Das Büchlein mit dem bestickten Einband (10)

Noch ein Spross aus dem Haus Manderly ist auf der Bäreninsel eingetroffen. Lady Mathilda Manderly ist noch blutjung, aber auf kluge Weise zurückhaltend. Ich konnte Ryan mit einigermaßen großem Erfolg davon abhalten, dass er sie gleich in die unangenehme Sache mit ihrem Onkel hineinzieht.

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Hätte ich Ser Jonathan nicht geschworen über sein kleines Geheimnis Stillschweigen zu bewahren, wäre gestern ein guter Moment gewesen seine kleine Schwester in ihren Vorstellungen zu bestärken. Sie möchte nämlich keinen Gatten und versucht offenbar geschickt den Vorstößen ihrers Vaters in dieser Sache auszuweichen. Mögen die alten Götter ihr den bestmöglichsten Kompromiss zuteil werden lassen: Jemand, der für ihren Vater in Frage kommt und gleichzeitig jemand ist, den sie mögen kann.

Der Tag begann gut. Jax war von seinem nächtlichen Jagdausflug in den Wald noch nicht wieder zurückgekehrt, als ich erwachte. Später als sonst, was vermutlich dem Umstand geschuldet war, dass ich wieder geträumt habe. Der nächtliche Wald und seine Geräusche wirkten diesmal völlig anders auf mich. Jedes Atmen,  jedes Fiepsen und jedes Knacken im Geäst drang in einer solchen Deutlichkeit und Lautstärke an mein Ohr, dass es jede andere Wahrnehmung zurückdrängte, obwohl die Bäume, schwarzen Gestalten gleich, mit hunderten von Armen sich deutlich vor dem Nachtblau abzeichneten. Das Mondlicht so hell wie eine Laterne, die die Bäreninsel erleuchtet.  Erst als Jax seine Klauen in die kleine Feldmaus schlug und ihr den Kopf abtrennte, erwachte ich für einen Moment und tappte in die Küche um etwas Wasser zu trinken. Mir war, als hätte ich den Geschmack von Blut in meinem Mund. Als ich ins Bett zurückkehrte, fühlte ich mich seltsam erregt und erschöpft zugleich und fiel noch einmal in einen Schlaf, der bis zum Mittag gedauert haben muss.

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Ich traf Ryan im Gespräch mit Lady Freya und gesagter Lady Mathilda vor dem Tor zur großen Halle. Meine Furcht, ich käme unter Umständen ungelegen, war unbegründet. Eine liebevolle Berührung seiner Hand zeugte davon, dass er sich freute mich wohlauf und ausgeschlafen zu sehen, auch wenn er nach einigen freundlichen Worten in der Damenrunde das Gespräch mit Lady Freya unter vier Augen suchte. Bis dahin war das Gespräch noch angenehm gewesen, aber nun kam Lady Charis hinzu. Erneut wortkarg bis an die Grenze der Unhöflichkeit. Um nicht wie Bettler weiter vor der Tür auzuharren, lud ich beide auf einen Becher Wein in die Burg ein, während Ryan und Lady Freya einen Spaziergang machten.

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Interessant war nun zu hören, dass Lady Charis – auf Mathildas unschuldige Frage hin – zum ersten Mal zugab, dass sie auf der Bäreninsel Schutz suchte und nicht länger bei ihrer Familie leben konnte. Ich nahm dies ohne offenkundige Gefühlsregung zur Kenntnis – dass mir das gelungen ist, wundert mich im Nachhinein und macht mich auch ein wenig Stolz auf meine Selbstbeherrschung. Sie sucht also Schutz. Ryan hatte von Anfang an Recht, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Da es mich nichts angeht, wem Lord Mormont aus welchen Gründen auch immer Schutz verspricht – das ist eine Frage, die die Männer unter sich klären müssen – riet ich ihr zu etwas mehr Unauffälligkeit im Hinblick auf ihre Person und ihr Gefolge. Und so wandte sich das Gespräch einem friedlichen Pfad entgegen.

Bis dann das Thema Heiraten aufkam. Während ich den Wortwechsel für mich noch einmal Revue passieren lassen, stelle ich fest, dass ich für Lady Charis keinerlei Sympathie mehr empfinde. Sie ist rechthaberisch, anmaßend und obendrein dumm genug zu glauben, dass Lord Mormonts Schutz ausreichend wäre – egal wie sie sich anderen gegenüber verhält. Für mich steht jedenfalls fest, sollte jemand kommen und sie suchen, werde ich ganz sicher kein Stillschweigen bewahren. Ich vertraue dieser Frau nicht.

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Zu unserem Aufenthalt auf Ironrath habe ich noch nichts geschrieben. Es war derart schrecklich, dass ich es am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen möchte, bis auf eines: Ryan hat mir beigestanden und seine Mutter zurechtgewiesen. Es war auch bitter nötig. Sie hat mich behandelt wie eine Magd, die nichts taugt. Niemand konnte ihr etwas Recht machen, so dass sogar Ser Rickard sich zwischen uns stellen musste um den Streit nicht eskalieren zu lassen. Vielleicht ist es falsch, ihr Ironrath zu überlassen. Vielleicht sollte ich dort sein, mich als Lady Forrester unter Beweis stellen und diese Frau endlich in ihre Schranken weisen. Aber mein Platz ist doch an Ryans Seite und Ryan ist auf der Bäreninsel. Womöglich steht uns auch eine Reise ins weit entfernte Castamere bevor. Ser Rickard hatte nämlich nichts zu berichten und so ist die Sache um die Lieferung an das Haus Regn noch nicht ausgestanden.

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