Egils Freiheit

Vega ertappte sich dabei, wie in ihrem Herzen die kleine grünlichgelbe Flamme des Neides züngelte im Angesicht von Portias aufwendiger Robe. Es war nicht so, dass sie Portia nicht mochte, aber in diesem Moment kam ihr das Leben ungerecht vor, obwohl sie sich selbst im Liebestaumel zu einer Schriftgelehrten gemacht hatte, die eben nicht mehr zu den Reichen und Einflussreichen gehörte und deren Roben viel schlichter waren als die, die die Gefährtin von Corvus nun zum Anlass ihres Heimsteinschwures trug.

Timaos hockte daheim über seinen Karten, während sie hier stand in dem einzigen Kleid, das für offizielle Anlässe überhaupt noch passend erschien, ohnen den üppigen goldenen Schmuck, der sonst ihre Arme und ihre Stirn geziert hatte. Nein, die mochte Tasdrons Schmuck nicht mehr tragen. Neben ihren Töchtern, so stellte Vega reuevoll fest, war doch auch seine Kunst der Rhetorik als Frucht ihrer langjährigen Gefährtenschaft gewachsen und gereift. Vor einigen Händen noch hätte sie alles dafür gegeben, dass sie Tasdron nie in der Kunst der öffentlichen Worte geschult hätte, aber heute, an diesem Abend, ließ sie sich einfach erfüllen von dem Gefühl der Schicksalsgemeinschaft um den Heimstein, das seine Sätze in den Herzen der Anwesenden schmiedete.

Nach dem Schwur erbat sich Tasdron noch einen Moment Ruhe für eine Mitteilung. Offenbar hatte Valerius sein Amt niedergelegt und die rote Kaste musste ein neues Schwert bestimmen. Ob Tasdrons Worte an dieser Stelle so gut gewählt waren, wagte sie zu bezweifeln, aber im Zusammenhang mit dem, was sie aus seinem Munde vor dem Ludus aufgeschnappt hatte, machten sie durchaus Sinn. Tasdron traute niemandem mehr, vor allem traute er der roten Kaste zu, ihn zu erdolchen statt ihn zu schützen und entsprechend richtete er nun seine Handlungen aus. Im Geiste – und das taten wohl viele der Anwesenden in diesen Moment – ging Vega die verbleibenden Kandidaten für das Magistratsamt unter den Kriegern durch und sie las in vielen Gesichern einen Anflug von Besorgnis, wenn nicht gar Angst.

Arreconius hatte sich in den Tagen seit seiner Ernennung zum Ädil nicht unbedingt viele Anhänger geschaffen und insgeheim fragte sich Vega selbst, ob ihm der umstrittene Ruhm zu Kopf gestiegen war. Aber wer kam noch in Betracht? Caius Aelius, die Ost von Victoria? Vega ließ ein „Hail Victoria, lang lebe Victoria!“ erklingen und schob sich dann gegen den Strom der nach nach vorne Drängenden Richtung Ausgang. Sie wollte sehen, ob sie am Vortag mit ihren Worten bei Arreconius etwas bewirkt hatte.

Am gestrigen Abend hatten sich zunächst die Gitter der Kerkers hinter dem breitschultrigen Nordmann Egil geschlossen. Arreconius‘ Temperament war wie ein ungezähmtes Kriegstharlarion, das den Reiter jederzeit abwerfen konnte. Vega, die keine rechtliche Handhabe sah, solange nicht offiziell Anklage gegen Egil erhoben wurde, hatte einen Weg eingeschlagen, der weniger mit den Gesetzen oder der mildtätigen Großzügigkeit des Ädils als mit seinen Karriereplänen zu tun hatte. Ob das Wirkung gezeigt hatte, vermochte sie noch nicht zu sagen, deshalb zog es sie nun eilig dorthin, wo sie Egil gestern zurücklassen musste.

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Zu ihrer Erleichterung traf sie beide Männer beim Verlassen der Kerkeranlagen an. Und da Egil noch beide Hände hatte und die beiden Hände ungefesselt waren, ging es wohl nicht zur Hinrichtung, sondern zurück in die Freiheit. Der grobschlächtige Nordmann war sichtlich erleichtert, doch kaum war Arrec außer Hörweite, ließ er seiner Wut über die Willkür der Kriegerkaste von Victoria freien Lauf. Vega konnte ihn verstehen. Einst war sie selbst schreiend davongelaufen, als der Hüne axtschwingend die Tür zur Hafenmeisterei aufgebrochen hatte, aber mittlerweile hatte Egil sich an die Sitten von Victoria angepasst und war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft im Händlerviertel. Er hatte mit den Kriegern für Victoria gekämpft. Und er hatte sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Vega glaubte ihm und riet ihm dennoch, seine Worte auf offener Straße besser zu bedenken, hatten doch zuweilen die Mauern und Sträucher in Victoria Augen und Ohren.

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Im Archiv wartete noch eine Menge Arbeit auf Vega. Die Adoptionspapiere für Arreconius nach dessem Wünschen ändern. Eine Abschrift von Sklavenpapieren für Lucius Cornelius. Für Timaios die neuen Berichte vorbereiten, mit denen er sich so schwer tat. Irgendwann spät in der Nacht brachte ein Schriftgelehrter ihr die Niederschrift über den Heimsteinschwur. Sie überflog ihn kurz, löschte dann die Lampe und machte sich auf den Heimweg. Die Mauern der Stadt zierten jetzt die bildreichen Ankündigungen zum Fest der Liebe. Aber sie war zu müde, um sich auf die bevorstehenden Festlichkeiten zu freuen. Timaios schlief bereits. Sie tastete sich im Dunkeln die Stufen hinauf und schlüpfte dann nackt zu ihrem Gefährten unter die Decke.

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