Der Puppenspieler

Nahezu unbeirrt versuchte Vega einen neuen Tagesrhythmus für sich zu finden zwischen Hausarbeit, Timaios und ihrer eigenen Arbeit im Archiv. Nahezu unbeirrt. Am Morgen hatte sie Lomerus am Hafen getroffen. Sie hatte eigentlich nur ihre Liste für die Schiffskämpfe zum Liebesfest prüfen wollen und sich dabei auch die Boote angesehen, die man zur Bespaßung des Volkes einsetzen wollte. Und plötzlich war er neben ihr aufgetaucht.

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Leise wie immer. Medicus, Kriegstreiber, Volksmagistrat. Bedrohlicher Schatten. Er wollte sich zum Schiffskampf anmelden und sich als Patron für den Kampf gegen die Bestien melden. Vega notierte mit leichtem Unbehagen seinen Namen unter dem ihres Gefährten. Timaios hatte sich bereits einen Tag zuvor angemeldet. Mit seinem schrägen Grinsen und seinen vor Freude strahlenden Augen hatte er Vega im Handumdrehen um den Finger gewickelt, die sich vor allem Sorgen um seine Tunika Gesundheit machte.

Wie immer, wenn sie auf Lomerus traf, wurde er nicht müde Vega in Gespräche zu verwickeln, sie sie so früh am Morgen und eigentlich zu keiner Tageszeit brauchen konnte. Diesmal hüllte er sich in einen fadenscheinigen Mantel aus Sorge um ihr zukünftiges Wohlergehen sobald Timaios sie fallen gelassen und sie als She-Urt ihr Leben frissten musste. Vega hob den Kopf und starrte ihn fassungslos an. Sie war sich keiner Schuld bewusst gewesen, dass sie an Timaios‘ Seite so einen unglücklichen Eindruck machte und manchmal, wenn sie in der Nacht auf dem Balkon saß und in die langsam stiller werdenen Schatten der Unterstadt hinabsah, dann sah sie, dass einige Dinge weggefallen waren, die ihr Leben kompliziert und zu einem härteren Kampf gemacht hatten, als es der Umstand war, dass sie immer noch keine größere Wohnung gefunden hatten, die noch Platz hatte für einen Badezuber und die dazu auch noch ebenerdig war, so dass Vega das Wasser nicht mehr treppaufwärts schleppen musste.

Davon abgesehen lag Lomerus falsch mit seiner geschickt platzierten Anschuldigung gegen Timaios, dass er Vega nur ausnutzen und wegwerfen würde. Timaios konnte zwar über ihre laufenden Einkünfte verfügen, hatte aber darauf bestanden, dass ihr sonstiges Vermögen, das sie zwar nicht zu einer reichen Frau machte, aber doch immerhin eine gewisse Sicherheit bot für mögliche Übergangszeiten, sicher angelegt und nicht angetastet wurde. Das war nicht mal ihre eigene Idee gewesen, sondern Timaios hatte darauf bestanden dies so in ihren Vertrag aufzunehmen, um ihr zu demonstrieren, dass er sie weder als Tochter von Markus Baratheus wollte, noch an ihrem materiellen Besitz interessiert war.

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Lomerus indes, als sein rhetorischer Angriff nicht zum Sieg führte, wechselte seine Strategie mitsamt dem Gesichtsausdruck und erging sich erneut darin, Vega zu bedrohen. Denn, so gab er ihr zu verstehen, wenn sie erst alles verloren hatte, dann würde auch ihr Bruder Dillus nicht mehr schützend die Hand über sie halten. Vega trat einige Schritte zurück, als die unangenehme Visage des Volksmagistraten näher und näher rückte. Ihre Ohrfeigenhand hatte schon immer locker gesessen, aber seit Lomerus sich hinter der unsichtbaren Schutzmauer seines Amtes verstecken konnte, zögerte sie. Ein öffentlicher Angriff auf einen der Volksmagistrate mochte Tasdron dazu bringen seine Aussage bezüglich ihres Amtes als Präfektin doch noch einmal zu überdenken. Und das galt es zu vermeiden.

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Ihr blieb nur der geordnete Rückzug, mit dem sie sich ihre Würde bewahren wollte. Der Gedanke, was Dillus mit dieser Kreatur zu schaffen hatte und der glühende und leichtfertigerweise ausgesprochene Wunsch, Timaios würde den bedrohlichen Grünrock auf Nimmerwiedersehen im Hafenbecken versenken, begleiteten sie auf dem Weg zurück in die Stadt.

Was wollte der Kerl eigentlich von ihr, der nicht müde wurde zu betonen, dass sie entweder bedeutungslos, schwach oder unwichtig war? Auf diese Frage wusste Vega nur eine Antwort – vor allem seit sie es verweigert hatte, der Attica einen Vormundschaftsvertrag aufzusetzen, in dem diese Kreatur eben diesen Platz bei der Attica einnehmen sollte – Lomerus war bessesen davon, sämtliche Leute steuern zu können wie Kaissafiguren auf seinem Brett. Aber gerade deshalb würde er sich an Vega die Zähne ausbeißen. Sie war nicht mehr bereit dazu, sich zur Spielfigur von irgendjemandem machen zu lassen.

Der Morgen roch nach Freiheit. Und sie beschleunigte ihre Schritte, nachdem sie die Wachen am Stadttor gegrüßt hatte.

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