3° 51′ S, 32° 25′ W

Als sie erwachte, griff sie neben sich ins Leere. Luiz hatte eines der baumwollenen weißen Laken über sie gedeckt, damit sie im Schlaf nicht zu frieren begann. Eine reine Kopfsache, denn eigentlich war es auch in den Nächten warm genug. Die Sonne hatte sich längst über den Horizont gehoben und sie waren bereits wieder auf See. Sechs Wochen lang warten sie von der Karibik aus nun in Südamerika unterwegs, hatten kleinere Häfen angesteuert und die Eindrücke aufgesogen bevor sie wieder ablegten. Sie hob den Kopf etwas, sie wusste nicht mehr genau, ob Talleyrand oder Leclercs Stimme sie geweckt hatte oder einfach die Bewegungen des Segelbootes.

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Bis zum heutigen Tag hatte sie nicht bereut an jenem Nachmittag in Roissy mit Leclerc mitgegangen zu sein um eine Reise anzutreten, bei der Luiz Talleyrand ihr Reiseführer war. Seit er die Bankgeschäfte nicht mehr selbst lenkte, erkundeten sie gemeinsam die Welt. Besuchten Orte, die sie alleine nie besucht hätte, manchmal ließen sie sich nieder. Einige Wochen. Vielleicht sogar zwei Monate. Dann trieb es sie weiter. Sie waren frei. Die Entscheidung bei Luiz zu bleiben und ihm zu gehören, war niemals bindend geworden, aber sie hätte sich jeden Morgen, an dem sie die Augen aufschlug, erneut dafür entschieden. Immer noch ging von jeder seiner Berührungen ein Zauber aus, der sie warm umfing. Wenn er dirigierte, wurde die Welt zur Sinfonie. Roissy. Paris, das kleine Appartement, in dem sie vor allem Leclerc als den verlängerten Arm von Luiz begriffen hatte. Neuville-sur-Mer. Die Societé Saint Germain. Der traumatische Moment, in dem sie glaubte ihn verloren zu haben. Dann seine Entscheidung sein Leben zu verändern. Die Monate auf Belisario Isle. Irgendwann in diesen Zeitraum musste die Scheidung von Iwana gefallen sein. Er hatte es nur in einem Nebensatz erwähnt. Als sei es nicht der Rede wert. Bettencourt war sich sicher, es war am Flugplatz gewesen und sie hatte etwas gefragt, das ihn dazu bewog, diese Information preiszugeben.

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Das war Luiz. Er tat Dinge, so wie er sie tun wollte. Zu einem Zeitpunkt, der von außen schwer beeinflussbar war. Mittlerweile hatte sie das begriffen und ließ sich einfach treiben. Von hier unten konnte sie nur die Füße der Männer durch das schmale Fenster erkennen. Sie schlüpfte unter dem Laken hervor und streift sich einen Bikini über. Wo genau sie sich gerade befanden, wusste sie nicht, aber sie hatte im Hintergrund Land erkannt. Und in Brasilien war Nacktheit nicht so verbreitet wie es die Werbung für Touristen manchmal suggerierte. Im Gegenteil. Nachdem sie sich das Haar gekämmt hatte, kam sie unter Deck hervor und schloss einen Moment geblendet die Augen vor dem Sonnenlicht. Sie hatte keine Vorstellung davon, wann in dieser Nacht Luiz sie sanft aus seinen Armen geschoben und Segel gesetzt hatte. Sein Schlafrhythmus unterschied sich zu stark von dem ihren, als dass sie sich darüber noch Gedanken gemacht hätte. Das nächste Ziel war eine Inselgruppe namens Fernando de Noronha. Luiz war von Schilderungen anderer Tauchbegeisterter angetan gewesen und folgte seinen Impulsen.

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Sechs Wochen. Zu Beginn der Reise hatte Bettencourt sich manchmal gefragt, ob sie die Enge auf dem Schiff während langer Passagen als unangenehm empfinden würde. Sie hatte ein wenig gezögert und sich vor der Langeweile gefürchtet, denn zweifelsohne konnte man nicht den ganzen Tag lang miteinander Liebe machen, nichtmal mit zwei Männern an Bord. Es gab manchmal Momente des Nichtstuns, die zu Beginn ungewohnt gewesen waren. Sie hatten viel gelesen. Waren dann dazu übergegangen einander vorzulesen. Über das zu sprechen, was sie bewegte am Gehörten und dann waren ihre Gespräche philosophisch geworden. Ab und zu hatte sie gespürt, dass Leclerc ab einem bestimmten Moment Dinge quälten, die sie nicht genauer zu erfassen vermochte. Sie hatte ein feines Gespür für den Bildungsgrad von Menschen und die Art und Weise wie diese damit umzugehen wussten. Von Spott bis hin zu Wut und einem ohnmächtigen Gefühl hatte sie bereits vieles kennen gelernt. Aber das Nachdenken über die Welt und das Leben, war keine Frage der akademischen Bildung, wenngleich oft so getan wurde. Es war eine Art zu denken, die manchen Menschen eigen und anderen völlig fremd war. Bettencourt war sich beispielsweise sicher, dass ihr Vater sich die Frage nach dem Sinn des Lebens niemals stellte. Er lebte einfach und tat, was er tun musste. Ihre Mutter dagegen hatte immer mit einem Bein im Leben und mit dem anderen in existentiellen Fragen gestanden.

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Sie schlüpfte kurz in die Arme von Luiz, verblieb einige Momente darin und ließ die beiden Männer dann wieder allein am Steuerrad. Soweit sie wusste, bestand die Inselgruppe aus 21 kleineren Inseln, von denen nur eine und zwar die Hauptinsel bewohnt war. Fakten, die man sich merkt, wenn man etwas über den Ort liest, zu dem man hinreist. Aber das, was sich vor den eigenen Augen entfaltete, war niemals die Summe von Fakten, die man vorher aufgesogen hatte.  Die wirklichen Wunder entfalteten sich nur dem Auge. Bettencourt blieb stehen und ließ ihren Blick schweifen.

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***

Persönliche Danksagung an einen besonderen Menschen

Nur für kurze Zeit und als Geburtstagsgeschenk hast du eine Insel aus dem Meer gehoben. Ich hab schon so viele Worte verloren über die Zeit und das, was du mir gibst. Die Art und Weise, wie Dinge sich entwickeln und verändern und doch eines gleich bleibt. Dass ich dich nicht missen möchte. Wir können die Welt in ihrem Lauf nicht in allem beeinflussen und ich glaube, genau darin liegt der Reiz der unbegrenzten Schöpfungsmöglichkeiten der zweiten Welt.

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Comments
2 Responses to “3° 51′ S, 32° 25′ W”
  1. ganzbaf sagt:

    herzlichen glückwunsch! 🙂

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