Morgennebel über der Unterstadt

Vega sah noch eine Weile auf ihren schlafenden Gefährten neben sich. Sein Haar stand ihm ein wenig wirr vom Kopf und sein Mund war im Schlaf leicht geöffnet. Der Gedanke, dass er ihr Gefährte war, fühlte sich noch neu an und wie alles, was neu und angenehm ist, fühlte es sich sensationell gut an und erfüllte sie mit einem Gefühl lebendiger Freude. Es war noch still in der Unterstadt. Bis spät in die Nacht war es laut gewesen, denn die Taverne war nicht weit und betrunkene Voskschiffer nahmen in der Regel wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Mieter in den angrenzenden Insulae. Sie küsste Timaios nackte Schulter, bevor sie vorsichtig aus dem Bett schlüpfte und sich einen einfachen geschlitzten Rock und ein Leibchen anzog. Mitten im Raum stand die viel zu große Truhe mit dem, was sie als ihren persönlichen Besitz betrachtete. Vor allem ihre Roben, aber auch einige Schriften, an deren Besitz sie sich erfreute. Auch ihre Schmuckstücke, allesamt Geschenke von Tasdron, befanden sich darin.

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Die kostbaren und schweren Roben mit den raffinierten Schnitten würde sie allesamt an die Schneiderin verkaufen, diese hatte auf Nachfrage durchaus Interesse bekundet. Für die Unterstadt waren einfache Kleider genug, alles andere erregte nur Aufsehen und war darüber hinaus unpraktisch. Ähnlich verhielt es sich mit dem Schmuck. Sie würde ihn wohl in einem Bankhaus zur Aufbewahrung geben und so auch die geringe Menge Barvermögen, die sie angespart hatte. Nur die Schriften würden ihren Platz in dem engen Zimmer finden. Unter dem Bett war noch Platz genug, jetzt wo sie sich nie wieder darunter verstecken musste. Die Aussteuertruhe war viel zu groß, als dass sie in diesem Zimmer dauerhaft ihren Platz hätte finden können.

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Ihr Gefährtenvertrag lag noch auf dem Tisch. Timaios hatte ihn selbst geschrieben, was unzweifelhaft zu erkennen war, denn auf der Rückseite des leicht geknitterten Bogen Rencepapiers war eine Gebäudeskizze und die Schrift war unregelmäßig, oben größer als unten, weil der Platz fast nicht ausgereicht hätte und auf der linken Seite prangte ein hastig weggewischter Tintenfleck. Unter dem sehr persönlichen Gesamtwerk befanden sich ihrer beider Signaturen. Immer noch war ihr Vater mitsamt seiner Gefährtin nicht zu sprechen gewesen und als Timaios die Nägel nicht länger ohne Köpfe belassen wollte, hatten sie den Vertrag aufgesetzt und unterzeichnet, ohne die Erlaubnis ihres Vaters. Timaios hatte sie einfach gepflückt, direkt aus dem Schoß ihrer Familie und sie hatte die möglichen Konsequenzen in Kauf genommen, die erfolgen mochten.

Und nun war sie hier. Bei ihm. Sie trat auf den Balkon und sah die Gasse hinunter. Noch hing der für die Vosk-Region typische Morgennebel über der Stadt und verschleierte den Blick auf das Chaos und den Schmutz. Über der Leine, die jemand von einem Haus zum anderen gespannt hatte, hing noch die Wäsche vom Vortag und regte sich leicht in dem wenigen Wind, der den Gestank im Labyrinth der Unterstadt in Bewegung hielt, aber ihn nie zu vertreiben vermochte. Vega, die die Nacht bereits hier verbracht hatte, nahm ihn gar nicht mehr wahr. Nur wenige Stunden war es her, dass sie ihr Leben als Tochter des ersten Schriftgelehrten gegen einen Platz an der Seite des mittellosen Kartgraphen getauscht  hatte, aber es kam ihr vor, als wäre sie bereits Teil einer anderen Welt geworden.

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Von hier aus war die Stadt eine andere. Pavidus hatte sie gestern noch gewarnt, dass es nicht leicht für sie werden würde, ihr neues Leben, aber sie hatte gelacht. Tatsächlich war sie noch voller Freude und als sie an den Vollzug ihrer Gefährtenschaft dachte, an Timaios Lippen und seine Zunge zwischen ihren Schenkeln, an den Moment, an dem er sie nahm, während sie noch zitternd ihren Höhepunkt auskostete, da beugte sie sich leicht vor, die Hände auf dem brüchigen Holzgeländer des baufälligen Balkons und spürte erneut wie Erregung ihren Schoß flutete.

Von hier unten betrachtet war es ihr erstaunlich egal, ob Tasdron seine Macht noch weitere 40 Jahre lang verteidigen konnte. Es war ihr egal, welche hohe Familie sich mit welcher verbündete, bekriegte oder wer sich über wen das Maul zerriss. Mit einem Mal wusste sie, dass es für die Menschen hier unten nicht von Belang war. Sie waren beschäftigt mit ihrer Arbeit, mit dem schlichten Überleben und mit ihren ganz eigenen Problemen und Freuden. Denn, anders als Vega, hatte nicht jeder von ihnen ein festes Einkommen und Rücklagen. Sie streifte mit ihren Gedanken kurz die junge Aurora Attica, die nun Erbin ihres Hauses war und dieses Erbe gegen derart viele gierige Hände würde verteidigen müssen, dass es Vega schom beim Gedanken Angst und Bange wurde. Nein, sie beneidete Aurora nicht.

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Macht und das Streben danach bedeutete eine solche Last. Und ebenso war es mit Hass und dem Wunsch nach Rache. Vega wandte sich ab und schlüpfte zurück unter die wärmende Decke. Zu ihrem Gefährten.

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