Begegnung mit der Angst

Vega warf sich in ihrem Bett hin und her. In ihren Träumen spürte sie den Kragen um ihren Hals, die Finger ihres Vaters, sein dunkler, bedrohlicher Schatten fiel über sie und dann hörte sie das Einrasten des metallenen Schlosses, das Geräusch, das sie zur Sklavin machte. Es war eine Nacht, in der die Wände der Häuser so vollgesogen waren mit der Hitze des Tages, dass sie auch in der hoffnungsvoll erwarteten Dunkelheit die Luft nicht auskühlen ließen und so klebte ihr das Nachtgewand am schweißnassen Leib, während ihre geschlossenen Lider vor Entsetzen flatterten.

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Markus Baratheus war zurück von seiner Reise. Mit dem Blick eines Tarns hatte er Vega ins Gesicht gesehen, nachdem Timaios – Vega verfluchte ihn leise murmelnd im Schlaf für seine idiotische unbedachte Aktion – fluchtartig den Tisch verlassen hatte, den er zuvor mit Vega geteilt hatte. Sie hatten dicht beieinander gesessen und waren aufgesprungen wie wie Kinder, die man beim Naschen erwischt hatte, als die Stimme von Vegas Vater erklang. So sehr Vega sich auch freute ihren Vater zu sehen, sie wusste in diesem Moment, dass die Tage der Leichtigkeit und des Müßiggangs für Timaios und sie vorüber waren. Dillus‘ Misstrauen hatte sie noch elegant abwinken können, aber ihr Vater war eine echte Bedrohung für ihre an Verrücktheit grenzende Zuneigung zu dem mittellosen Kartographen.

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Vega fuhr auf und saß aufrecht in ihrem Bett, mit vor Angst rasendem Herzen. Das Haar klebte ihr an den Schläfen, lang und lockig, schwarz wie die Dunkelheit außerhalb der Stadt in einer mondlosen Nacht. Schwarz wie die Angst in ihrem Herzen. Sie wollte keine Sklavin sein! Sie wollte nur kosten wie es sich anfühlt eine zu sein, sie liebte es, wenn Timaios sie befahl und sie lenkte und mit ihrer Lust spielte. Das wollte sie….aber sie wollte ihre Freiheit nicht verlieren! Es war doch nur ein Spiel… ein vergnüglicher Zeitvertreib…. Ihre Finger strichen über das Laken, auf dem sie sich zuletzt geliebt hatten. Es war Timaios‘ Idee gewesen, vielleicht wollte er prüfen wie weit Vega für ihn gehen würde, als er sie in ihrem eigenen Zimmer, im Haus ihres Vaters zu nehmen verlangte. Und sie hatte sich ihm hingegeben. Schon bei seinem Kuss hatte sie vergessen, wo sie sich befanden, hatte den schlafenden Onkel Tiros aus ihrem Bewusstsein vedrängt und auch die ewig neugierigen Sklavinnen des Hauses. Dann hatte sie nur noch seine Finger gespürt und ihr eigenes Feuer, das er lichterloh entflammen ließ und bald darauf hatte er sich über sie geschoben und ihr auf ihrem Mädchenbett die Vernunft aus dem Leib gevögelt.

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Nur ein Spiel! Vega erinnerte sich an die Worte ihres Vaters, er hatte sie bei seiner Rückkehr noch einmal bekräftigt. Wenn sie sich nicht zu benehmen wusste, würde er ihr eigenhändig den Sklavenkragen anlegen. Und dann war dieser Blick in sie eingedrungen, bis ganz nach innen und ihr Herz hatte vor Entsetzen fast aufgehört zu schlagen. Dillus nicht die Wahrheit zu sagen war eine Sache, aber ihr Vater hatte sie schon als kleines Mädchen immer der Lüge überführt. Dennoch war sie tapfer geblieben und hatte Timaios‘ völlig übereilten Aufbruch mit einer gar nicht mal so weit hergeholten Geschicht zu erklären versucht. Seine Hochachtung vor Markus Baratheus. Und seine Angst, dass seine Arbeiten dem Urteil des ersten Schriftgelehrten nicht genügen würden. Immerhin war er ein großes Talent, aber von Ordnung und Disziplin hielt er nicht viel. Als Markus‘ Blick immer noch auf ihr lag, prüfend und forschend, da hatte sie sogar zugegeben, dass er die Berichte unter Umständen nicht rechtzeitig fertig bekommen würde und deshalb das Weite gesucht hatte. Ein kleines Zugeständnis an die Wahrheit, das Markus vielleicht vom weiteren Nachbohren abhalten würde. Dieser Blick! Bei den Priesterkönigen! Nimm doch diesen Blick von mir, Vater!

Vega atmete tief durch. Angst und Alpträume waren ihr nicht fremd. Es waren die Gefühles eines Kindes, aber nun war sie erwachsen und sie war Markus‘ Tochter und mit einem ebenso starken Willen ausgestatte wie ihr Vater. Sie hatte sich auf ein Spiel eingelassen und sie würde nicht zulassen, dass man ihr etwas nahm, an dem ihr Herz hing. Nicht erneut. Nicht, nachdem ihre Töchter bei Tasdron aufwuchsen und sie hilflos zusehen musste, wie sie von Fremden erzogen wurden. Timaios und die Freuden, die er ihr schenkte, würde sie sich nicht nehmen lassen. Es waren die Freuden der Freiheit. Dinge, die sich die Männer tagtäglich nahmen und die ihnen niemand ankreidete. Sie aber war eine Frau und sie musste ihre Schale härten um niemanden hineinsehen zu lassen.

Sie stand auf und beugte sich über die Schüssel mit dem Wasser. Aber selbst das Wasser war nicht wirklich kühl in dieser Nacht. Dann kämmte sie sich das Haar und sah in den Spiegel.

Sie würde einfach niemanden mehr in sich hineinsehen lassen.

Fast niemanden.

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Comments
2 Responses to “Begegnung mit der Angst”
  1. he, du schreibst toll, gefällt mir 😉

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