Silberne Gerechtigkeit

Der tote und geschundene Leib des Regenten pendelte sanft vor und zurück, als die Wachen ihr das eiserne Falltor öffneten. Er hing, aufgeknüpft an einem Strick um den Hals, die Zunge blau und aufgequollen und mit blicklosen trüben Augen dort am Palasttor, wo er von jedem gut zu sehen war, der sich dem Bereich näherte. Seine Zehen waren seltsam gekrümmt und Amira zwang sich den Blick von ihnen abzuwenden. silbermaske1_003 Sie schritt durch den dunklen Durchgang in Begleitung der beiden Söldner, die ihre Leibwache darstellten. Der Palasthof war ein Ort des Schreckens gewordens. Der süßliche Geruch des Todes nahm in der Mittagshitze langsam an Intensität zu. Gemeuchelte Krieger, die noch versucht hatten das Unvermeidliche abzuwenden, lagen nun tot am Ort der nächtlichen Kampfhandlungen. Ihr Blut hatte das Reflexionsbecken rot gefärbt. Es sickerte aus ihren aufgerissenen Leibern und von den Pfählen, die einigen von ihnen durch den Leib getrieben worden waren. Die Ratsmöbel hatte man zerschlagen und in Brand gesetzt. Vor dem Tor und im Hof verteilt loderten immer noch die Flammen und die Rauchsäulen waren bis in jeden Winkel der Stadt zu sehen. So sollte es sein. Amira hob die silberne Robe an als sie durch eine der dunkelroten klebrigen Lachen schreiten musste. Das saugendschmatzende Geräusch ihrer Sandalen im geronnenen Lebenssaft der toten Krieger jagte ihr einen Schauer über den Rücken, aber sie ließ sich nichts anmerken. silbermaske1_002 Die Stadt lag still, eingehüllt in einer Wolke des Entsetzens. In den Augen der Menschen hatte Amira Fassungslosigkeit und Angst gelesen und noch schienen sie wie gelähmt.  Umso lauter waren ihr die Flötenklänge erschienen, als sie vorhin den fremden Musikanten ertappt hatte, wie er den Toten ein letztes Lied darbrachte. Vermutlich war der Mann der erste gewesen, der eine der silbernen Masken Karas zu Gesicht bekommen hatte. Sie hatte ihn zurechtgewiesen und ihm erklärt, dass auf diese toten Männer in der Stadt des Staubes allenfalls das Lied des Verrats warten würde und dass er sich am Abend einzufinden hätte im Thronsaal um der Tatrix seine Aufwartung zu machen wie alle anderen auch. Sie hatte nicht im Dunkeln gelassen, dass man die Menschen der Stadt notfalls mit Gewalt aus den Häusern zerren und sie im Saal zusammentreiben würde, wenn es notwendig erschien. Er hatte die Flöte eingesteckt, sich dafür entschuldigt Amira verärgert zu haben, und war dann Richtung Basar zurückgeschlichen. silbermaske1_001 Amira hieß ihre Wachen an vor der Tür zu warten und betrat dann das Gerichtsgebäude. Sie war nun zuständig für die neue Gerechtigkeit in der Stadt und wenn sie daran dachte, flutete aufs Neue der Rausch der Macht ihre Venen und ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie schloss die Tür zu den unterirdischen Gewölben auf und verschwand über die steile Treppe in der Kühle der unterirdischen Stadt, die sich bis weit über die Grenzen des Palastgebäudes erstreckte. Nicht alle waren heute Nacht umgekommen.  Hier unten war der Geruch des Todes noch nicht ganz so barbarisch, dafür roch es aber nach Schweiß, Urin und Fäulnis von unbehandelten Wunden. Sie schritt von Zelle zu Zelle und notierte mit bürokratischer Bessenheit die Zahl der Gefangenen, vernahm sie kurz und vermerkte, wie ob und wie widerspenstig sie sich präsentiert hatten. Die, die noch kräftig genug waren und bei denen kein Vermerk eines persönlichen Interesses der Tatrix zu verzeichnen war, ließ sie gleich in die Salzminen verbringen. Jeder Gefangene bekam von ihr eine Nummer zugeteilt. In der letzten Zelle des ersten Traktes erkannte sie ein bekanntes Gesicht. silbermaske1_005 Nivaan, Kommandant der ehemaligen roten Kaste Kasras, Dorians Sohn und der Gefährte der Tatrix saß auf dem schmutzigen Fell unterhalb der Pritsche und lehnte an der Wand. Er hielt den Kopf gesenkt und blickte erst auf, als er sie bemerkte. Zorn und Verachtung las sie auf seinem Gesicht. Doch erst als er sie an der Stimmer erkannte und sie ihn fragte, ob das korrekt sei, ihn als „Verräter an der Tatrix“ ins Formular einzutragen, versuchte er sie durch das Gitter hindurch mit einem Sprung zu erreichen. Einem kümmerlichen SprungVERSUCH, der von seinen Verletzungen bereits im Keim erstickte wurde. Jämmerlich fiel er zu Boden. Immer noch war er ungebrochen und damit als gefährliches Element einzustufen. Er sprach von Heimsteintreue und Kodex und davon, dass sie alle bekommen würden, was sie verdienten. Aber Amira sah, dass ihre sorgsam gewählten Worte nicht ihre Wirkung verfehlten. Aus Dummheit in einer Zelle zu verrotten, das hätte seinen Vater nicht stolz sein lassen, oh nein,  denn hatte nicht Dorian selbst einst schon unter der strahlenden Sonne Kasras, Lady Palen,  gedient? Und befahl ihm nicht sein Kodex die Tatrix zu schützen, jetzt wo der Regent nichts war als eine zu stinken beginnende Hülle, eine Erinnerung in den Liedern und eine kurze Episode in den historischen Schriften? Nivaan ballte die Fäuste und Amira wandte sich lachend ab. Mit Vernunft war einem solchen Krieger nicht beizukommen. Sie verlieh ihm die laufende Nummer 024 und überließ sein weiteres Schicksal dem Gutdünken der Tatrix. Ob die Heilerin Zeit finden würde, seine Wunden zu behandeln war fraglich. Es gab Unmengen von Verletzten, die bereit waren die Tatrix zu unterstützen und diese hatten zweifelsohne Vorrang. Es war Zeit sich um Cato zu kümmern. Er war ebenso ahnungslos wie wie meisten Bürger Kasras und es war von entscheidender Bedeutung ob er bereit war sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Amiras Herz wurde schwer bei dem Gedanken daran, dass womöglich sein Starrsinn ihn dorthin bringen würde, wo Nivaan bereits saß: In einer finsteren, schmutzigen Zelle mit der Aussicht, das Licht von Lar-Torvis niemals wieder auf seiner Haut zu spüren. Am Vormittag hatte sie Sia getroffen und sie hatte die Vermutung geäußert, dass Cato nicht bereit sein würde Amira ein ergebener und tauglicher Handlanger zu sein. silbermaske1_006 Amira liebte Cato. Ohne Zweifel, sie liebte ihn wie am ersten Tag. Aber nun hatte sie Gelegenheit Geschichte zu schreiben und nicht mehr nur die Frau hinter einem mächtigen Mann zu sein, sondern selbst die Fäden der Macht in Händen zu halten. Eine Versuchung, die so schwer wog, als habe man ihr die Reichtümer von ganz Gor zu Füßen gelegt und ihr darüberhinaus den Schlüssel für ein ewiges Leben um den Hals gehängt. All die Demütigungen waren so tief gewesen. Während Amira erneut an den Gefallenen vorüberschritt, holte sie all diese Erinnerungen hervor. Die Schuldversklavung in Ko-ro-ba, weil ihr Vater dumm und leichtsinnig gewesen war, die schlimmen Gesichtsverbrennungen ihrer Mutter, die Arbeit in der Pagataverne von Lydius, das Entsetzen über die Willkür ihrer Herren in Kasra, ihr Sprung in den Fayeen aus nackter Verzweiflung und in dem Bewusstsein lieber tot zu sein als weiterhin in einem Kragen, die erlittene Gewalt durch Gar con Lydius, die soweit geführt hatte, dass sie ihren ersten Sohn wie ein Tier unter einem Baum gebären musste…. Bei den Priesterkönigen, wahrlich, Männer waren nichts weiter als brutale Tiere. Nur Cato war anders. Und er würde sie nun begleiten in eine glanzvolle, gerechte Zukunft, in der die Frauen die Geschicke von Kasra regierten, zum Besten aller. Sie traf Cato in ihrem Zuhause an. Er war gerade erst aufgewacht und hatte bereits vom Balkon aus die Rauchsäulen gesehen. Aufgebracht kam er nach unten gestürzt und prallte entsetzt gegen Amira, abgestoßen von der silberglänzenden Maske, die sie vor dem Gesicht trug. Es sollte sich als kluge Entscheidung erweisen, dass Amira die beiden Leibwachen vor dem Tor postiert hatte. Cato war außer sich vor Zorn, als sie ihm das neue Kasra skizzierte.  Als er versuchte ihr die Maske vom Gesicht zu reißen und den Gürtel in die Hand nahm um sie zu schlagen und zur „Vernunft“ zu bringen, stieß sie einen Schrei aus und er sah sich von zwei Söldnern mit gezogenen Schwertern umringt. silbermaske1_009 Hatte sie sich in seiner Klugheit und in seiner Liebe getäuscht? Der Schlag traf Amira mit unerwachteter Wucht, der Schlag der Erkenntnis, dass sie zwar Cato viele Jahre lang auf dem Weg zur Macht unterstützt hatte, dass er  aber umgekehrt nicht bereit war die ihre zu stützen. Sie hob die Hand und schüttelte den Kopf. Unfähig ihn inhaftieren oder töten zu lassen und erfüllt von bodenloser Trauer. Wie sollte sie ihn schützen, wenn er sich so unklug verhielt? Alle Pläne mit ihm gemeinsam die neue Macht zu genießen, zersprangen vor ihren Augen wie ein schillernd buntes und hauchdünnes Gefäß aus edlem Porzellan. Hinter der wieder aufgesetzten Maske kamen ihr die Tränen und sie wandte sich ab, als sie in seinen Augen dieselbe Verachtung und den gleichen Zorn las, wie sie ihn vorhin bei Nivaan gesehen hatte. Amira zog sich zurück und stürzte sich in die Arbeit. Heute Abend würden sie ganz Kasra über die neuen Errungenschaften der Zivilisation der Silbermasken unterrichten. Die ersten neuen Gesetze würden verlesen werden und womöglich würde es noch mehr Tote geben. Aber Angst hatte sie nur um einen einzigen Mann. Als sie die Feder ins Tintenfass tunkte, zitterten ihr die Hände.

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  1. […] Amira redet immer weiter und ich traue meinen Ohren nicht. Was redet sie da? Das ist nicht meine Gefährtin, irgendjemand muss sie total verdreht haben. Ich versuche es mit gut zureden, mit Bitten, dann mit Drohungen. Aber sie bleibt hart. Redet davon, dass nun ihre Ahn gekommen sei. Jahrelang habe sie mich unterstützt, und da sei es wohl kaum zu viel verlangt, wenn ich nun sie ein wenig unterstützen würde. Sie ist vollkommen übergeschnappt. Ich versuche ihr die Maske vom Gesicht zu reißen und sie schreit. Die Tür zum Hof wird aufgestoßen und zwei Soldaten stürmen herein. Bedrohen mich mit dem Gladius. Ich starre die beiden Krieger an, es sind keine Wachen der Stadt. Unbekannte Farben und ein blutrotes Abzeichen auf dem Wams. Söldner! Wie zur Hölle kamen Söldner in die Stadt? In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Die beiden Hünen stehen vor mir und halten mir ihre Schwerter unter die Nase. Amira hält sie zurück. Schickt sie wieder zurück zum Tor und jetzt endlich nimmt sie ihre Maske ab. Sie ist bleich und sieht mit aus blutunterlaufenen Augen an. Was ist mit meiner Gefährtin geschehen? […]



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