Bürger in Kasra und ein verlassenes Kind

Keine Spur vom Schmied. Keine Spur von seinem Weib. Amira hob das brüllende Kind aus seiner Wiege und drückte es an sich. Überall Vulodreck in der Wohnung. Das Feuer am Herd längst heruntergebrannt und im Kochtopf nichts als eine eingebrannte zähe Masse. Jakes volle Windel stank zum Erbrechen und auch als Amira ihn auf dem Arm hatte, konnte er sich noch nicht beruhigen.

Nami sah fassungslos auf die enge Behausung und das Chaos. Baratheus hatte das Mädchen auf Probe geschickt und wollte sie günstig verkaufen, falls sie sich bewährte.

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Für Amiras Geschmack war sie für eine Topfsklavin viel zu hübsch. Aber an dieses Problem dachte sie in diesem Moment nicht. In diesem Moment füllte das Gebrüll eines Kindes den Raum, dessen Eltern offenbar verschwunden waren. Hatten sie etwa ihren Sohn einfach sich selbst überlassen? Amira war sprachlos.

Eigentlich hatte das Schmiedeweib schon vor dem Rat vorbeikommen wollen um ihr Gewand auf Ratstauglichkeit prüfen zu lassen, denn sie hatte große Pläne und an Amira sogar schon ein Silber gezahlt für die Beratung und das Dokument, das notwendig sein würde.

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Und dann war sie einfach nicht erschienen? Das allein hätte Amira nicht dazu veranlasst zu so später Stunde und nach einer langen und anstregenden Ratssitzung noch das Viertel der Handwerker aufzusuchen. Aber Cato war äußerst erzürnt, dass der Schmied immer noch nicht nach der Tuchpresse gesehen hatte.

Also hatte sie Nami mit sich gewinkt und sich auf den Weg gemacht. Eigentlich wäre dies die Ahn für Feierlichkeiten gewesen, denn seit dieser Ratssitzung waren Cato und Amira Bürger von Kasra. Aber Amiras Herz war nicht nach einer Feier zumute. Sie fühlte sich überrumpelt. Vom Schwur. Von der Art und Weise, dass er in Kasra nichts weiter war als ein Unterpunkt in einer Ratssitzung.

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Ein wenig erleichert war sie ebenso. Sie hatte die Hand auf diesen Stein gelegt und Worte wie Hülsen ausgepuckt, als man es von ihr verlangte. Sie hatte nicht einmal wirklich den Stein angesehen, sondern Cato in die Augen geblickt. Dies war kein Schwur des Herzens gewesen, sondern der Ratio. Sie sehnten sich nach Zugehörigkeit. Nach Bürgerrechten in einer Stadt, die noch existierte und nicht bloß als cosische Vasallenstadt. Nun standen ihnen wieder alle Wege offen. Cato hatte Recht gehabt. Und doch hatte Amira sich schrecklich fremd gefühlt, während ihr Mund den Schwur leistete.

Jake. Amira strich dem Kleinen über den Kopf, schüttelte dann ihr Entsetzen ab und befahl Nami mit sich hinaus.

„Geh und such jemanden von der Wache oder den Richter, Nami. Richte aus, die Lady Amira habe einen allein gelassenen Säugling in der Wohnung des Schmieds vorgefunden und ihn mit heimgekommen, da die Eltern nicht vor Ort waren. Es ist besser, wir machen das offiziell, immerhin sind wir einfach in die Wohnung eingedrungen. Und scheuch die Vulos raus, sie verdrecken ja alles!“

Dann trug sie den kleinen Schmied hinaus. Einwickelt in eine schäbige Decke, die auf dem Boden gelegen hatte. Man konnte vom Schmiedeweib halten, was man wollte, aber Amira glaubte nicht, dass sie ihren Sohn einfach so zurückließ wie einen Haufen Vuloscheiße auf dem Holzboden. Zuhause angekommen, befreite sie den kleinen Schreihals vom Kot und fütterte ihn dann mit gewärmter Milch. Eine Amme zu bekommen, jetzt zu dieser Stunde, war wohl ausgeschlossen und morgen würde man weitersehen.

Als der Richter eintraf, hatte das Kind sich bereits beruhigt und lutschte hingebungsvoll an einem Stück süßen Gebäcks. Vorerst war alles andere vergessen. Die kasratische Bürgerschaft. Gars Anwesenheit als Sklavenhändler in der Stadt. Alles unwichtig im Vergleich zu diesem hilfslosen Bündel Mensch.

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