Tiberias Schande

Vega schob rasch mit dem Fuß einige verstreute Notizen von Timaios unter die Truhe, als sie die Stimme des Ädils erkannte. Arreconius pochte derart kräftig an die Tür, dass sie befürchtete, die alten verrosteten Beschläge würden unter der Wucht zerspringen. Ein letzter Blick in den Spiegel und ein ordnender Griff an ihr Haar um einige Strähnen zurück hinter ihr Ohr zu schieben und dann war sie auch schon zur Stelle um zu öffnen.

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Arrec war nicht allein. Neben ihm, wie ein verschüchtertes Tabuk, stand die sonst so selbstbewusste Tiberia Crispa. Er hielt nicht lange mit seinen Absichten hinter dem Berg. Sie waren gekommen umd den Gefährtenvertrag zu unterzeichnen, den Vega für Lucia Crispa angefertigt hatte. Genau genommen war es bisher nicht mehr als ein Entwurf, in dem noch einige Details fehlten, zu deren Besprechung man noch nicht gekommen war. Aber nun war es offenbar eiliger als bisher angenommen.

Vega öffnet die Tür etwas weiter und bat die beiden hinein in das behagliche, wenn auch äußerst bescheidene Zimmer, das Timaios und sie nach wie vor ihr Zuhause nannten. Das Haus des alten Parfümeurs befand sich zwar mittlerweile in ihrem Besitz, aber die Bauarbeiten würden noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Ganz davon zu schweigen, dass Lucius sein Geld noch nicht bekommen hatte.

Hastig suchte sie unter Stapeln dicht beschriebenen Pergamentes die Mappe mit den Verträgen heraus und fand auch nach einigem Suchen den Entwurf für das Haus Crispus. Da es mit Arrecs Lesefertigkeit nicht zum Besten bestellt war, verlas sie ihm den Vertrag, den Tiberia bereits kannte. Falls das Haus Crispus erwartet hatte, dass der Krieger den Vertrag einfach unterzeichnen würde, irrten sie gewaltig. Obschon der Vertrag für Vegas Begriffe schon stark zu Tiberias Ungunsten gefertigt war, was sie selbst als eine Art Geschenk für den Aufstieg in die Kriegerkaste betrachtete, stellte Arrec noch weitere Formulierungen in Frage und ließ neue Passagen formulieren, die Tiberia nach dem Ende der Gefährtenschaft praktisch zu einer mittellosen Frau machten, die erneut auf die Unterstützung von Gaius Crispus angewiesen sein würde.

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Tiberias Unbehagen wuchs mit jeder Änderunge, die Arrec am Vertragswerk verlangte, aber ihr Einspruch prallte dermaßen an ihm ab, dass Vega kurz davor war die beiden zur Klärung der Dinge noch einmal rauszuschicken. Vor allem Tiberia riet sie, den Vertrag mit seinen Änderungen erst noch einmal mit ihrer Familie zu besprechen. Aber dazu sollte es nicht kommen. Denn keine Ehn später wusste Vega, warum der Druck diese Gefährtenschaft einzugehen, so groß war:

Tiberia hatte Schande auf sich geladen. Ihr zukünftiger Gefährte war grob genug das Verhalten der jungen Crispa in Vegas Beisein als das eines billigen Münzmädchens zu bezeichnen. Der Name des Hauses Aelius fiel. Und Vegas Wangen färbten sich derart dunkelrot, dass sie das Gefühl hatte, dass sie selbst fast ebenso peinlich berührt war über diesen Ausbruch wie die arme Tiberia selbst.

Schlussendlich und unter dem Druck, den Arrec auf sie ausübte, unterzeichnete sie schließlich den modifizierten Vertrag. Das Gesicht des Ädils wandelte sich. Aus der bestimmenden Maske, die sein Gesicht gewesen war, wich die Grausamkeit und er nahm Tiberia in die Arme, als hege er tatsächlich eine Form der Zuneigung für die junge Frau, die noch im blaugoldenen Gewand der Sklavenhändler vor ihm stand.

Als die beiden gegangen waren, schenkte sich Vega einen Becher vom billigen Kalana ein und trank ihn hastig aus. Die Worte von Arrec hallten in ihrem Kopf nach und sorgten für Unbehagen. Wie ein billiges Münzmädchen… Vega wusste, dass Tiberia letztlich nichts anderes getan hatte als sie selbst, aber Arrec hatte ihren Fehltritt gnadenlos zu seinem Vorteil ausgenutzt.

Manchmal lag zwischen dem Glück und dem Unglück einer Frau nur die Gesinnung eines einzelnen Mannes.

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