Was du heute kannst besorgen…

Wenn Sie in der Politik etwas gesagt haben wollen, wenden Sie sich an einen Mann. Wenn Sie etwas getan haben wollen, wenden Sie sich an eine Frau.

(Margaret Thatcher )

***

Das ausstehende Gespräch mit dem Regenten kam früher als erwartet. Amira hatte sich in ein Gespräch mit einer Fremden verstrickt, als er die Straße zum Palast hoch kam und sie auf ein Gespräch in die Bibliothek bat, die er sich noch nicht angesehen hatte. Es ging um die zu besetzenden Ämter in Kasra und Amiras Anfrage, ob es eine nützliche Aufgabe gäbe mit der sie die Stadt unterstützen konnte.

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Zu ihrer großen Überraschung hatte Aurelius daran gedacht sie als Auge des Tarns einzusetzen, was eine recht blumige Umschreibung für Geheimdiensttätigkeiten für Kasra war. Ein Amt, das mit hohen Risiken verbunden war. Zum einen wurde die ans Tageslicht beförderte Wahrheit oft nicht wirklich geschätzt und zum anderen war das Reisen ohne den Schutz einer Bürgerschaft, dazu noch in wechselnden Verkleidungen und Identitäten, nicht eben ungefährlich. Auf jeden Fall zu gefährlich für zwei Menschen, die sich derzeit nach Ruhe, Frieden und einem geregelten Einkommen sehnten. Amira war Aurelius gegenüber absolut offen, sowohl was die Del-ka Vergangenheit anging, als auch ihre Zukunftspläne betreffend. Sie konnte verstehen, dass ihre Vergangenheit Aurelius annehmen ließ, dass sie nicht vor Risiken zurückschreckte und dem Auge des Tarns von Nutzen sein konnte, aber die unruhigen Zeiten waren vorbei. In den meisten Städten Gors hatte man zur alten Ordnung zurückgefunden: der Herrschaft der Männer und der hohen Kasten. So auch in Kasra. Nein, die Zeit, in der Cato und sie selbst dem politischen Aktionismus anhingen und in denen es sich für etwas zu kämpfen lohnte, schien längst vorbei zu sein.

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Nun war es an Aurelius überrascht zu sein. Denn Amira lehnte die Führung des kasratischen Geheimdienstes ab und bat ihn stattdessen um die Präfektur der Schriftenverwahrung und – verwaltung. Was konnte es Schöneres geben, als der Kaste dort zu dienen, wo alle Fäden zusammenliefen? Die Bibliothek von Kasra beinhaltete einige alte Schriften, die dringend der Restauration bedurften und auch die Systematik war nicht mehr zeitgemäß. Und –  so vergaß sie nicht anzumerken – würde wenig in der Kaste vor sich gehen, das nicht an ihre feinen Ohren gelangte. Jedes Schriftstück, das über den Tisch eines Kopisten lief. Jedes entliehene und studierte Wort. Jedes Gespräch unter Kastenbrüdern. Und es war doch immerhin seine eigene Kaste, so ergänzte sie sachlich, die diese lästige Neuwahl gefordert hatte…

Aurelius sah ihr direkt in die Augen. Und sie tat es ihm gleich. Ignorierte seine entstellte Gesichtshälfte, über deren Entstehung er sie vorhin bereits aufgeklärt hatte. Ihr dezenter Hinweis hatte offenbar eingeschlagen. Als er mehr über die Ratssitzung wissen wollte, gab sie bereitwillig, aber so neutral wie möglich Auskunft und ging erst dann zu ihrer Einschätzung seiner Lage über, insbesondere was die Regentenwahl anging.

Das Gespräch endete zu ihrer beiden Zufriedenheit, zumindest ging Amira davon aus, dass auch Aurelius ihren wahren Nutzen und ihre vorhandenen Talente nun erkannt hatte. Sie war offiziell mit der Wahlkampfführung beauftragt um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen.

Nachdem er die Bibliothek verlassen hatte, blieb Amira nachdenklich zurück. Loyalität war ein starkes Wort, das in ihrem Denken nur für wenige Personen oder Angelegenheiten ein zutreffender Begriff war: Cato, ihr Gefährte. Ihre gemeinsame Kaste. Ihr Heimstein. Sie war bereit Aurelius in seinem Wahlkampf zu unterstützen, aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, war diese Aufgabe nur Mittel zum Zweck. Sie wollte die Präfektur über die Schriften und Archive. Und weil Amira nur selten alles auf eine Karte setzte, würde sie auch mit Igantius, dem Kastenersten der Schriftgelehrten sprechen.

Ein Unterfangen, das nicht ganz ohne Risiko war. Mehr als 80 Monde waren vergangen, dass sie in Kasra in einem eisernen Kragen gewandelt war. Als Kajira war sie damals spurlos verschwunden, bis der Fayeen sie barmherzig wieder ausgespien hatte. Kurz darauf war sie in die Freiheit gelangt und hatte ein neues Leben begonnen, das bis heute andauerte. Sie hatte in Lydius ihre Kaste vertreten, Cato kennen gelernt, drei Kindern das Leben geschenkt und ein viertes wie ein eigenes angenommen und großgezogen. Sie hatten Turmus an Cos verloren und die Einsamkeit in den Sümpfen kennen- und schätzen gelernt. Sie war eine freie Frau. Aber immer noch befand sich das Kef auf ihrem Schenkel. Unwiderruflich und unübersehbar. Sie hoffte nur, dass Ignatius sie zum einen nicht erkennen würde oder aber diskret und ehrenhaft genug war, nicht darüber zu sprechen.

Amira öffnete das Tintenfass, tauchte die Feder ein und nahm einen Bogen Pergament mittlerer Qualität zur Hand. Es war nicht ihre Art Arbeit hinauszuzögern. Deshalb begann sie auf der Stelle einen Brief an den obersten Händler der HOY, einer Handelsgesellschaft, die sich in Kasra niedergelassen hatte. Eile war geboten. Schon am ersten Abend in der kommenden Hand würden die Gegenkandidaten in einer erneuten Ratssitzung verlesen werden. Bis dahin würde sie nicht warten.

Der Wahlkampf begann genau jetzt. Raschelnd zog die Feder ihre Bahnen, ließ Wörter entstehen und Sätze. Eine Abschrift würde sie Aurelius zukommen lassen, damit er informiert war.

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