Das Büchlein mit dem bestickten Einband (7)

Ich bin zurück auf der Bäreninsel. Ryan trauert um seinen Vater und Mori trauert um ihre Mutter. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass in meinem Herzen Fröhlichkeit ihr Heim gefunden hat in diesen Tagen. Mit jeder Meile, die wir uns von Ironrath entfernten, wurde mein Herz voller davon. Und doch weiß ich, wir werden dorthin zurückkehren und es sollte umgekehrt sein, denn Ironrath ist mein Heim, weil es Ryan nun Lord Forrester ist. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger Klarheit gelangt in meine Gedanken. Es ist nicht die Burg, die sich majestätisch auf dem Hügel erhebt, flankiert von mächtigen Eisenbäumen. Es ist nicht der Wald und sein Wolfsgeheul, das mir so vertraut ist wie ein Wiegenlied. Es ist etwas anderes – innerhalb dieser trutzigen Mauern, die mir Schutz bedeuten sollten. Ryans Mutter. Mit dem Traum in jener Nacht wurde aus der empfundenen Feindseligkeit Angst. Ich habe Angst vor ihr. Die seltsamen Träume lassen zwar in Frieden, aber ich kann das Gesicht von Lord Gared nicht vergessen. Es war nicht das eines Mannes, der friedlich neben seinem Weib eingeschlafen ist. Er sah aus, als habe er einen letzten Kampf überstanden und dieser Teil des Bildes fügt sich so nahtlos in das ein, was ich im Traume als Katze sah, dass ich es nicht so einfach vergessen kann.

Vorerst jedoch bin ich sicher und meine Zuversicht hält an, so dass ich nichts anderes als Fröhlichkeit empfinden kann. Die Geschehnisse auf der Bäreninsel lassen selten Langeweile aufkommen. Das Zimmer neben unserem wurde Lord Jonathan Manderly zugewiesen, den ich als geistreichen Gesprächspartner kennen gelernt habe. Als wir einander im Dorf trafen, scherzte ich mit ihm über die mögliche Wahl einer Gemahlin für ihn, aber davon wollte er nicht wirklich etwas wissen. Er meint, dass sein Herz ihm schon den Weg weisen wird und  – was soll ich sagen – ich war außerordentlich erfreut darüber in ihm eine verwandte Seele zu erkennen. Das Herz und nicht Macht und strategische Erwägungen. Wie sehr ich mich darin wiedererkannte. Ich wünsche ihm, dass er einen weniger hohen Preis dafür zahlen muss als ich es tue.

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Vor zwei Tagen dann, ich trug das rote Kleid, das schon Manderlys Blick gefesselt hatte, saßen Ryan und ich in der Schenke und es war mir einigermaßen gelungen seine trüben Gedanken zu verjagen – da fiel uns ein ungehobelter Kerl mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze auf, der dornische Lieder sang und offenbar dem Wein im Übermaß zugesprochen hatte. Als der nun seinen Blick so vehement auf meine Brüste legte, geriet Ryan in Zorn und bat ihn sich vorzustellen. Es stellte sich heraus, dass der Mann aus Dorne stammte und wohl in der Drachenbucht lebte. Ryans Wut hielt ihn aber keinesfalls davon ab, mir schlüpfrige Bemerkungen zuzuwerfen und obendrein noch damit zu drohen, uns auf Ironrath zu „besuchen“. Ich frage mich nun, was einen Dornischen in die Drachenbucht verschlägt und bin gespannt, was nun weiter geschieht. Natürlich wurde Ser Robin schon über die Anwesenheit des Dornischen informiert und ebenso über sein Gebaren. Mir sind vor allem seine Augen im Gedächtnis. Obwohl er versuchte sein Gesicht mit der Kapuze zu verdunkeln, war es mir doch, als glimme in diesen Augen die Glut der Wüste und als enthielte sein Blick das Gift von tausend Skorpionen. Ein Blick, der mir Angst machte und doch erneut dieses Gefühl in mir weckte, das ich spürte, als Ryan mich hinter die Schenke zog wie eine Dirne.

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Am gestrigen Tage wurde ich Zeugin einer merkwürdigen Szene, als ich vom Götterhain zurück zum Dorf ritt: Der langmähnige Kerl, der mir neulich schon so ungehobelt schien, als ich ihn im Gespräch mit Lady Dannya sah und von dem Mori sagt, dass Lady Dannya mit ihm Unzucht getrieben hatte, stand breitbeinig über der kleinen Zofe von Lady Ariana und zog sein Pferd gerade eben so beiseite, bevor es sie zertrampeln konnte. Ich ritt langsam auf die beiden zu, mein Herz schlug rascher in der Brust, denn ich vermochte nicht recht einzuschätzen, was genau dort vor sich ging – als der Kerl mich jedoch bemerkte, trat er sofort zurück und gab vor, dass das Mädchen ihm vors Pferd gelaufen war und er ihr gerade aufhelfen wollte. Eine Lüge. Ich bin mir sicher, dass es eine Lüge war, versuchte Ruhe zu bewahren und Schaden zu verhindern. Als klar wurde, dass das Mädchen unverletzt war, entließ ich sie Richtung Götterhain und sah dem Kerl nach, wie er zurück Richtung Dorf ritt.

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Er hatte sich mir als Ser Manderly vorgestellt, Lord Jonathan Manderlys Onkel! Unfassbar, dass eine Familie zwei solch unterschiedliche Männer hervorbringen kann. Und der Vorfall mit Lady Arianas Zofe stellt noch nicht einmal den Höhepunkt der Aufregungen um diesen Mann dar.

Als ich nämlich mit Mori, die ich unterwegs aufgelesen hatte, ebenfalls zum Stall zurückkehrte, näherte sich der Kerl mir von hinten und ich erschrak. Hatte er etwa dort gewartet, bis ich zurückkehrte? Ich versuchte möglichst ruhig und gelassen zu wirken und konterte sein Tun mit einem flapsigen Spruch, auf den er jedoch so derb reagierte, dass mir die Röte in die Wangen schoss. Ich könne mich ruhig ausziehen, so meinte er, und müsse nicht so steif tun, jetzt wo doch Sommer war und es genug Wein für alle gab. Zu unserem Glück kam nun Lady Dannya hinzu und lenkte besagten „Ser“ Manderly von uns ab. Das wiederum dankte er, indem er ihr in anzüglichster Weise mit seinen ekelerregenden Fingern über die Lippen fuhr und schließlich, als sie sich nicht willig zeigte, die Hand um ihren Hals legte. Bei den alten Göttern! Hätte Mori mich nicht festgehalten, ich hätte ihm gerne einen Pferdapfel in sein schmutziges Maul gestopft. Lady Dannya griff zu drastischeren Mitteln und zog die Axt, die haarscharf über seinem Handgelenk zum Halten kam. Die Drohung saß und er ließ nun ab von ihr und vermutlich wäre nun das Schlimmste überstanden gewesen, wenn nicht in diesem Moment Ryan durch den Torbogen getreten und Zeuge der Szene geworden wäre. Von der anderen Seite, vom Dorfe her, kam nun der Neffe des Übeltäters hinzu und dann gab ein Wort das andere und Ryan ließ seine Faust sprechen, als er hörte, dass ich beleidigt worden war.

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Lady Dannya stürzte sich zwischen die beiden, Ser Jonathan redete auf seinen Onkel und auf Ryan ein und ich versuchte meinen Gemahl am Umhang zu packen um noch Schlimmeres zu verhindern. Mori stürzte beim Versuch mich festzuhalten und schließlich drohte ich Ryan, ihn mit einem Eimer kalten Wassers zu übergießen, den ich bei den Stallungen fand.

Schließlich entfernte sich der eigentliche Übeltäter Richtung Schenke und Ryan forderte von Ser Jonathan eine Entschuldigung seines Onkels bei mir, seiner Gemahlin. Sonst, so sagte er überdeutlich, würde er ihn zum Zweikampf fordern. Ich war schweißgebadet und Ser Jonathan vermutlich auch. Ryans Temperament war erneut mit ihm durchgegangen und so sehr ich auch gerührt bin, dass er meine Ehre so sehr verteidigt, weiß ich doch, wie unklug es war sich derart mit den Manderlys anzulegen. Immerhin nannte er sie in seiner Rage sogar allesamt „Strauchdiebe“ und nun empfinde ich doch meine Beleidigung mit dieser Beleidigung als ausgeglichen.

Aber Ryan besteht auf diese Entschuldigung. Auch danach, auf der lauschigen Lichtung im Wald, als ich ihn zwischen meine Schenkel lockte, konnte ich ihn davon nicht abbringen. Gesagt ist gesagt, meinte er. Mein Gemahl ist ein wahrer Sturkopf und überdies mit zu heißem Blut gesegnet. Erst der Dornische und dann am Tag darauf dieser alte Manderly-Lustmolch, das war offenbar zuviel für meinen geliebten Hitzkopf.

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Ich möchte keine Feindschaft zu den Manderlys. Und ich möchte nicht, dass Blut fließt wegen etwas, das vielleicht nur als derber Scherz gemeint war. Aber auch mein Flehen, dass er die Familieninteressen bitte über unsere persönlichen Interessen stellen möge, fielen auf taube Ohren.

Für deine Ehre, Eleah, würde ich auch einen Krieg beginnen. Das waren seine Worte.

Und für sein Wohl und das der Forresters werde ich nun wohl den widerwärtigen Lustmolch sprechen in der Hoffnung den Zweikampf verhindern zu können. Er muss sich nur entschuldigen. Vielleicht kann ich das bewerkstelligen und die Dinge wieder ins Lot bringen.

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