Von bedeckten und unbedeckten Gefährtinnen

Wie Amira zu der Ehre gekommen war, für Pagar und die Grüne die Gefährtenschaft zu bezeugen, wusste sie selbst nicht so genau, aber sie fand sich pünktlich mit den anderen Gästen im Tempel ein und setzte zu gegebener Zeit ihren Namen an passender Stelle unter den Vertrag, der die beiden für ein Jahr aneinander band. Der beleibte Richter, den Amira in erster Linie wegen seines Humors schätze, leitete durch die kleine Feier und später gab es Trank und Speis auf Kosten des Regenten im Feuerkrug. Vermutlich die erste Umsetzung einer Wahlkampfstrategie um sich die Zuneigung der Kasraner zu verschaffen.

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Diesmal gab es also durchaus trinkbaren Kalana und davon reichlich, so dass Amira mit zart geröteten Wangen und erst zu später Stunde den Heimweg angetreten hatte. Mittlerweile verfügte sie über einige leichtere und farbenfrohe Gewänder, die sie mit Umhängen oder Schärpen in ihrer Kastenfarbe kombinierte. Keine Frage, die südliche Lebensart und die Nähe zur Tahari verlangten in Amiras Wahrnehmung andere Modetrends als die zentralgoreanischen Städte und da sie seit jeher eine Schwäche für schöne Stoffe und Farben hatte, nutzte sie die Gunst der Stunde und den Ortswechsel. Sittsam bedeckt und verschleiert – davon abzurücken kam jedoch auch in Kasra für eine ehrbare Frau nicht in Frage.

Einige der Männer und auch freie Frauen hatten wohl deshalb die Gefährtin des Schmiedes für eine Sklavin gehalten und das Verwirrspiel gipfelte darin, dass der Salzhändler der rothaarigen Frau schließlich ein Silberstück in die Hand drückte und sie mit ins Untergeschoss nehmen wollte um sich mit ihr im Liebesspiel zu vergnügen. Kein Schleier, freie Schultern, milchgefüllte Brüste, die fast aus dem Kleid springen wollten. Amira konnte es ihm nicht verdenken, dass er die falschen Schlüsse gezogen hatte. Einige Schaulustige hatten sich schon auf eine deftige Prügelei gefreut, als der Schmied aufsprang und seine Gefährtin zu verteidigen suchte – aber beide legten erstaunliche Gelassenheit an den Tag, die Amira durchaus imponierte. Ist es nicht die Ruhe in sich selbst, die einen Mann wahrhaft stark aussehen lässt?

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Ein wenig Blut und eine gebrochene Nase wären allerdings unterhaltsamer gewesen, dachte Amira bei sich, als sie im Dunkeln in die Gasse einbog, die zum Seitenaufgang des Tempelgartens führte. In ihrem Beutel hatte sie die gewünschte Abschrift der kasratischen Verfassung, die ihr Sir Pagar noch hatte zukommen lassen. Die Stadt suchte noch einen Schatzmeister, das hatte der Richter sie am Vortag wissen lassen, aber Amira hatte nach kurzer Überlegung für sich beschlossen, dass Steuern und die Kassenbücher einer Stadt sie nicht mehr besonders reizten. Nein, sie würde sich dem Unterrichten von Kastennachwuchs widmen und – wenn Cato zustimmte – konnten sie gemeinsam eine Kanzlei eröffnen. Denn auch Advokaten fehlten in Kasra offensichtlich noch. Seit jeher waren es die Gesetzesschriften, die Amiras Herz erfreut und ihren Ehrgeiz beflügelt hatten.

Für einen Moment dachte sie zurück an Lydius. Der Tag an dem sie Cato kennen gelernt hatte. Sie hatten in der Teestube der Taverne gesessen und Amira hatte ihm von ihrer Sammlung erzählt, die Gesetzesschriften aus vielen goreanischen Städten beinhaltete. So waren sie sich näher gekommen. Es waren ihre Worte gewesen, nicht das Blau ihrer Augen oder die Zartheit ihrer Handgelenke. Oder der Duft ihres Haars.

Amira machte es sich auf einem der Kissen im Hof bequem, legte den Schleier ab und löste dann die Schleife von dem Dokument, so vorsichtig als würde sie eine Schachtel voller Edelsteine öffnen. Dann entrollte sie die Abschrift und begann im Lichte einer Öllampe zu lesen.

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  1. […] aus dem Handwerkerviertel ausgewählt, dessen offenherzige Mutter neulich in der Herberge noch für den kleinen Zwischenfall gesorgt […]



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