Vaters Hand

Obwohl sie den Handabdruck ihres Vaters noch auf ihrer Wange glühen spürte und auch die Tränen heiß waren, die nun über ihr Gesicht flossen, wusste Vega im Stillen, dass sie verdammt glimpflich davon gekommen war. Sie schritt nun neben Timaios her, ihrem Gefährten und der schien erleichtert zu sein, dass die Sache nun endlich geklärt war.

Er sollte sich beweisen, hatte Markus Baratheus gesagt. Was genau er damit meinte, wusste Vega selbst nicht so genau. Sich hocharbeiten? Sich die Mittel und das Ansehen verschaffen um ein eigenes Haus zu schaffen, in dem seine Tochter einen guten Platz finden würde? So viel Enttäuschung und Verachtung hatte sie in Markus Baratheus‘ Blick gelesen. Das war fast schmerzhafter als die Ohrfeige gewesen.

„Pack deine Sachen und geh mit deinem Gefährten.“ hatte er gesagt. Und in seiner Stimme lag so viel Kälte, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Timaios war ihr im Vergleich zu Markus Baratheus wie ein reuevoller Junge vorgekommen. Ihr Gefährte hatte auf dem Stuhl vor seinem Kastenersten gesessen und ihm offenbaren müssen, dass er in seiner Abwesenheit seine Tochter zur Gefährtin genommen hatte.

In ihren schlimmsten Träumen hatte Vega sich noch schlimmere Dinge ausgemalt. Der Verstoß aus ihrer Familie. Die Anzweiflung ihrer Amtsfähigkeit. Aber davon war nicht die Rede gewesen. Fast hatte sie das Gefühl, dass ihr Vater sie auf ganz andere Art und Weise gestraft sah. Aber darauf konnte sie sich noch keinen Reim machen.

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Eine Ahnung von dieser Strafe brachten aber die ersten Tag im Timaios‘ kleinem Quartier schon. Er hatte irgendwoher einen kleinen Herd organisiert und während die versuchte diesen sauberzuschrubben und Eimer für Eimer Wasser aus dem Brunnen hochschleppte, wuchsen mit den Blasen an ihren Händen allmählich leise Zweifel, ob sie das Leben auf Dauer so durchhalten konnte. Leise Klänge von Zweifel, noch überlagert von dem freudigen, überlauten Singsang ihrer Liebe zu Timaios. Es gab keine Latrine weit und breit. Die Menschen nutzen kleine Gefäße in der Nacht und entleerten sie am Morgen in der Gosse. Wer eine Latrine besuchten wollte, hatte einen weiten Weg. Die nächste befand sich in den Thermen und war nicht öffentlich. Die übernächste im Händlerviertel.

Das Domus Baratheus hatte eine eigene Latrine gehabt. Und ein hübsches kleines Bett. Und eine schöne kleine Kommode mit einem großen Spiegel für Vega. In Timaios‘ engem kleinen Zimmer gab es nichts von all diesem Luxus. Es gab keine Sklavinnen, die ihr beim Frisieren halfen und sie konnte sich selbst nicht sehen, während sie ihr Haar ordnete. Die aufwendigen, kostbaren Roben hatte sie zur Schneiderin geschafft, die sich bereit erklärt hatte diese aufzukaufen. Außerdem spürte sie, wie ihr Tag sich mit Arbeiten füllte, die früher Sklavinnen erledigt hatten. Und die Zeit für das Zentralarchiv schien ihr in ihren Händen davonzuschrumpfen. Sie fühlte sich erschöpft und das erst nach zwei Tagen.

Hinzu kam, dass sie die Blicke spürte. Anders als früher. Es war fast als würden die Leute sie ansehen und nach Zeichen suchen, dass sie zu schwach war. Vega versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Als Pavidus, den sie früher als widerlichen und aufdringlichen Kleinkriminellen verabscheut hatte, auf sie zutrat und um Hilfe für Egil, den Nordmann bat, folgte sie ihm zum Ort des Geschehens. Vor dem Ludus standen sich Arrec, der neue Ädil und der besagte Nordmann Auge in Auge gegenüber und der Geruch nach Ärger war so dicht, dass die versammelten Schaulustigen sich bereits aus der möglichen Reichweite von Schwert und Axt gebracht hatten.

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Diebstahl, so lautete die Anklage des Ädils. Und Vega wusste, der Nordmann war als Heimsteinfremder relativ schutzlos der Willkür der roten Kasten von Victoria ausgeliefert. Obwohl er als Söldner für Victoria gekämpft hatte. Obwohl er eine Anstellung im angesehenen Ludus Crispus hatte, Vega kannte die Gesetze und sie wusste, sie konnte nur jemanden verteidigen, dem man einen Prozess zugestand.

Sie drückte Pavidus den Korb mit ihren Einkäufen in die Hand und folgte dann den beiden Männern in die Kerker unterhalb der Curia, dorthin, wo der Ädil sein Reich  hatte.

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