Census

Der erste Plakatentwurf des Schildermachers, für den Amira fast eine halbe Ahn lang auf den armen Mann eingeredet hatte, vermochte tatsächlich ihren Gefallen zu finden. Majestätisch thronte Aurelius vor einer eindrucksstarken Stadtansicht, in deren Zentrum vor allem der Turm der roten Kaste stand. Sicherheit, das war es doch, woran allen gelegen war und Selbstbewusstsein, das war schon immer allen Kasratten Kasranern gegeben gewesen. Die ersten Plakate brachte Amira noch selbst, dann liefen ihr zwei Sklavinnen in die Fänge, die einem gewissen Dillus Baratheus gehörten, dessen Bekanntschaft sie noch nicht gemacht hatte. Nachdem die rückstandslose Wegtrocknung des Leimes an den Hauswänden getestet und somit gewährleistet war, sandte sie die Mädchen mit einer Kiste voller Pergamentrollen durch die Stadt, damit sie vor dem Aufhängen die Einwilligung der Hausbesitzer einholten.

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Auf dem Basar war eine Menge los um diese Zeit, das war ungewöhnlich. Offenbar kurbelte der Wahlkampf die Wirtschaft ordentlich an und vernanlasste den einen oder anderen, früher als üblich die eigenen vier Wände zu verlassen. Selbst die Vize-Regentin schlenderte mit einem offenbar selbst für ein Festmahl ausgewählten toten Hurt über den Platz, von dem noch das Blut über ihren roten Rock tropfte. Amira sah der leuchtenden Farbe einen Augenblick hinterher, aber da trat auch schon Cato aus der Menge hervor und kam direkt auf sie zu.

Da sie über die Plakate gar nicht zum Kochen gekommen war, kehrten sie in den Feuerkrug ein, wo sie ihm aber in Rücksichtnahme auf seinen Magen keine Fischsuppe, sondern den etwas verdaulicheren Boskbraten mit frischem Brot brachte. Angesichts der Preise beschloss Amira, dass sie selbst heute keinen Appetit hatte. Eine Menge Leute kehrten ein und wieder aus: Tatso, der alte Sklavenhändller, der seit etlichen Märkten irgendwie näher an der Stadt des Staubes als am Geschehen der Lebenden war. Ignatius, der Kastenerste der Schriftgelehrten. Die Vize-Regentin. Ein Rarius aus Belnend, dem seine zwei Sklavinnen nicht genug waren, denn als die beiden Plakatklebe-Mädchen zurück kamen und Erfolg vermeldeten, begann er gleich damit diese auch noch zu befummeln.

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Amira wurde ziemlich warm unter ihrer Robe und so beglich sie rasch die horrende Rechnung und schlenderte an Catos Seite hoch zum Palast, wo in irgendeiner Schreiberstube der Richter auf alle Bürger, Bewohner und Gäste wartete, die länger als zwei Hand Aufenthalt in Kasra planten. Die Zeit des Müßigganges der blauen Kaste war offenbar vorbei und der Census hatte schneller begonnen, als Amira es während der Ratssitzung noch für möglich gehalten hatte.

Die Mädchen hatten ganze Arbeit geleistet, selbst an der Wand der Heilerei prangte ein Plakat für Aurelius. Amira stutzte kurz, hatte Jean dazu wirklich ihre Einverständnis gegeben? Wie viele schon wussten, war die Heilerin Ärztin ja etwas kompliziert im Umgang zuweilen und Amira hatte keine Lust, die nächste Ratsdebatte über gesundheitsgefährdende Leimrückstände an Hospitalwänden und unbefugtes Plakatieren auszulösen. Aber vermutlich würden in diesem Falle die ersten Beschwerden noch vor Einbruch der Dunkelheit bei ihr eintreffen.

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Das zweite Plakat für Aurelius würde dann ein heimeligeres Motiv werden. Zu diesem Zweck hatte Amira extra einen besonders gut genährten und stimmstarken Säugling aus dem Handwerkerviertel ausgewählt, dessen offenherzige Mutter neulich in der Herberge noch für den kleinen Zwischenfall gesorgt hatte.

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Das Palastviertel versetzte Cato in einiges Erstaunen. Zu Recht fragten sie sich, wie viel unglückselige Arbeitssklaven wohl ihr Leben gelassen hatten um all die kleinen Sterne, Zentralgestirne und Muster in die prächtigen Steinwände zu schnitzen, die teilweise bis unter die Decke reichte, die den Wänden an Pracht in nichts nachstand. Zur linken des Thronsaales befand sich die Zitadelle der Kriegerkaste, zu seiner rechten das Ziel ihres Spazierganges durch die Stadt: Das Gebäude der blauen Kaste. Sie fanden den fülligenn Richter auch in einem der größeren Arbeitsräume, wo er behäbig und in einer über dem Wanst spannenden schlankmachend dunkelblauen Robe hinter einem mächtigen Schreibpult thronte. Cato hatte zunächst einige Mühe, seinen Dialekt zu verstehen, aber dann lief das Gespräch doch recht flüssig und Amira zeigte ihrem Gefährten im Anschluss noch die Bibliothek, die so sehr ihr Herz erobert hatte, dass sie sich dafür sogar im Wahlkampf für Aurelius engagierte.

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Cato teilte ihre Begeisterung und es dauerte keine Ehn, bis er die erste uralte Schriftrolle aus einem der Regale in seinen Händen hielt. Seine Begeisterung über ihr Wahlkampfengagement hielt sich jedoch schwer in Grenzen. Mehrfach beschwor er sie an diesem Abend, sich aus den politischen Angelegenheiten der Stadt herauszuhalten. Zumindest bis sie auf dem Rückweg am Tempel auf Lady Palen trafen…

Politische Zurückhaltung. Morgen würden alle drei Kandidaten im Thronsaal den Bürgern Rede und Antwort stehen. Amira war gespannt, wie lange Cato seine politische Zurückhaltung bewahren konnte.

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