Wenn der erste Stein fällt

Als Eleah am Morgen die Augen aufschlug, schlief Ryan noch. Am gestrigen Abend war sie in seinen Armen eingeschlafen, kaum, dass ihr Kopf seine Schulter berührt hatte. Ryan selbst hatte noch lange wach gelegen – mit sich und seinen Gedanken über Eleah und das, was Lasse ihnen in der Schenke erklärt hatte. Leise, fast geflüstert. Es war nun kein Geheimnis mehr, das zwischen ihnen lag, aber dafür die Erkenntnis, dass Eleah eine Gabe besaß, die meist Ängste, Argwohn und Abscheu hervorrief und deshalb diesseits der Mauer meist totgeschwiegen wurde. Es war nun ein Geheimnis, das sie teilten. Zu dritt. Eleah, Ryan und Lasse. Die junge Lady Forrester drehte den Kopf und betrachtete ihren schlafenden Lord, während sie darüber nachdachte, wie in den letzten Tagen eins zum anderen geführt hatte.

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Immer öfter war sie der Verlockung erlegen mit Jax über Felsen, Wiesen und Wälder zu fliegen und oft genug hatte sie dabei selbst gefährlich nach am Abgrund gestanden, die Arme weit ausgebreitet. Dafür hatte das versehentliche Hineinträumen abgenommen, sie stürzte nicht mehr unvorbereitet zu Boden, nein, sie hatte begonnen diese Träume zu kontrollieren. Immer noch sprach sie von Träumen, obwohl sie längst ahnte, dass es keine waren. Man träumt im Schlaf – und nicht, wenn man wach ist. Eines Tages hatte Ryan sie dabei überrascht, wie sie am Abgrund stand, während Jax über der Schlucht kreiste. Und sie mit ihm. Aber Ryan war ahnungslos gewesen. Sein Zorn hatte sich lediglich über ihren Leichtsinn entladen, auf der Kante der Felsen zu stehen, die auch die Bärenburg trugen.

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Eleah hatte sogar Jax dazu benutzt, ihrem Gemahl eine Lehre zu erteilen, als sie sah, wie er der Dorfdirne einige Münzen zusteckte und mit ihr scherzte. Ohne, dass er ihre Anwesenheit überhaupt bemerkt hatte, steuerte sie den kleinen Kauz direkt auf Ryans Kopf zu und veranlasste ihn im richtigen Moment seinen kleinen Haufen fallen zu lassen. Es gelang. Eine Ahnung neuer Möglichkeiten stieg in ihr auf, als Ryan sich fluchend ins Haar gegriffen hatte.

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Es war an jenem Abend geschehen, dass der erste Stein gefallen war. Der Stein, der das Versteckspiel beenden sollte. Sam, der Waldläufer, hatte Ryan von Eleahs seltsamer Ohnmacht im Wald erzählt. Sie hatte daneben gestanden und nichts tun können. Obwohl sie versucht hatte, Sam mit ihrer Mimik vom Reden abzuhalten, hatte dieser munter weiter geplaudert – ob aus Unachtsamkeit oder um ihr eins auszwischen, vermochte Eleah nicht zu sagen.  Ryan war wütend gewesen. Nicht nur auf sie, sondern auch auf Lasse, der ihm das verschwiegen hatte. Er war so wütend, dass er Lasse aus seinen Diensten entlassen und nach Hause schicken wollte.

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Er war so wütend, dass sie ihn am nächsten Tag vermisste. Das Bett neben ihr war schon leer gewesen. Aus Trotz war sie dann allein losgezogen in den Wald, bewaffnet nur mit einem Henkelkorb. Stundenlang war sie umhergestreift und brachte eine stattliche Menge Waldpilze heim in ihrem Korb, als sie zurück ins Dorf kam.

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In der Schenke fand sie ihn dann. Im Gespräch mit dem Wirt bei einem Krug Bier. Vermutlich war es nicht der erste. Sie trat näher und als er ihren verschmutzen Kleidersaum und ein Zweiglein in ihrem Haar bemerkte, schleuderte er ihr ein muffiges „Du warst schon wieder allein im Wald.“ entgegen. Kein guter Einstieg für ein Versöhnungsgespräch und sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Aber dann fand sie die richtigen Worte. Dass sie sich nie kennen gelernt hätte, wenn sie nicht allein im Wald gewesen wäre. Dass er sich in sie verliebt hatte, weil sie Abenteuersinn und Freiheitsdrang besessen habe. Er schwieg einen Moment und starrte in sein Bier, dann erhob er sich und zog sie fort von der Theke und vom Wirt, tiefer hinein in den nur spärlich beleuchteten Schrankraum.

„Das mag schon alles stimmen, aber nun bist du nicht mehr nur Eleah, sondern Lady Forrester. Und ich möchte jetzt wissen, was mit dir los ist! Brauchen wir einen Maester, du bist noch nie einfach so ohnmächtig geworden, Eleah.“

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Es war sein Blick, der schließlich ihr Herz öffnete. Er hatte sich Sorgen gemacht, nicht erst seit gestern. Sams Getratsche hatte seiner Sorge nur weiteres Gewicht geliefert und er litt darunter, etwas zu ahnen, das er nicht greifen, nicht in Worte fassen konnte. Sie hatten immer alles geteilt und nun war plötzlich etwas zwischen ihnen, ein Schweigen und Verdecken. Und als sie das alles in seinem Blick sah, da begann sie zu erklären, dass sie nicht ohnmächtig geworden war. Versuchte Worte für das zu finden, was sie erlebte. Sie kannte keinen Namen dafür, sie hatte nie von jemandem gehört, der ähnliches gespürt hatte. Eleah war ahnungslos, aber sie war bereit ihre Ahnungslosigkeit mit Ryan zu teilen. In dessen Blick wich die Sorgen langsam dem Entsetzen. Und er beschwor sie, darüber Stillschweigen nach außen zu bewahren, weil er fürchtete, das würde für Angst und Ablehnung sorgen und Haus Forrester schaden. Er kannte sogar ein Wort dafür, aber es war Lasse, der wirklich Licht ins Dunkel brachte.

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Eleah war ihm in die Arme gelaufen, als sie auf Ryans Frage hin, ob sie auch schon Dinge aus der Zukunft gesehen hatte, einfach aufgesprungen war. Wie hätte sie Ryan sagen können, was sie in der Nacht im Schlafzimmer seines Vaters gesehen hatte? Er war ohnehin schon aufgebracht genug. Es war nun Lasse, der Knappe, der einen Teil der ganzen Aufregung des Lords abbekam und der doch ruhig und besonnen genug reagierte. Er stellte allen ein Bier hin und dann atmete er tief durch. Schon lange hatte er Lady Forrester beobachtet und sich Gewissheit verschafft. Und nun war es an der Zeit, dass er die Aufgabe erfüllte, sie sein Vater für ihn vorgesehen hatte, als er ihn zum jungen Lord gab. Und dann hatte der schmächtige Junge mit dem blonden Haar zu erklären begonnen.

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