Blutmonde

Die Tage und die Nächte wurden ihr lang. Schon seit zwei Hand war Cato nun unterwegs wegen einer juristischen Angelegenheit. Unterwegs nach Tor. Nicht allein, aber ohne Amira. Die Verabredung und ihre Pflichten als Schriftgelehrte hatten sie davon abgehalten ihn auf diese Reise zu begleiten. Jeweils einer von ihnen war verpflichtet bei Sitzungen und Audienzen anwesend zu sein, Protokolle zu schreiben und die städtische Verwaltung am Leben zu erhalten.

Das Tor zur Tahari war von Kasra aus nicht allzu weit, aber die Wegstrecke nicht ungefährlich. Amira war unruhig. Auch in dieser Nacht schien die Hitze des Tages gar nicht mehr weichen zu wollen aus den Mauern, die enger und enger zu werden schienen um sie herum. Obwohl Theobalds Villa mit ihren Säulen und Bögen Luft und Leichtigkeit versprach, hatte Amira das Gefühl zu ersticken. Ihr Nachtkleid war schweißnass und klebte ihr am Leib. Ihre Lungen schmerzten und ihr Herz pochte hektisch in der Brust, dass man meinen könnte, es wolle herausspringen. Sie erhob sich vom Laken und trat an die Wasserschüssel. Die drei Monde spiegelten sich in der stillen, glatten Oberfläche. Aber in dieser Nacht leuchteten sie nicht in ihrem stolzen, fahlen Weiß, sondern rot wie Blut. Amira starrte auf die drei blutroten Spiegelungen und hob den Blick dann zum Himmel.

Die drei Monde hatten immer eine besondere Bedeutung in ihrem Leben gehabt. Im Licht der Monde hatte sie Cato zum ersten Mal geliebt, am Ufer des Gebirgssees in Hochburg. Während Amira in Lydius war und Cato und Hochburg war, hatten sie einander gedacht, still und getrennt vom anderen, aber doch nicht allein – im trostspendenden und Hoffnung versprechenden Licht der Himmelskörper. Nach einer Festlichkeit in Lydius hatten sie sich heimlich auf einer Lichtung in ihrem Lichte geliebt. Amira erinnerte sich an die Spiegelung in Catos Augen. Die Gefährtenschaftsverlängerung, zu der er sie aus Port Kar in die Wälder gebrachte hatte, in die kleine Zuflucht bei Iskander. Sie hatten mit der Zeremonie bis zur Dunkelheit gewartet, damit sie vom Mond beschienen wurde.

Aber in dieser windstillen Nacht in Kasra hatten die Monde ihre Farbe gewechselt und zeigten ein blutiges Antlitz. Dieses Phänomen war nicht einzigartig, das wusste Amira. Aber sie krallte dennoch die Hände in das kleine mit Schnitzereien reich verzierte Tischlein und keuchte. Sie war nie besonders abergläubisch gewesen und doch hatte sie die Geschichte mit dem weißen Tabuk damals gelehrt, dass es Dinge gab, die der Verstand kaum zu verfassen vermochte, verborgene Zeichen, die man lesen oder vor denen man seine Augen verschließen konnte. Ein Zeichen. Ein Zeichen, das nicht von Glück kündete. Wäre Cato bei ihr gewesen, hätte sie das Zeichen unter Umständen auf das Schicksal von Kasra bezogen oder auf das Schicksal eines ihrer Kinder, aber jetzt unter diesen Umständen hatte sie Mühe überhaupt Klarheit in ihre Gedanken zu bringen.

Wo bist du?

Nur ein Flüstern drang zwischen ihren Lippen hervor. Ein Nachtvogel schrie in weiter Ferne. Immer näher schienen die Wände heranzurücken und immer tiefer schien ihr das Rot der Himmelskörper zu leuchten. Flecken von dunklerem Rot waren jetzt zu erkennen, wie Schatten oder wie Lachen voller Lebenssaft, der langsam geronn. Amira sog die Luft ein, die in ihren Lungen zu brennen schien, statt die Angst zu lindern.

Wenn es ein Zeichen war? Wenn es ein böses Omen war? Amira tauchte die Hände ins Wasser, die Monde zerfielen im unruhigen Tanz der Wellen. Sie hob mit beiden Händen das Wasser an und benetzte ihr Gesicht damit. Dann zog sie sich eine Robe über und rannte wie auf der Flucht die Treppenstufen hinunter. Wenigstens die Kacheln waren kühl unter ihren bloßen Füßen. Sie floh durch den Hof, sah nicht auf blutrote Spiegelung im Wasserbecken, sondern hastete durch das Portal hinaus in die Gasse. Selbst Kasra schließ um diese Zeit schon. Amiras Robe blieb an einem Zweig der Hecke hängen, als sie auf kürzestem Weg den Weg zum Tempel einschlug. Ein Ruck und ein Riss, es war ihr gleich. Das goldene Rund erreichen und beten. Beten, dass die Angst aufhört. Beten, dass das Rot der Monde nicht von Unheil kündete. Darum bitten, dass Cato gesund zu ihr zurückkehren mochte.

Amira stand aufrecht und hob die Hände zu den Seiten. Atmen, atmen, atmen. Sie flüsterte nicht einmal. Es war ein stummer Schrei in dieser Nacht. Getragen von der Angst.

Es hatte keine Begrüßung von Lar-Torvis gegeben zum neuen Jahr in Kasra aus welchen Gründen auch immer, es hatte sich nicht organisieren lassen und war untergegangen in der Hektik und im Termingerangel von tausend und abertausend erdrückenden Verpflichtungen. Diese Reise ausgerechnet vor der Verlängerung ihrer Gefährtenschaft, die er allein antreten musste, obwohl sie es sich wieder und wieder geschworen hatten: Da wo du bist, bin ich auch. Das immmer wieder erneuerte Versprechen ihres Bundes. Aber nun war sie hier und er war dort, irgendwo in der Ferne.

Wo bist du?

Amira stand dort in der Dunkelheit und betete.

Ein halbe Ahn verging, bevor sie wieder die Kraft fand ins Haus zurückzukehren.

***

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