Das Büchlein mit dem bestickten Einband (8)

Jax, so habe ich die Eule, die ich auf den Felsen fand, genannt,  ist wieder flugfähig. In den nächsten Tagen werde ich sehen, ob ich ihn dazu bringen kann in den Wald zurückzukehren. Er hat sich an freie Kost und Logis scheinbar gewöhnt und bevorzugt in kleine Streifen geschnittenes Herz vom Kaninchen.

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Nachdem mein Gesprächsversuch mit Ser Manderly, dem Älteren, beim letzten Mal nicht wirklich zustande gekommen ist – ich bin nicht sicher, ob er als Kind zu heiß gebadet oder unter Umständen auf den Kopf gefallen ist – werde ich möglicherweise versuchen einen ruhigeren Moment zu erwischen. Sollte mit seinem Kopf alles in Ordnung sein, bleibt immer noch die berunruhigende Möglichkeit, dass er einfach ein guter Schwertkämpfer ist und deshalb keinen Grund hat den Zweikampf mit Ryan zu vermeiden. Vielleicht ist es ratsam, dass ich dazu seinen Neffen befrage, sobald sich die Gelegenheit bietet.

Ansonsten denke ich viel über Moris Theorie zu den Geschehnissen in der Drachenbucht nach. Bis ich sie neulich in der großen Halle bei den Büchern fand, wusste ich nicht einmal, dass sie des Lesens mächtig ist. Es scheint, als hätte ich einen schlechteren Griff tun können bei der Wahl meiner Zofe. Was mit den Wildlingen dort wirklich geschieht, ist mir allerdings vollkommen gleichgültig. Es sind nur Wilde, die kommen um von uns zu stehlen und Kinder aus den Wiegen zu rauben. Das weiß ein jedes Kind und meine Brüder haben mir sogar erzählt, dass sie Säuglinge essen wie wir Spanferkel.

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Was mich angeht, so begreife ich zunehmend, dass die südliche Art Dinge anzugehen, meinem Wesen fremd  ist. Wie oft hat Ryan mich davor gewarnt, dass ich niemandem vertrauen darf und doch bin ich jedesmal enttäuscht, wenn ich in Netze aus Heimlichkeiten und Misstrauen gerate, während ich selbst wie ein freundliches Schaf den Inhalt meines Herzens direkt auf den Lippen trage. Mittlerweile ist für jeden blinden Bettler zu erkennen, dass Ryan mit seiner Einschätzung einer gewissen auf der Insel lebender Person Recht hatte. Trotzdem hält es niemand für nötig für Klarheit zu sorgen oder ein offenes Wort zu sprechen. Das meine ich mit der südlichen Art Dinge anzugehen. Der Norden aber vergisst nichts und was man hier sät, das wird man auch ernten. Darüber aber muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Letztlich ist es für mich so wichtig, wie wenn im fernen Essos eine Ziege blökt.

Viel wichtiger ist es, dass ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunde ein Leben ohne Vertraute zu führen. Ich muss lernen die Lady mit dem eisernen Herzen zu werden und meine wirklichen Gedanken für mich zu behalten. Das fällt mir schwer. Ich glaube fast, dass der alte Lord Forrester uns deshalb auf die Bäreninsel schickte, damit wir erfahren, dass die Welt ein Sumpf von Lügen und Intrigen ist, der uns verschlingen wird, wenn wir unvorsichtig sind. Dazu gehört allerdings auch, dass wir nachdenken bevor wir handeln. Etwas, das auch mein Gefährte noch lernen muss. Egal, wie sehr ich ihn auch liebe, ich sehe doch, dass sein aufbrausendes Temperament uns zum Verhängnis werden kann.

 

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