Auf dem Pfad der Macht wehen eisige Winde

Noch bevor Lar-Torvis sich über den Horizont erhob und Kasras Mauern für einen längeren Augenblick in goldenes Licht hüllen würde, war Amira bereits zur Inspektion in den unterirdischen Gängen unterwegs, wo sich Zellentrakt an Zellentrakt reihte. Behelfsmäßig hatte man noch Reihen von Käfigen hin zu gestellt. Zu Beginn der kommenden Hand würde die ersten beiden Karawanen abgehen. Kräftige Sklaven, einst stolze freie Männer, bevor sie im neuen herrlichen Kasra mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, aneinandergefesselt mit schweren Ketten und Fußeisen, die ihnen nur kleine Schritte ermöglichen, die Hände in einem Joch fixiert, damit sie leichter zu kontrollieren waren.

Eine der Karawanen führte in die Silberminen einer Schwester der Maske, der es offenbar gelungen war, die Tatrix nachhaltig zu beeindrucken. Sie sollte fortan die Kaste der Händler in Kasra leiten und kontrollieren. Die andere Karawane stand unter der Leitung und der Organisation von Gar con Lydius, dem Sklavenhändler, und führte in die Salzminen der Tahari. Gar hatte sich als anpassungsfähig erwiesen. Amira war jedoch völlig klar, dass seine Goldgier und sein Pragmatismus es waren, die ihn davon abhielten im neuen Rechtssystem unter den Masken den traditionellen Helden zu geben und alles aufs Spiel zu setzen, was ihm lieb und vor allen Dingen teuer war.

silbermasken4_001

Die Männer waren wie Raubtiere in Ketten. Unabhängig von ihrer Kastenzugehörigkeit. Verloren die Masken die Kontrolle über die Ketten, würden sie die Kontrolle über die Raubtiere verlieren. Deshalb arbeitete Amira von den frühen Morgenstunden an bis in die späte Nacht hinein unermüdlich daran, jeden Widerstand in der Stadt aufzuspüren und zu verfolgen. Jede Nachlässigkeit, jede Schwäche, das spürte sie, würde die Ketten schwächer machen, mit denen sie die Männer von Kasra festgeschmiedet hatten.

Amiras Blick fiel auf einen Sklaven mittlerer Größe, der in einem der Käfige saß, weil keine Zelle mehr freigewesen war, in den man ihn noch hätte pferchen können. Ganz sicher war er kein Krieger gewesen. Amira ließ sich seine Hände zeigen. Er streckte sie durch die Gitterstäbe. Vielleicht ein Händler. Körperliche Arbeit hatte er nicht leisten müssen. Amira gab ihm in den Minen nicht mehr als einen Mondumlauf. dann würde er an den Strapazen sterben. Er hatte dunkelbraunes Haar und saß in seinem eigenen Angstschweiß auf einer schmutzstarrenden Decke. Niemand widersprach der höchsten Richterin, als sie für diesen Sklaven persönlichen Bedarf aussprach und ihn in Ketten aus dem Kerker führte. Seine Decke hatte sie ihm um die Schultern gehängt.

Wer einen nächtlichen Blick auf den Schreibtisch der hohen Richterin geworfen hätte, der wäre zweifelsohne beeindruckt gewesen von der Ordnung. Sorgfältig sortiert und nach Dringlichkeit und Wichtigkeit sortiert lagen hier die Stapel von Vorgängen, die in den nächsten Tagen abgearbeitet werden mussten. Direkt vor dem bequemen Sessel, auf der boskledernen Schreibunterlage fand sich eine Schriftrolle mit dem klangvollen Titel „Der Einsatz von Urts bei der Folterung von Gefangenen“. Dies war Teil einer größeren Schriftensammlung, zu der auch ihre Mutter, Nerita con Ko-ro-ba zu ihren Lebzeiten einiges beigetragen hatte. Atris, die nun als Sklavin im Vorzimmer der Tatrix thronte und damit mehr Macht hatte als jeder freie Mann in Kasra, hatte am Vorabend nicht umhin gekonnt Amira Arbeitseifer beeindruckt zur Kenntnis zu nehmen, während sie der hohen Richterin in der Bibliothek die neue Beschlussvorlage zur Beschlagnahmung der privaten Vermögenswerte von Widerständischen vorstellte und sich Verbesserungsvorschläge erbat.

silbermasken5_010

Direkt neben der Schriftrolle zu den Foltertechniken fand sich die Ausfertigung eines Passierscheines für eine Schwester der Maske, die Sleentrainerin Lissy. Die Frauen von Kasra adaptierten die neue Lebensart schnell. Es war fast, als hätten sie für etwas lange Aufgestautes nun endlich ein Ventil geschaffen. Wenn man durch die Straßen Kasras lief, traf man überall auf die silbernen Masken, die selbstbewusst dahin schritten und Befehle erteilten. Zu ihnen gehörte auch die Sleentrainerin. Dabei lastete seit gestern auf ihren Schultern eine große Verantwortung: Nach dem Entkommen Catos aus dem Turm und dem Entkommen zweier Gefangener aus den Kerkern hatte die Tatrix die Wachen im Palastbereich verdoppeln lassen und befohlen, dass man am Ende der Hand eine Sleenjagd auf Cato veranstalten würde. Keine normale Sleenjagd, bei der ein Führer mit einem ausgebildeten Sleen an der Kette die Fährte aufnahm, nein ein Spektakel innerhalb der Stadt, bei der viele Sleens die gleiche Fährte verfolgen würden und den Zuschauern auf den Balkonen der Stadt ein grausiges Schauspiel bieten würden.

silbermasken4_002

Amira war sich sicher, dass die Balkonplätze der kasratischen Villen teuer vermietet werden würden. So bot die Tatrix den Bürgern Zerstreuuung und demonstrierte gleichzeitig ihren uneingeschränkten Machtanspruch und ihren Willen, niemand Aufständischen davonkommen zu lassen. Ein kluger Spielzug. Amira hatte keine andere Wahl gehabt, als dem Vorschlag begeistert zuzustimmen. Seitdem jedoch wirkte sie in sich gekehrt und hatte sich noch mehr in die Arbeit vertieft. Es war fast so, als würde jedes Urteil, jedes Schriftstück, jede angeordnete Durchsuchung sie davon ablenken müssen, dass Cato bald gestellt werden würde. Es war nicht auszuschließen, dass man ihn zum Vergnügen noch am Tag der Jagd eben den Sleens überlassen würde, die zuvor seine Fährte verfolgt und ihn aufgespürt hatten. Lissy hatte sich drei Tage Zeit erbeten um ihre frisch verschifften Tiere mit den Gegebenheiten der Stadt vertraut zu machen.

Gleich neben diesen beiden Dokumenten fand sich eine weitere Schriftrolle aus der Bibliothek, die sich mit der Fauna Gors befasste. Amira hatte begonnen eine Abschrift des Kapitels „Der Sleen verliert niemals eine Fährte“ zu fertigen. Dies alles zusammengenommen würde im Betrachter zweifelsohne die Vermutung hervorrufen, dass Amira sich noch tiefer in die Arbeit vergraben hatte als noch zuvor. Was aber der Grund dafür war, das vermochte sie nur selbst zu wissen. Was sie tat, wenn sie sich – bekleidet mit einem einfachten Gewand und im Schutze der Maske unter dem Dunkel eines schützenden Umhanges, ganz ohne Leibwachen – in die Stadt bewegte, das wusste niemand. Denn es gab niemandem im Palast, dem sie uneingeschränkt vertrauen konnte. Sie war vollkommen allein mit sich und ihren düstersten Gedanken und – ihrer Sehnsucht.

silbermasken5_006

Cato hatte ihr Turmzimmer abfällig als ihr neues Gefängnis bezeichnet, als er von den Spuren der Auspeitschung gezeichnet und in schweren Eisen gefesselt, dort oben aufgewacht war. Und in diesem Morgenstunden, als Amira den namenlosen Sklaven Cato nannte und ihm befahl ihr einige Lieder zu singen und Gedichte aufzusagen, die er kannte, als sie ihn genau dort ankettete , wo Cato angekettet gewesen war und zwar mit einer blauen Tunika bekleidet, da wusste Amira, dass Catos Worte mehr Wahrheit enthalten hatten als ihr lieb war.

Sie begann auf einem hohen und schmalen Pass zu wandeln, bei dem sich auf beiden Seiten Abgründe erstreckten: Der eine Abgrund war die Trauer. Der andere der Wahnsinn. Ihr einziger Trost war, dass der Pass in ihrer eigenen Vorstellung den klangvollen Namen „Weg zur absoluten Macht“ trug. Sie ging ihn unermüdlich weiter, auch wenn die Liebe zu Cato sie mehrfach gefährlich nah an einen der beiden Abgründe taumeln ließ.

silbermasken5_009

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: