige Teil der Beute lag auf einem Fass, blutete das Holz voll und hatte eine Blutspur durch den Schnee hinterlassen. Sie pfiff und verjagte die neugierigen Kinder mit ein paar groben Worten, dann drehte sie sich um und nickte Raymun zu.

„Das ist Drachenstahl, wo hast du das her?“, fragte der misstrauisch.

„Das geht niemanden etwas an. Aber natürlich habe ich es nicht auf dieser Seite der Mauer erbeutet.“ Der Magnar grinste breit und nahm sich vom warmen Met.

Rotbart blickte ihn finster an. „Es geht uns alle an, wenn hinter diesem Schwert 50 Krähen her sind, die bald an unser Tor klopfen, weil du sie geradewegs hergeführt hast.“

„Wir sind nicht dumm und wissen unsere Spuren zu verwischen. Niemand ist uns gefolgt, sei unbesorgt. Die Krähen werden nachlässiger. Eine Patrouille mit einer einzigen Krähe? Niemals lagen die Dinge so günstig für uns.“, entgegnete der Magnar.

Tesha spürte den Zorn in Raymun fast so heiß wie die Flammen, denen sie sich nun näherte um Holz nachzulegen. Eydis hatte rotes Haar, aber ihres war heller als das von Rotbart, eine Mischung aus Karotten und loderndem Feuer. Sie starrte immer wieder zu Raymun und nun auch zum Magnar und hatte vor dessen Eintreffen nicht genug davon reden können, wie ein Mann sein müsse, von dem eine Frau geraubt werden sollte. Ihre Blicke versetzten Tesha kleine Stiche ins Herz, aber sie ließ sich nichts anmerken und behielt ihre Gefühle gut verwahrt in ihrer Brust. Der Magnar machte Raymund oft zornig. Er stand nun auf um sich die tote Krähe oder das was von ihr übrig war, selbst anzuschauen. Die meisten folgten Rotbart nach draußen.

Tesha streifte sich in Ruhe den Pelz über, bevor sie ihnen nachging, nur zwei Frauen, die kurz nach dem Magnar das Zelt betreten hatten, blieben in der Nähe des warmen Feuers. Der Wind schlug ihr ins Gesicht und ließ sie kurz zittern, als sie den Schutz des Zeltes verließ. Sie schnappte sich den nächstbesten Bengel und ließ ihn das Pferd versorgen, dann gesellte sie sich zu den anderen.

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„Sicher ist sicher.“ hörte sie Rotbart sagen. „Tesha, schick vier Mann auf den Pass. Wir wollen in der Nacht keinen überraschenden Besuch.“

Tesha sah ihm nach. Er war durchaus ein Mann für überzeugende Worte, aber in diesem Fall erwartete er einfach, dass man tat, was er gesagt hatte und war schon fast wieder im Zelt verschwunden. Als niemand mehr hinsah, griff sie der Krähe ins Haar und sah kurz in ihre toten Augen. Dann schleuderte sie ihre Überreste in Richtung der Hundemeute, die zweifelsohne nicht viel davon übrig lassen würde. Vermutlich würde der Schädel bald an irgendeinem Thenn-Gürtel baumeln.  Da sie keine vier Mann hatte und die meisten es eilig gehabt hatten, zurück ins warme Zelt zu gelangen, stapfte sie allein los Richtung Tor.

Es war das Weib des Magnars, das sich zu ihr gesellte –  freiwillig. Überrascht sah Tesha die Frau an. Sie hatten noch nicht häufig miteinander gesprochen, aber da die Dämmerung noch vor ihrer Rückkehr einsetzen würde, war sie froh jemanden an ihrer Seite zu haben. Nach der ersten Kurve wurde der Pass schmal und verdammt glatt. Außerdem bließ der Wind ihnen nun Schnee entgegen, die ihre Gesichter brennen ließ, so scharf war die Kälte. Tatsächlich hatten sie entweder ihre Spuren gut verwischt oder der Schnee hatte sie längst zugedeckt. Sie sanken fast bis zu den Knien ein und das Gehen war mühselig. Trotzdem setzten sie den Weg fort bis sie in der Ferne die ersten Bäume des Verfluchten Waldes erkennen konnten. Bis auf eine Schattenkatze, die von einem Hügel aus auf sie herabgebrüllt hatte, hatten sie kein lebendiges Wesen entdecken können.

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Als sie zurück ins Zelt kamen, schien die Stimmung feindselig zu sein. Rotbat schlief und schien sich dabei nicht an der Lautstärke zu stören. Die Weiber, Eydis und die anderen beiden, stritten mit dem Magnar. Worte flogen wie Pfeile hin und her und Tesha blieb wie meist ruhig und verschlossen und ging ihren Arbeiten nach. Jetzt, wo die Thenns wieder vollzählig waren und ihren Magnar zurück hatten, würde sie zweifelsohne wieder einige im Lager nach sinnlosen Raufereien zusammenflicken müssen. Sie zog die Fäden aus Ziegendarm durch heißes Wachs, damit sie haltbar und geschmeidig blieben, während sie zuhörte und sich im Stillen ihre Meinung bildete.

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  1. […] meiner Sippe suche, das einer von eurem Volk haben soll.” Es folgte eine Beschreibung des Schwertes, der Tesha mit wachsender Unruhe lauschte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hatte weder eine […]



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