Die Melodie aus Bazi

In den Tagen nach dem Fieber hatte Cato geschlafen wie ein zufriedenes Kind. Ob es dem Schlaftee von Aphra zu verdanken war oder ob sich etwas in ihm beruhigt hatte, dessen Unruhe zuvor nicht zu stillen gewesen war, vermochte Amira nicht zu sagen. In dieser Nacht war sie es, die wach neben ihm lag und ihm beim Schlafen zusah.

Jede Faser ihres Körpers war durchflutet von einem Gefühl, das sich anfühlte und schmeckte wie damals auf der Flucht. Allein mit nur wenig Habseligkeiten von Lydius, am Rande der nördlichen Wälder durch das Voltaigebirge bis nach Hochburg um möglichst viele Pasang zwischen sich und die Stadt zu bringen, die lange Zeit ihr Heimstein gewesen und dann zum bedrückenden Gefängnis geworden war. Um möglichst viele Pasang zwischen sich und den Mann zu bringen, der die Stadt erst zum Gefängnis gemacht hatte.

Sie war tagsüber gelaufen, wenn möglich hatte sie sich Reisegruppen angeschlossen. In den Nächten hatte sie nur die müden Augen geschlossen, während ihr Geist sich geweigert hatte zur Ruhe zu kommen und wachsam geblieben war. In den Augen der anderen Reisenden war sie eine Händlerin gewesen auf dem Weg in eine hoffnungsvolle Gefährtenschaft in der Ferne, die ihrer freien Erfindung entsprungen war. Aber sie wusste, was sie gewesen war: Eine geflohene Sklavin auf der verzweifelten Suche nach einem Weg zurück in die Freiheit.

Ein Grund warum sie damals gen Hochburg steuerte, wie sich die Kompassnadel dem Sadar entgegenstreckt, lag nun neben ihr. Die Gesichtszüge entspannt und den Mund leicht geöffnet. Tiefe Atemzüge kündeten von einem ruhigen Schlaf und von zu erwartender Erholung von den Mühen des Tages. Cato würde sie mit Leib und Leben schützen, das hatte er versprochen und sie wusste, dass er es ernst meinte. Er hatte es mehrfach bewiesen in langen Märkten ihrer Gefährtenschaft, in denen sie gemeinsam durch Zeiten großer Erfolge und durch Zeiten großer Rückschläge gegangen waren. Amira hatte keine Zweifel an den Worten ihres Gefährten, aber in dieser Nacht hatte sich die alte Angst vor Vergangenem durch die Pforten von Theobalds Villa geschlichen, war die Stufen bis in ihr gemeinsames Schlafgemach hochgewandelt und saß nun in ihrem Nacken als wäre es immer noch eine Nacht der langen Flucht nach Hochburg damals.

Und Amira wusste, dass der Grund dafür in Kasra war.

Sie hatten den langen südlichen Abend im Feuerkrug ausklingen lassen, bei einem Kelch Kalana und einem üppigen Essen. Die Stimmung war gelöst gewesen, nach dem gemeinsamen Bad in der versteckten Bucht und nachdem Cato Amira seine Genesung wirklich ganz bewiesen hatte, als er sie kniend im Gras genommen und sie an den Rand der Seligkeit gestoßen hatte mit seinem Schwanz, der sich so hart und mächtig angefühlt hatte, als hätte es das Sumpffieber in ihm nie gegeben.

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Zufrieden und glücklich waren sie zurück in die Stadt gegangen, hatten noch den Schmied augesucht und diesen an den Auftrag erinnert, der sie ihren neuen Plänen etwas näher bringen würde.

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Aber dann, Amira hatte gerade den Kelch an ihre Lippen führen wollen, hatte der Perlenvorhang zum Innenhof hin leise geraschelt und die Vergangenheit war hindurchgetreten im Gewand eines Sklavenhändlers im blau-goldenen Gewand. Gar con Lydius. Keine zwei Ihn hatte sie gebraucht  um ihn zu erkennen, bevor er in die Runde grüßte und auch Cato ihn bemerkte. Der Kelch glitt ihr aus den Fingern und rasch breitete sich eine blutrot Lache Kalana auf dem Teppich aus. Einen Moment zuvor hatte Lady Palen in Begleitung des Hauptmannes den Seiteneingang des Feuerkrugs betreten. So standen sich in diesem Moment die einst Mächtigen gegenüber als einfache Menschen ihrer Kaste und in einer Stadt, die nur für Lady Palen der Heimstein war.

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Als Aphra später an diesem Abend ein Lied auf ihrer Flöte aus Bazi angestimmt hatte, hatte Cato Amiras kalte Hand in seine genommen und sie gewärmt. Er hatte ihre Hand nicht mehr losgelassen. Die Melodie, die eigentlich von den Teefeldern in Bazi erzählen sollte, war von einer wundervollen, eigenartig schweren Tiefe, auf der die Geister der Vergangenheit zu wandeln begannen.

Cato verlagerte seine Schlafposition von der Seite auf den Rücken. Durch die großen Bogenfenster fiel das Licht der drei Monde ins Zimmer als würden diese über sie wachen. Viele Nächte hatten sie getrennt im Licht der drei Monde verbringen müssen. Aber nun lagen sie zusammen in ihrem silbrigen Licht. Amira schloss die Augen und wartete auf die Umarmung des Schlafes.

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