Ein neuer Regent

Cato war mit dickem Schädel wieder aufgetaucht und behauptete glaubwürdig er sei bei politischen Debatten zur Wahl und viel zu viel Paga versackt und habe nicht etwa die Nacht über im Alkoven mit einem Pagamädchen verbracht.

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Amira sah ihm tief in die Augen und ließ es dann dabei bewenden, denn immerhin war ihr ziemlich klar, dass sie eine solche allein verbrachte Nacht bei anderen Gefährten sehr viel häufiger zu ertragen hätte. Außerdem war keine Zeit für vertiefende Diskussionen, denn es war Zeit sich umzuziehen. Heute fand die vorgezogene Regentenwahl statt.

Ihr Gefährte verschwand ächzend nach oben und Amira widmete sich dem Anlegen des Schleiers. Sie hatte also richtig gelegen, als sie Nivaan versichert hatte, dass ein Suchkommando mit Tarnstaffel für Cato absolut nicht notwendig war. Was ihr noch ein wenig nachhing war das Gespräch mit dem Geldverleiher, der ihr vorkam wie ein habgieriger Händler und der doch ein Mitglied ihrer Kaste war! Vielleicht waren es aber auch nur ihre eigenen schrecklichen Erinnerungen an die Schuldversklavung in Ko-ro-ba, die sich über das legten, was eigentlich gesprochen worden war. War es nicht selbstveständlich, dass ein Geldverleiher zum verabredeten Zeitpunkt die Summe auch zurück haben wollte? Amira seufzte. Bei Geld, so vermutete sie, hörte selbst bei einem Kastenbruder die Loyalität auf und genau deshalb war das kein ehrenwertes Gewerbe für einen Schriftgelehrten! Zornig tippte sie mit dem Stilus auf der Tischplatte herum.

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Allerdings war dies nicht der Moment Cato davon zu erzählen, der nun ächzend die Stufen wieder herunterkam. Sia hatte die Robe sehr schön umgearbeitet. Das einstige Futter ersetzte nun Teil des schweren Tuches und nahm dem ganzen Kleidungsstück die Schwere.

Sie waren unter den letzten Bewohnern, die im Thronsaal eintrafen und Amira schnappte sich einen noch unbesetzten Stuhl gleich am Ausgang, weil es sich im Stehen eindeutig schwerer schrieb als im Sitzen. Cato blieb neben ihr stehen und Amira konnte sich ungefähr vorstellen, dass es der frische Wind im Eingang war, der hin und wieder seine rote Nase streichtelte, der ihn dazu bewog genau dort zu verharren. Nach ihnen trafen noch Aphra und ihr hübscher Begleiter ein. Auch das Waldkind aus Schendi mochte offenbar frische Luft und die Nähe zum Ausgang, deshalb hockte sich Chilan, so war wohl sein Name einfach neben Cato auf den Fußboden. Amira lächelte ihm zu, aber der Augenblick war nicht von Dauer, denn in diesem Moment eröffnete Lady Palen auch schon die Ratssitzung.

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Die Wahl stellte den ersten Punkt auf der Tagesordnung dar. Schon bei Erläuterung des Wahlverfahrens hatte Amira den Eindruck, dass einige anwesende Bürger mit der Unterscheidung von zwei Farben, der Art der Übergabe der Wahlsteine und auch mit der Wahlentscheidung selbst offenbar überfordert waren. Jeder Bürger hatte beim Eintreten in den Saal zwei Steine erhalten: einen roten für Pagar  und einen grünen für Apollon. Diese sammelte nun Lady Palen ein. Zum Leidwesen aller Anwesenden kam in den ersten beiden Wahlrunden keine absolute Mehrheit zustande, obwohl sich Pagar bereits als Sieger abzeichnete.

Dem halbnackten Sohn der Wälder wurde es wohl allmählich langweilig. Amira nahm im Augenwinkel wahr, wie er am Ende des dritten Wahlgangs eine bunte Perle von seinem Gürtel riss und diese nach vorne warf. Sie grinste in sich hinein, als aber nur wenige Ihn später die absolute Mehrheit für Pagar verkündet wurde, bliebt ihr das Lachen im Halse stecken. War die Perle rot gewesen?! Konnte man sie gar mit einem Wahlstein verwechseln? Amira wollte schon mahnend die Hand heben, zog sie aber dann wieder zurück. Es ging sie nichts an, bei den Priesterkönigen! Und selbst wenn die Perle gewertet worden war – das Volk zog offenbar Pagar dem dicken Richter vor und so war immerhin das verwirklicht, was die überwiegende Mehrheit der kasratischen Bürger auch wollte. Nicht zu verachten war auch die Tatsache, dass damit die Ratssitzung nicht erneut unnötig in die Länge gezogen wurde. Auch wollte sie nicht in Erinnerung bleiben als die Heimsteinfremde, die bis zum letzten Moment versucht hatte, Pagars Regentschaft zu verhindern.

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Der neue Regent übernahm dann auch gleich den Rest der Ratssitzung. Der nun ausgearbeitete Antrag der grünen Kaste zu den Zwangsuntersuchungen für Bürger und Amtshinhaber fand eine Mehrheit. Für den Antrag des Richters auf die Einführung von blaukastigen Prätoren war dann keine abstimmungsfähige Anzahl von Bürgern mehr vorhanden, deshalb wurde dieser Punkt vertagt und Pagar lud zur Feier des Tages in den Feuerkrug ein.

Feiern war ein gutes Stichwort. In der kommenden Hand sollte ganz offiziell der Neubau der Stadt gefeiert werden und jeder Bürger und jede Kaste war aufgerufen sich an den Feierlichkeiten zu beteiligen. Amira vollendete die letzte Zeile ihrer Mitschrift und nickte zufrieden. In Turmus und in vielen anderen Städten Gors fiel in den zwölften und letzten Monat der Carnival. Ein wildes und übermütiges Festtreiben, dem dann die ernste Warte-Hand folgte. Es war also ein recht guter Zeitpunkt um eine Hand der Festlichkeiten zu begehen bevor man seine Türzargen weiß  oder  mit Pech anstreichen und Brak-Zweige an die Türen hängen würde. Die Warte-Hand war traditionell eine Zeit der Stille, des Fastens und der Ruhe, bevor das Zentralfeuer am ersten Morgen im neuen Jahre zeremoniell begrüßt wurde. Ob diese Bräuche im so weit südlich gelegenen Kasra bekannt waren, wusste Amira nicht. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass Cato auch in Kasra nicht von den Traditionen lassen würde und überlegte sich im Stillen schon einmal, wo sie Brak-Zweige herbekommen konnte, die dem Aberglauben nach das Unglück fernhielten.

Noch stand aber die Zeit des Feierns bevor. Am Tor zum Palastviertel traf sie Aphra und Rieeda, die ebenfalls beide unterwegs zum Feuerkrug waren. Pagars junge Gefährtin erschien zu Amiras Erstaunen alles andere als glücklich über den Wahlausgang. Damit bewies sie durchaus einen Blick für den Ernst der Lage. Pagar standen viele Veränderungen bevor. Das Amt des Regenten war die arbeitsintensivste Aufgabe, die Amira sich denken konnte. Deshalb kam sie auch nicht umhin, Rieeda ehrlicherweise Geduld zu wünschen, statt sie mit Glückwünschen zu überhäufen.

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