Eine Nadel in alten Wunden

„Zeige keine Angst, Amira.“ Das waren Catos Worte gewesen vor nicht allzu langer Zeit. Immer noch waren sie ohne Sklavin. Die Sache mit Baratheus und dem Mädchen hatte sich noch nicht regeln lassen und Amira vermied jede Klage über ein Zuviel an Hausarbeit um der Diskussion aus dem Wege zu gehen. Deshalb war sie nun auch hier auf dem Basar um die Wochenbestellungen aufzugeben. Sie erkannte Gar con Lydius schon, als er die Hauptstraße entlang kam. Sie würde diesen Gang niemals vergessen, in dem diese unsägliche Arroganz lag, die nur von dem Ausdruck in seinen Augen übertroffen wurde. Es hatte Zeiten gegeben, da waren diese Schritte das einzige gewesen, auf das sie für den Tag noch hatte hoffen können, aber sie war weggelaufen damals und hatte sich aus ihrer misslichen und doch selbstverschuldeten Lage wieder befreit. So lange war das her. Und doch war die Erinnerung lebendig in diesem Moment, als sie ihn wahrnahm. Und er sie.

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Als er geradewegs auf sie zukam, hatte Amira fast Furcht, dass Atris oder die andere Sklavin doch eine lockere Zunge bewiesen hatten und Catos Worte im Feuerkrug, die im vom Kalana erzeugten Leichtsinn über dessen Lippen geflossen waren, ihren Weg an Gars Ohr gefunden hatten.

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Aber dies schien nicht der Fall zu sein. Den Priesterkönigen sei Dank blieben sie auch nicht lange allein. Eine Händlerin stieß hinzu und Atris, eine der beiden zum Schweigen genötigten Sklavinnen. Als Gar die Frau als Shee vorstellte und er süffisant bemerkte, die beiden hätten sich ja unter anderen Umständen schon einmal kennen gelernt, hätte Amira ihn gern mit Blicken erdolcht.

Shee. Natürlich erinnerte sich Amira an Shee. Die beiden hatten schon lange Abende gemeinsam in der Taverne zu Lydius gedient. Shee hatte sie im Tanz unterrichtet damals und war ihr seit jeher in guter Erinnerung. Dann war Shee über verschlungene Wege in den Norden gelangt, hatte dort als Bond gedient und ihre letzte Begegnung hatte in Belnend stattgefunden. Damals war Amira schon frei als Catos Gefährtin und Laertes kroch noch auf allen Vieren auf dem Boden herum. Und nun war Shee… eine freie Frau.

Amira sah Shee in die Augen und nickte kaum merklich. Ein Zeichen, dass sie sie zwar erkannt hatte, aber ganz sicher in der Öffentlichkeit schweigen würde. Für einen Augenblick gelang es ihr Gars Sticheleien auszublenden, aber nur für einen Moment, dann schlugen sie mit der Härte eines Kometen ein. Alte Freunde? Hatte er gerade wirklich gesagt, dass sie alte Freunde waren? Amira verengte die Augen und ließ sich dazu hinreißen den Sklavenhändler daran zu erinnern was sie für ihn empfand.

„Es gab Zeiten, Gar, da hätte ich dir bei passender Gelegenheit gerne einen Dolch in deine Brust gestoßen.“

Er lachte. Egal ob man Gar mit etwas traf oder nicht, er würde niemals aufhören diese Maske aus Ignoranz und Arroganz zu tragen. Und zu dieser Maske gehörte das vor Selbstsicherheit triefende Lachen. Sie hätte es besser wissen müssen. Shees Augen nahmen diesen herzzreißend scheuen Ausdruck an, an den Amira sich so gut erinnerte. Shee mochte keine Streitigkeiten. Amira riss sich zusammen und ging mit den beiden in den Feuerkrug. Vielleicht gab es ja Neuigkeiten und man sollte sein Ohr niemals vor Klatsch und Tratsch in einer Stadt verschließen. Oft lag die Wahrheit darin verborgen wie eine kostbare Perle in einer Muschelschale.

Statt einer Perle fand Amira an diesem Abend eine Nadel. Lang, spitz und glühend mitten eine längst verheilte Wunde ihres Herzens gestoßen. Sie sprach mit Shee über Kinder. Was ein unverfängliches Gespräch hatte werden sollen, wurde von Gar mit einer einzige Frage in ein unsicheres und sehr kaltes Gewässer gesteuert.

„Das waren nun drei Kinder, von denen du erzählt hast,  Amira, aber was macht das vierte? Hattest du nicht zwei Töchter?“

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Die Teeschale geriet in Schräglage und ihr Inhalt verbrühte ihr den Schenkel. Aber noch gelang es ihr die Fassung zu bewahren. „Dionyza lebt nicht mehr. Jedenfalls nicht führ ihre Familie.“ Shee hielt den Atem an, Amira konnte es an ihrer Haltung erkennen. Ein Moment des Schweigens trat ein.

„Ach ja, das war ihr Name. Ich lernte sie kenne. Ein hübsches Ding und dir so ähnlich, Amira.“

„Du kannst sie nicht kennen gelernt haben. Sie durfte den Palast kaum verlassen, Gar und wir haben die Mädchen fast so gut behütet wie den Heimstein von Turmus.“

„Oh. Vielleicht bin ich auch einem Betrüger aufgesessen. Ein cosischer General, glaube ich. Er stellte sie mir als deine Tochter vor. Und sie machte keinen unglücklichen Eindruck.“

Das war über alle Grenzen. Amira spürte wie ihr die Tränen heiß in die Augen schossen und sie die Fassung verlor. Und dann sprudelte ihr ganze Hass auf Cos aus ihr heraus wie aus einem unbeherrschten Kind. Shee sah sie mit aufgerissenen Augen an und dann zum Durchgang zum Innenhof, wo der Perlenvorhang raschelte und jemandes Ankunft ankündigte. Auch Gar sah plötzlich dorthin und stand dann von seinem Kissen auf.

Amira schluchzte und drehte dann auch den Kopf. Sie hatte Mühe zu erkennen, wer dort stand im Gegenlicht. Eine zarte Gestalt in weiß und gold mit gelocktem Haar. Es war Gar, der den Namen zuerst nannte.

„Vayiena!“

 Vayiena war zurück.

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Comments
2 Responses to “Eine Nadel in alten Wunden”
  1. gargaret sagt:

    Hallo Nea,

    ich muss doch einmal die Gelegenheit nutzen und Deinen Blog loben. Unabhängig davon, ob man selber wie hier ein Teil der Geschichte ist, oder nicht, ist er extrem spannend zu lesen. Ich war zwar ziemlich lange vor meiner Ankunft in Kasra jetzt in SL nicht on, aber hier habe ich doch immer mal reingesehen.

    Und um sich an die alten Zeiten zu erinnern (an die wir ja alle immer mal wieder ein bisschen wehmütig zurückdenken) ist er, zusammen mit dem Lydus-Blog, einfach unverzichtbar!

    Danke dafür

    Gar (bzw. der nicht ganz so böse Spieler dahinter)

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