Gefährtenwahl

Vater hatte es also wirklich getan. Vega hörte das ausgelassene Treiben von der Feier an der Insula Maxima bis hinunter ins Händlerviertel, als ihre energischen Schritte sie Richtung Unterstadt trugen. Vermutlich erwartete man von ihr, dass sie an der Feier teilnahm um Vaters neue Gefährtin freundlich in Empfang zu nehmen, aber Vega dachte nicht im Traum daran, Betty Salutaria auch nur einen Hauch familiärer Freundlichkeit zukommen zu lassen. Den Platz ihrer Mutter sollte und wollte sie niemandem überlassen und bei dem Gedanken wie der alternde Leib von Markus Baratheus sich über eine Frau schob, die vermutlich jünger war als sie selbst, erweckte eine solche Abscheu in ihr, dass sie am liebsten sofort wieder auf die Jagd gegangen wäre um sich den Zorn aus dem Leib zu schießen, egal wieviele Pfeile sie dabei sinnlos vergeuden würde.

Womöglich zeugte er noch irgendwelche Bälger mit seiner neuen Gefährtin. Blond war sie. Und das Blau der Schriftgelehrten, das dieses Weib am Leib trug, war einzig und allein irgendeinem abstrusen Geburtsrecht zuzuschreiben, denn sie verfügte weder über ausreichendes Wissen noch über die Geisteskräfte sich welches anzueignen. Das jedenfalls glaubte sie bereits nach zwei kurzen Gespräche erkannt zu haben. Er hatte es nicht eimal für nötig befunden vor seiner Entscheidung darüber mit ihr zu sprechen. Hoffentlich erstickte das Weib an einem Bissen, bevor sie ihre unerwünschten Füße über die Schwelle des Domus Baratheus setzen konnte!

Vega schnappte nach Luft. Ihr Herz zog sich in der Brust zusammen bis nichts übrig war als ein kleiner Eisklumpen, der rundherum schmerzhaft eiskalte Strahlen durch ihre Eingeweide sandte. Dillus war offenbar auch nicht zugegen, denn Vega entdeckte ihn in seinen Arbeitsräumen im Gespräch mit einer Frau, als sie die hintere Gasse entlang lief und kurz durch sein Fenster spähte. Er war beschäftigt und das kam Vega gerade recht, denn es zog sie zu Timaios. Diesmal war es nicht so sehr ihr Trieb, der ihre Schritte leitete, sondern der Kummmer über die neue Gefährtenschaft ihres Vaters, der sie beschäftigte und sie wusste, dass Timaios‘ schräges Grinsen in allen Lebenslagen das richtige Heilmittel zu sein schien.

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Timaios öffnete schon nach dem ersten zaghaften Klopfen. Wie meist trug er nicht viel am Leib. Bequeme Hosen, sein nackter Oberkörper, denn die Zimmer in der Unterstadt waren eng und stickig um diese Jahreszeit. Nachdem sie mit ihrem Kummer herausgeplatzt war, reichte er ihr zunächst wortlos einen Becher des stärkeren Weins aus der Taverne und schob dann einen der Lederhocker zurecht, während er sich auf dem anderen niederließ, ihr gegenüber. Er schien einen Moment zu überlegen und studierte dabei ihr Gesicht.

„Du bist erwachsen, Vega. Du solltest das Haus deines Vaters ohnehin verlassen.“ urteilte er wenig später.

Vega, die sich den halben Becher auf einen Zug in ihre Kehle gestürzt hatte, sah ihn ratlos an. „Ja, sicher. Und wie? Solange ich keinen Gefährten habe, wird Vater mich nicht ziehen lassen. Er war schon wütend, als ich einige Nächte im Archiv überbrückte, weil ich nicht zu Valerius zurückwollte.“

Timaios schwieg wieder einen Moment, dann deutete er ringsum über sein kleines Reich. „Ich könnte deinen Vater fragen, aber ich habe dir nichts zu bieten als das, was du siehst. Und mich selbst, Vega. Aber ich könnte dir Freiheit von der Familie schenken. Zumindest ein Jahr lang.“

Vega ließ den Becher sinken und ließ seine Worte in ihrem Inneren Revue passieren. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann sah sie ihn an und vergewisserte sich: „Du würdest ihn um eine Gefährtenschaft mit mir bitten?!“ Ihre Gedanken überschlugen sich bereits. Tatsächlich hatte Timaios nichts als sich selbst. Er würde ihr Vermögen nicht mehren. Er würde ihr Ansehen nicht mehren. Vermutlich würden die Leute sich sogar lustig machen über Vegas dritten Gefährten, der im gesellschaftlichen Leben einen schlichten Abstieg darstellte. Alle Maßstäbe, an denen Vega sich bisher orientierte hatte, interessierten Timiaos nicht. Sie sah schon Tasdrons amüsierte Fratze vor sich, wenn er davon erfuhr, dass ein mittellloser kleiner Kartograph Vega Barathea zu freien versuchte.

All das sah sie vor ihrem inneren Auge und trotzdem lächelte sie, als er seinen Vorschlag bekräftigte.

„Und warum nur ein Jahr, Timaios? Denkst du, dass du meiner dann überdrüssig bist?“ prüfend sah sie ihm in die Augen, als er zu lachen begann.

„Nein, aber vielleicht hast du in einem Jahr einen vielversprechenderen Kandidaten gefunden, Vega Barathea, Tochter des ersten Schriftgelehrten. Denn eines steht fest, ich werde mich nicht verbiegen, damit du dir Schmuck und schöne Roben leisten kannst. Du wirst ein völlig anderes Leben führen mit mir.“

Vega unterdrückte ein Lachen. Dieser Mann war bescheiden und größenwahnsinnig zugleich. Er war klug und verrückt zugleich. Und er war vorsichtig und leichtsinnig zugleich. Dieser Mann war so vieles, was andere nicht im Ansatz waren und berührte ihr Herz auf eine Art und Weise, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. „Es gibt nur ein Hindernis, Timaios. Und das Hindernis ist nicht eben klein, denn es ist mein Vater.“

„Du stimmst also zu, Vega? Soll ich mit deinem Vater sprechen?“

Sie nickte und nahm noch einen großen Schluck vom Wein. Damit gab sie den Dingen einen Stoß und etwas Neues würde beginnen. Timaios hatte gerade ihre Hand in die seine genommen, als es an der Tür polterte und die Stimme von Dillus erklang. Timaios sprang auf und riss Vega mit sich hoch. Ihr Bruder! Das hatte noch gefehlt. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Hand schob sie sich flach unter das Bett von Timaios und hielt den Atem an, sorgsam darauf bedacht, dass auch kein Zipfelchen ihrer Robe herausschaute.

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Vega war sich nicht sicher, ob Dillus betrunken oder nüchtern war, als sie hörte wie er Timaios um die fällige Miete für die Bruchbude anpöbelte. Sie ballte unter dem Bett die Fäuste und Schamesröte überzog ihr Gesicht angesichts des ungehörigen Verhaltens von Dillus. Timaios war zwar mittellos, aber er war als Schriftgelehrter und Mensch weitaus erfahrener als ihr kleiner Bruder es war. Das Wortgefecht hatte es in sich, aber nach einigen endlos scheinenden Ehn und einer Frist bis zum Ende der Hand, knallte Timaios schließlich die Tür wieder zu, vor der er sich aufgebaut hatte wie ein Felsenberg um Dillus den Zugang zu verwehren.

Die Schritte ihres Bruder entfernten sich auf der Treppe und Vega kroch unter dem Bett hervor und ließ sich von Timaios aufhelfen. Sie besiegelten ihren Beschluss, indem sie sich erneut der verbotenen Liebe hingaben und wie so oft in der letzten Zeit hatte sich Timaios als ihr Heilmittel erwiesen. Mit jedem Stoß löste sich das Eis in ihrer Brust ein wenig mehr und schließlich, als sie atemlos und verschwitzt in seinen Armen zur Ruhe kam, hatte sie Betty Salutaria fast vergessen. Sie würde das Feld räumen und ein neues Leben kennen lernen. Sie würde bei Timaios sein.

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Comments
2 Responses to “Gefährtenwahl”
  1. Betty sagt:

    Auch für Betty war dieses ein schwarzer Tag..hinein gedrängt in eine Gefährtenschaft die sie nie wollte mit einem alten Mann…der in ihren Augen kein Herz hat…seine liebreizende Tochter…den undurchsichtigen Bruder von Markus und von Dillus wollen wir gar nicht reden…lach…Alles in allem eine wundervolle Familie.

    Aber liebste Stieftochter unterschätze Betty nicht 😉

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