The path is long. The way unknown.

Ein paar letzte Handgriffe noch. Es war der letzte Blick in die Küche, die so lange die ihre gewesen war. Das Herdfeuer war bereits heruntergebrannt. Sie konnte Cato draußen auf der Veranda hören. Er holte die letzte Truhe um das Floß zu beladen, das sie und ihr Hab und Gut sicher durch die Sümpfe bringen würde. Am Vortag waren sie noch auf dem Markt gewesen und hatten das Verr verkauft und das letzte Gemüse aus dem Garten. Auf der Reise würde es nur verderben. Die Reise würde lang werden. Lang und beschwerlich wie es immer war. Vielleicht noch beschwerlicher, denn viele Jahre waren ins Land gegangen und sie waren älter geworden. Mit jedem Mond, der kam und ging, war die Vergangenheit mehr und mehr verblichen. Hatten sich die Wunden geschlossen, die cosisches Stahl in ihre Herzen geschlagen hatte. In einem Leben, dass hier in den Sümpfen so fern schien, dass es wie eine ferne Regung in der Tiefe ihres Herzens gleich des Schlages eines Schmetterlingsflüges schien. Immer dort und nicht weichend. Aber nicht mehr mächtig genug um ihr Leben mit Hass und Verbitterung zu vergiften.

Helena hatte in der Ferne einen Gefährten gefunden und sich am Vosk niedergelassen. Laertes ging, wie einst sein Vater, den Kastenstudien in Ar nach. Scipio war auf einer Expedition im Torvaldsland – wenn man ihm glauben schenken mochte – dort, wo es noch Begegungen mit den Kurii gab. Dionyza war in Liebe mit dem Scheusal aus Jad vereint. Als Sklavin. Auch letzteres vermochte Amira nicht mehr in Hass zu versetzen. Sie hatte das Schicksal akzeptiert. Ihr eigenes. Das ihrer Kinder. Es war Zeit wieder in den Fluss des Lebens einzutauchen und zu sehen, wohin die Strömung sie tragen würde.

Das Zeichen war die Nachricht von Catos Onkel gewesen. Und Amira hatte es zu lesen gewusst. So weit südlich waren sie eine Ewigkeit nicht mehr gewesen. Die letzten Erinnerungen waren keine der angenehmen Sorte. Versuche eine turmische Schriftgelehrte aus den Händen der örtlichen Gerichtsbarkeit freizuhandeln. Gescheitert. Eine Heimreise unter ungutem Stern. Aber das war lange her. Noch vor dem Einfall und der Eroberung ihres Heimsteines durch die cosischen Besatzer. Eine Ewigkeit, hatte sie Cato zugeflüstert, eine Ewigkeit ist es her, dass wir in Kasra waren.

Und nun würden sie gleich aufbrechen. Amira hatte leichte Reisegewänder eingepackt, die sie tragen konnten, sobald das Zentralfeuer sie mit südlicher Wärme segnen würde. Sie folgten der Einladung des fernen Onkels sein Haus zu hüten, während es ihn auf Forschungsreise in die Wälder von Schendi führte. Das Haus in den Sümpfen war verkauft. Es war eine Reise, deren Ende nicht absehbar war. Die nördliche Seidenstraße entlang mit einer Handelskarawane, wenn sie Glück haben sollten. Bis Kasra auf dem Landweg, nicht über den Cartius. Amira griff zuletzten nach ihrem Stock, der neben der Tür stand. Sie brauchte ihn normalerweise nicht mehr, aber es war möglich, dass sie weite Strecken zu Fuß zurücklegen mussten und bei weiten Strecken schmerzte und erinnerte sie ihre Hüfte an den Sprung aus dem Fenster der Heilerei zu Selnar und an ihre waghalsige Flucht von der Insel Cos.

Bei den Priesterkönigen, sie hatten so vieles gewagt, gewonnen und verloren. Aber solange es Cato gab, gab es einen neuen Morgen und ein Leben, das voller Möglichkeiten war. Kasra. Amira schloss die Augen und versuchte die unangenehmen Erinnerungen mit einem Strauß bunter Bilder zu ersetzen: Der Basar und die prächtigen Stoffe. Muster und Farben, wie sie nur die Tahari hervorbringen konnte. Gewürze und die Köstlichkeit des roten Salzes. Der Fayeen, der träge und stolze Fluss, den nichts aus der Ruhe bringen konnte und der sie einst ausgespien hatte um ihr ein zweites Leben zu schenken. Die Farben ihrer Fantasie gediehen so mächtig, dass Amira fast schwindlig wurde nach der Kargheit und der Einsamkeit ihres Lebens in den Sümpfen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie das Leben einer Stadt vermisst hatte. Die Straßengeräusche, die durch geöffnete Fenster drangen. Das Lachen von Kindern in den Gassen. Marktschreier. Das Geschwätz der freien Frauen in den Teestuben. Der kleinen Streitigkeiten. Und nicht zuletzt, neue Herausforderungen und Nahrung für ihren Verstand.

Sie trug ihr kleines Bündel selbst und klemmte sich ihren Stock unter den Arm. Cato stand bereits auf dem Floß. Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand und dann in sein Gesicht. Wie auch in ihrem Gesicht waren einige Falten in seinem dazugekommen. Sein Bart war dichter und länger als früher und wie er da so stand und das Floß mit den Bewegungen auspendelte, da stand etwas in seinen Augen, das Amira so liebte wie nichts sonst auf der Welt.

Tatendrang. Die Lust auf Abenteuer. Liebe und der Wille füreinander da zu sein, egal an welchem Ort auf dieser Welt, egal wohin die Reise sie führen würde.

Komm!

Amira griff nach seiner Hand und sprang.

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