Dar-Kosis oder Bazipest? Die Qual der Wahl

Nach der zweiten Ratssitzung war Amira absolut klar, was ihr Großvater gemeint hatte, als er von der drohenden Idiokratie gesprochen hatte, wenn Bürgerrecht gleichzeitig einen Sitz im Hohen Rat bedeutete. Den Priesterkönigen sei Dank hatte sie nicht mitabstimmen müssen zu irgendetwas und letztlich war es auch irrelevant welche zwei Buchstaben auf dem etwas größeren Thron in dieser seltsamen Runde saßen: Demokratie war eindeutig keine geeignete Regierungsform, wenn die Verfassung Frauen, politisch Ungebildete, Menschen mit seltsamen Vorstellungen und niedrige Kasten im mit Stimmrecht im Rat zuließ. Als sie heimkam, beschloss sie das Schreiben des Protokolls auf den nächsten Tag zu verschieben und machte stattdessen mit Cato noch einen Spaziergang.

Alles in allem hatten sich die Ereignisse mal wieder überschlagen. Der Regent hatte sie seiner Schwester und nun amtierenden Vize-Regentin Aurelia vorgestellt, die nach einem vernünftigen Maß an Demokratiefeindlichkeit, die Amira sehr sympathisch war, plötzlich den irrwitzigen Plan äußerte ihr Bruder solle Ubar statt Regent sein. In Amira reifte allmählich das Gefühl heran, dass es mit der Kastenehre nicht weit her sein konnte, wenn man wegen eines Amtes einfach mal die Rockfarbe wechselte und schlich sich unter ein paar genuschelten Ausreden davon um über die bevorstehende Ratssitzung nachzudenken.

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Sie hatte die Wahlkampfleitung für Aurelius nun übernommen und würde das Beste daraus machen, obwohl ihr nach dem seltsamen Ideen um ein Ubarat Kasra, einige Zweifel gekommen waren ob Aurelius wirklich der Richtige im Amt war. Andererseits waren die Alternativen auch nicht überzeugender. Bislang gab es nicht mal eine Liste der Wahlberechtigen, das musste schleunigst in die Wege geleitet werden. Sie hatte noch nie eine Stadt voller Schriftgelehrter gesehen, die aber alle nichts taten, was auch nur am Rande wie Kastenarbeit aussah. Die Verwaltung lag völlig brach und so war es wohl über einen langen Zeitraum hinweg schon gewesen.

Dann kam aber alles anders und schlimmer als gedacht. Zu Beginn der Ratssitzung stellte man fest, dass ein Protokoll der letzten Ratssitzung fehlte. Amira hatte nur für sich selbst ein paar Notizen gemacht. Zahlreiche Schriftgelehrte und kein Protokoll von der Ratssitzung, bei der die Entscheidung zur Regentenwahl getroffen worden war. Dann hatten der Regent und Pagar ein wenig würdelos hin- und hergestritten, ob nun der Beschluss zur Neuwahl rechtmäßig war oder nicht. Neben Amira –  einige Plätze weiter in der Stuhlreihe –  waren schon die ersten Ratsmitglieder über diese Debatte eingeschlafen. Damit sie nicht das gleiche Schicksal ereilte, hatte sie ein Tütchen mit getrockneten und ziemlich scharf gewürzten Larlleberstreifen hervorgezogen und hielt immer noch an ihrem Vorhaben fest, das Beste aus ihrer Aufgabe zu machen. Als eine auffallend hübsche Kajira mit kurzem dunklen Haar mit einem Tablett Kalana den Saal betrat, winkte sie sie heran und ergatterte einen der Kelche.

Mittlerweile war die Debatte so ausgeartet, dass der Regent gegen sich selbst das Misstrauensvotum stellte. Da aber niemand die biestige Vize-Regentin als Übergangsregierungsoberhaupt haben wollte, wurde er im Amt bestätigt. Vorerst war die Wahl an sich damit gerettet. Ob sie sich nach der Ratsposse aber noch darüber freuen sollte, wagte Amira stark zu bezweifeln. Mittlerweile brannte ihr ziemlich der Hals und statt Kalana hätte sie lieber warme Milch getrunken, aber der Abend war noch lang…

Es folgte ein Antrag der grünen Kaste auf Verbeamtungsuntersuchungen und von der Stadt finanzierte Gesundheitschecks für alle. Auch darüber folgte einen Diskussion, deren Sinn sich Amira nicht in der Tiefe erschloss, sie notierte einfach das Ergebnis und wünschte sich statt einem Kelch eine ganze Karaffe Kalana. Erneut war sie heilfroh, keine Bürgerin von Kasra zu sein und die Frequenz ihrer Heilerbesuche eigenverantwortlich bestimmen zu können.

Danach beantragte die Kaste der Baumeister vertreten durch Lady Palen die längst fällige Volkszählung und Datenerhebung. Ein freiwilliger Verantwortlicher unter den Blaukastigen fand sich nicht, was Amira nicht mehr besonders verwunderte. Sie selbst hob auch nicht die Hand, damit sie nicht in den Verdacht kam ein Amt anstreben zu wollen. Der Antrag auf Volkszählung ging durch und als Auftrag an die blauen Kaste. Amira notierte das Ergebnis und dann hatte noch der Regent selbst einen Antrag.

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Es ging um die schwache rote Kaste und die Möglichkeit Krieger mit sofortigen Bürgerrechten auszustatten, damit sie sich nicht nur als Söldner geduldet fühlten. Bei dieser Debatte schwanden Amira nun fast die Sinne. Die Argumente auf beiden Seiten waren erschreckend ehrlos und sie hatte fast das Gefühl, dass hier die Sitte herrschte sich einem Heimstein anzuschließen, so wie Kinder sich Murmeln in die Tasche stecken, die sie im Spiel gewonnen haben. Der Antrag fand keine Zustimmung, aber Amiras Schock saß tief.

Und trotzdem. Sie hatte diese verdammte Aufgabe angenommen und stand zu ihrem Wort. Aurelius, der großzügig Bürgerrechte an Heimsteinlose verschenken wollte und dessen Schwester und Vize-Regentin ein Ubarat für ihn in Erwägung zog, stand nun zwei Hand Wahlkampf bevor und sie hatte sich darum zu bemühen, dass seine Wiederwahl erfolgte. Amira schlurfte ermüdet bis auf die Knochen aus dem Thronsaal.

Nein, heute würde sie kein Protokoll mehr schreiben. Sie musste mit Cato sprechen. Ganz in Ruhe. Hatte sie sich überhaupt die Kandidaten notiert? Amira zog die Tafel hervor und warf einen Blick auf die wenigen Dinge, die für sie irgendeine Relevanz hatten. Hier standen die Namen.

Amtierender Regent Aurelius con Kasra

Kartograph Pagar con Kasra

Richter Apollon con Kasra

Amiras Humor kehrte allmählich zurück und sie musste schmunzeln.

Dar-Kosis oder Bazi-Pest? Bürger von Kasra, ihr habt die Qual der Wahl…

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  1. […] blauen Kaste war offenbar vorbei und der Census hatte schneller begonnen, als Amira es während der Ratssitzung noch für möglich gehalten […]



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