Vom Hass gezeichnet

Unangenehm berührt beeilte sich Amira vom bequemen Kissen aus auf die Füße zu gelangen um den Regenten zu begrüßen, den sie zunächst nicht als solchen erkannt hatte. In ihrer Hast offenbarte erst der zweite Blick auf das Gesicht des Mannes das Ausmaß der Zerstörung, das man ihm hatte angedeihen lassen. Zwei Dinge geschahen im Bruchteil einer Ihn: Amira fühlte sich an ihre Mutter erinnert und sie spürte das kaltnasse Gefühl von Schuld in ihrem Nacken, als sie die von Brandnarben entstellte Gesichtshälfte erkannte. Was sie einst Trajanos von Jad angetan hatte, führte der Regent von Kasra ihr in allen Einzelheiten noch einmal vor: Geschmolzen und wulstig schimmerten durch das, was einst eine Wange gewesen war, Zähne und Kieferknochen hervor.

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Sicher, es konnten auch Entstellungen sein, die von einem Unfall herrührten, aber Amira war sich sicher, dass es nicht so war. Es waren Entstellungen, die durch lodernden, alles verzehrenden Hass zugefügt worden waren und nach nur wenigen Sätzen des Regenten spürte Amira, dass sie richtig lag und dass die Entstellungen weitaus tiefer gelangt waren als bis auf die Gesichtsknochen, denn sie reichten hinein bis ins Herz des Mannes, der die politischen Geschicke von Kasra führte.

NOCH.

Noch führte er Kasra. Und sein oberstes Handlungsmotiv schien ein Hass auf Belnend zu sein, dessen Ursprung Amira nicht ganz nachvollziehen oder dessen Rechtmäßigkeit sie für sich nicht so ganz deuten konnte. Von Hochmut und Unzuverlässigkeit war die Rede, aber der glühende Hass in den Augen des Regenten sprach eine andere Sprache. Dennoch oder gerade deswegen mochte Amira Aurelius con Kasra.

Nicht wegen seiner Vorhaben Belnend betreffend, denn Amira mochte Bo, den Kommandanten von Belnend und hatte ihm nicht das Geringste vorzuwerfen. Aber Amira mochte die Leidenschaft, die von Aurelius ausging. Selbst angesichts der zerstörerischen Kraft, mit der er seine Leidenschaft einzusetzen gedachte.

Amira zügelte sich ihre wahre Meinung zu den Plänen der Warenbesteuerung preiszugeben, denn wenn sie eines gelernt hatte in ihrem Leben, dass man sich nicht als Gast in einer Stadt offen gegen das Wort des Oberhauptes stellen sollte. Außerdem sah sie in Aurelius durchaus Potential für ihr eigenes Weiterkommen in Kasra.

Vorausgesetzt natürlich er würde wiedergewählt. Daran hatte sie große Zweifel. Ihm fehlte wie allen Menschen, die von Hass getrieben ein inneres Ziel verfolgen, das Gefühl für die, die ihm umgaben und ihm seine Stimme schenken mussten. Er stellte sogar in Aussicht, seine heimsteinfremde Schwester als Vizeregentin von Kasra zu berufen und damit Pagar, den blaukastigen Ehrgeizling vor den Kopf zu stoßen.

Amira hatte ihm geraten einen fähigen Stab aus Beratern und Wahlkampfhelfern an seine Seite zu rufen, aber sie bezweifelte, dass er den Wink aufzunehmen wusste. Sein Scheitern stand also dicht bevor, wenn er nicht erkannte, dass er entweder das Vertrauen der Kasraner oder aber die rote Kaste benötigte um seine Pläne weiter verfolgen zu können.

Der Regent war nicht die einzige Person, mit der Amira an jenem Tag Bekantschaft machte. Nivaan, der Gefährte der Lady Palen, ihres Zeichens Ex-Regentin, stellte sich als niemand geringeres heraus als der Sohn von Dorian Belnendius.

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Und dann war da noch Lady Aphra, die Apothekerin mit dem auserlesenen Teegeschmack und einem feinen Sinn für Düfte und leuchtendfarbige Stoffe. Auf die Frage hin, ob ihr Begleiter aus dem Wäldern des ewigen Regens ihr Gefährte oder nur ein Geschäftspartner war, hatte sie ausweichend reagiert, was Amira einigermaßen pikant fand. Aber sie musste sich eingestehen, dass der Mann, den man meist halbnackt antraf, sicher kein Wesen war, das eine Frau ohne Bedauern aus ihren Fellen halten konnte.

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All das hatte sie in Erfahrung bringen können im Feuerkrug. Dabei  hatte sie eigentlich nur wissen wollten, an welchem Wochentag es Frauen gestattet war, das Badehaus aufzusuchen. Kasra vibrierte wie ein Bienenstock vor übler Nachrede, Gerüchten und bevorstehenden Ereignissen. Sie würde Cato einiges zu berichten haben, sobald sie ins Haus zurückgekehrt war.

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