Der Wahn in seinen Augen

Insanity – a perfectly rational adjustment to an insane world.
(Ronald D. Laing)

Es war eine Weile her, dass sie mit Cato die letzten Sonnenstrahlen in den Gärten von Kasra genossen hatte. Genau genommen war es vor dem trostlosen Heimsteinschwur gewesen und vor der Ernennung Catos zum Stadtschreiber. In Situationen, in denen die Hektik, Wut und Wahnsinn einen durch Tag und Nacht treiben, war es dieser Moment, den Amira vor sich sah, wenn sie kurz die Augen schloss. Das Gras kitzelte ihre Fesseln und ihre Schenkel, dort, wo ihr Rock ein Stück heraufgerutscht war. Die warmen Strahlen des Zentralfeuers wärmten sie durch und durch und zum Vogelgesang tanzte über ihnen ein tospitgelber Schmetterling vor strahlend blauem Himmel. Die Farben so surreal intensiv wie auf einer Kinderzeichnung.

Wenige Tage später folgte das Treffen der blauen Kaste, dessen Verlauf Amira die niederschmetterne Trostlosigkeit vor Augen geführt hatte, in die führungslose Schriftgelehrte geraten konnte, wenn weder jemand auf die Einhaltung des Kodex achtete, noch sich jemand um die Belange und Kompetenzen der zweithöchsten Kaste sorgte.

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Viel Arbeit hatten in der Vorbereitung gesteckt, doch an jenem Abend war alles vergebens erschienen und vor Schmerz und Kummer hatten sie in der Nacht kaum in den Schlaf gefunden. Amira hatte an ihren Großvater denken müssen, an ihre Mutter. An die kompromisslose Strenge und Härte ihrer Ausbildung. Sie war froh, dass beide eine solche Entwicklung nie hatten miterleben müssen. Disziplinlosigkeit, mangelnde Sorgfalt mit den Schriften, das Pöstchen ohne Arbeit fordern um die eigenen Verrs ins Trockene bringen zu können. Als man sogar erwog, den Kastenersten Ignatius mit der niedrigkastigen Badnerin zu verbinden – obwohl Amira Sia sogar zugetan war in Freundschaft – war es um ihre Beherrschung geschehen. In ihren Augen zeugte all dies von Ehr- und Disziplinlosigkeit. Und daraus hatte sie auch keinen Hehl gemacht.

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Zu ihrer Überraschung hatte das Überschwappen ihrer Gefühle und der damit verbundene Ausbruch nicht zu einem Zerwürfnis mit Ignatius geführt. Im Gegenteil. Dieser hatte sie am nächsten Abend, eigentlich schon fast spät in der Nacht, in der Bibliothek aufgesucht und ihr gestanden, dass er diese Aufgabe kaum noch wahrzunehmen vermochte und er seinerzeit eigentlich nur dazu gekommen war, weil niemand bereit gewesen war die Bürde eines Amtes zu tragen, das keinen großzügigen Sold, sondern nur einen Haufen Arbeit und Verantwortung mit sich brachte.

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Er wollte bei nächster Gelegenheit mit Cato sprechen um einen Weg aus diesem Debakel zu finden, mit dem der Kaste auch gedient war. Das zeugte von Größe. Und Amiras Respekt vor ihrem Kastenersten kehrte zurück. Es bestand immer noch Hoffnung für die blaue Kaste Kasras. Hoffnung wieder auf den Weg zurückzufinden, den der Kodex ihnen wies.

Dann folgte der nächste Schlag. Aurelius, der noch vor der Wahl zurückgetreten war, zeigte sich wieder in der Stadt. Vor wenigen Tagen erst hatte Amira ihn mit seiner Schwester Aurelia auf dem Basar getroffen.

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Als sie an diesem Abend mit Atris zur Erstellung von Sklavenpapieren in Catos Amtszimmer saß, hatte sie das Gepolter und Gebrüll zunächst für ein Training der Krieger in der Zitadelle gehalten. Je nachdem wie der Wind stand, konnte man das Klirren von Stahl und die Rufe der Krieger bis hinein in die Stille der Bibliothek hören. Aber als sie aus der Tür trat, bestand kein Zweifel daran, dass der Lärm aus dem Thronsaal herüber schallte. Eilig trugen Amiras Schritte sie dorthin, wo im Schatten der tausend und abertausend geschnitzten Sterne und Monde Cato und Sir Mo standen, die Abstand zu dem hielten, was sich im Saal abzuspielen schien. Erst jetzt erkannte sie die Stimme von Aurelius. Sein entgeistertes Gelächter, das davon kündete, dass sein Geist sich der Fesseln von Logik und Besonnenheit entledigt hatte.

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Amira trat neben Cato und warf einen Blick auf das Schlachtfeld, in dem der Eng-geisterte seine imaginären Gegner besiegt hatte. Die Stühle der Ratsmitglieder waren umgeworfen und zertrümmert. Aurelius wanderte dazwischen herum und faselte von Verrat und seinem Sieg über alle Verräter. Cato zog sie zurück und stellte sich vor seine Gefährtin, als sich sich dem offenbar Verwirrten, aber mit zwei Schwertern bewaffneten Mann, nähern wollte. Schließlich war es Mo, der nach einer Heilerin suchen ging, aber mit schlechter Kunde zurückkam und statt dessen die Stadtwache rief, als Aurelius ein kleines silbernes Fläschchen mit einer Ost darauf zum Munde führte. Wollte er seinem Leben etwa mit Gift ein Ende setzen? All ihre beruhigenden Worte schienen ihn längst nicht mehr zu erreichen. Schließlich drängte er sich an den Wachen vorbei und verschwand im Menschengewirr der Hauptstraße. Im Vorbeigehen fing Amira seinen Blick auf und erschauerte.

Als wäre die von Brandnarben entstellte Hälfte seines Gesichts nicht schon furchteinflößend genug, entsprang nun der nackte Wahnsinn dort, wo einst politisches Kalkül und der unbedingte Wille zur Macht ihren Ausdruck gefunden hatten. Seine Augen! Amira würde diesen Ausdruck darin niemals vergessen.

Und es war ein Name, den er immer und immer wiederholte.

Pagar.

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