Vegas Freiheit

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

(Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

***

Er hatte sich offenbar seine neue Tunika angezogen um den besten Eindruck zu machen. Die Berichte über seine Arbeit im Archiv hatte er zwar nicht selbst geschrieben, aber immerhin säuberlich von Vegas Vorlagen abgeschrieben und unter dem Arm trug er eine lederne Mappe mit einigen Arbeitsproben, die für ihn sprechen sollten. Vega beobachtete ihn beim Näherkommen aufmerksam, der Korb mit den Einkäufen an ihrem Arm wurde allmählich schwer, aber sie dachte nicht daran, den Kurs jetzt noch einmal zu wechseln und heimzugehen, obwohl sie alle Besorgungen nun vollständig hatte.

einkauf_001

Timaios grinste zu ihr rüber, als er sie bemerkte und auch Lucia und Fauna sahen auf einmal zu ihr her. Sie wechselte die Straßenseite und gesellte sich zu der kleinen Gruppe, die sich an der Ecke in einem regen Gespräch befand. Wie schon am Vortag starrte Vega einen Augenblick fassungslos auf die Körperfülle von Fauna, die sich besonders auf die Körpermitte erstreckte. Man hörte ja oft davon, dass Frauen sich mit fortschreitendem Alter etwas gehen ließen, denn das konnte man unmöglich noch auf den ungünstigen Schnitt ihres Kleides zurückführen. Hätte sie einen Gefährten gehabt, hätte man angenommen, sie wäre in glücklicher Erwartung. Es war ihr kaum gelungen, den Blick von Faunas Figur loszureißen, als sie auch schon rot anlief. Sie wusste selbst nicht genau ob es Freude war oder auch ein wenig peinlicher Berührtheit, als Timaios nun vor allen Anwesenden verkündete, dass er plane sie, Vega Barathea, zu seiner Gefährtin zu nehmen und dass er deshalb unterwegs war zu Markus Baratheus, seinem Kastenersten. Nun würde bald die Stadt davon wissen, dachte sie bei sich, aber ihre Familie war noch völlig ahnungslos. Dies war freilich nicht die Schuld von Timaios, denn er hatte den Weg Richtung Oberstadt nun schon häufig angetreten, aber nie war es ihm gelungen den Besagten und Benötigten anzutreffen. Dabei ging es nicht nur um Vega, sondern auch um seinen Verbleib in dem kümmerlichen Zimmer über Dillus‘ Geschäftsräumen, denn immer noch stand die Räumungsdrohung ihres Bruders im Raum und verlangte nach Klärung.

Anders als befürchtet, las Vega in den Gesichtern der Anwesenden aber keinen Spott und keine Häme über die geplante Verbindung mit Timaios, sondern eher ein zustimmendes Lächeln zu Timaios‘ Plänen. Kaste, so dachte sie bei sich, zählt eben noch mehr als Vermögen und ein hohes Amt und dieser Gedanke erfüllte sie mit Zufriedenheit. Der Gedanke vermochte es aber nicht ihre Zweifel darüber zu zerstreuten, dass ihre Familie diese Dinge etwas anders sehen würde. Man hatte sie immerhin nicht umsonst einst als Gefährtin an Tasdron gegeben und dann an das erste Schwert der Stadt. Beides waren keine Männer ihrer Kaste gewesen, aber man hatte sich eben Einfluss erhofft über diesse Verbindungen. Seit gestern wusste sie, dass ihre Familie offenbar immer noch festhielt an einem Bündnis mit dem Haus Atticus und wie schon so häufig in den letzten Monaten fühlte sie sich fremd in ihrer Familie. Niemand hatte sie darüber in Kenntnis gesetzt, ebensowenig von der geplanten Gefährtenschaft mit Betty Salutaria. Ihr Onkel hatte wie ein Boskbulle im Atrium herumgebrüllt, dass sie seine Pläne nicht durchkreuzen sollte. Pläne, von deren Existenz sie nicht einmal etwas wusste.

tiros_001

Sie wusste, dass Timaios sie auch ohne die Zustimmung ihres Vaters zur Gefährtin nehmen würde und sie wusste, dass sie den Vertrag unterzeichnen würde, auch wenn dies den Bruch mit ihrer Familie bedeutete. Timaios hatte Recht. Sie war erwachsen und hatte eigene Pläne und Ziele. All ihr Unglück war geschehen, weil sie sich stets als Mittel zum Zweck begriffen hatte in einem Spiel, das immer noch auf bizarre Weise mit Tasdron, dem Administrator von Victoria und dem Vater ihrer drei Töchter, verwoben war. Erst hatte sie all ihre Energie eingesetzt um Tasdrons Macht zu erhalten und dann um seine Macht zu zerstören.

Aber was hatte das mit ihr zu tun? Was hatte sie davon, wenn man den alternden Markus Baratheus mittels der Stimmen von Totilas Salutaris und Valerius Atticus auf den Sitz des Administrators hieven würde? Die Antwort war einfach: Nichts. Man behandelte sie wie ein Werkzeug, schob sie hin und her wie eine Figur auf Vaters Kaissabrett und verlangte von ihr eine Buchführung über ihre Einnahmen und Ausgabe, als wäre sie eine kleine Angestellte der Familie.

Sie war es Leid. Bei Timaios fühlte sie sich lebendig und angenommen. Sie würde ihr Leben mit ihm teilen und sie nahm dafür sogar die Absteige in der Unterstadt in Kauf und ein Leben ohne prächtige Roben. Sie würde in den Nächten bei ihm liegen und seinen Erzählungen lauschen über weit entfernte Städte und Regionen, die so märchenhaft klangen wie die Gedichte in dem Buch, das er ihr geschenkt hatte. Sie konnte nachts die Hand ausstrecken und er würde da sein, neben ihr liegen und atmen und träumen und sie würde sich zu ihm drehen und ihren Kopf auf seiner Brust betten. Wenn Timaios mit ihr schlief, dann war es nicht, weil er plante einen Sohn in sie zu pflanzen, sondern weil er sie begehrte. Und wenn sie mit ihm schlief, dann aus tiefer Zuneigung und nicht um Rache an Tasdron zu nehmen.

Sie würde auch der Attica helfen, aber nicht für oder gegen die Pläne von irgendjemandem, sondern weil sie eine Frau war wie sie. Aber anders als Vega lag vor der Attica eine Chance, die größer war als alles, woran Vega je zu hoffen gewagt hatte. Vega lächelte.

attica_001

Das Testament von Sergius Atticus würde die Machtverhältnisse ordentlich durcheinanderwirbeln. Vor ihren Augen sah sie die Hand von Sergius, die mit einer letzten trotzigen Geste über das Spielbrett fegte und alle Figuren springen und tanzen und fallen ließ. Sie schmunzelte und folgte dann Timaios Richtung Domus Baratheus. Sie würde der Attica helfen das Testament zu bekommen. Sie war mit Caius Aelius allein im Wald jagen gewesen, sie hatten zusammen ein Tabuk erlegt und das Blut war über ihrer beider Hände geflossen. Sie scheute sich nicht vor einem Besuch im Haus der Ost.

Vega hatte ihr eigenes Spiel begonnen und es war impulsiv und nur dem Gedanken der absoluten Freiheit verpflichtet.

caius_011

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: