Seine letzte Reise

Vega stand dicht neben Timaios. Selten zuvor hatte man sie in einem derart hochgeschlossenen Kleid gesehen, aber sie empfand es als angemessen. Nicht, weil es sich um eine Trauerfeier handelte, sondern weil sie sich im Haus der Atticer befand, zu denen eben auch ihr ehemaliger Kurzzeit-Gefährte Valerius gehörte. Es war dessen Neffe, Sergius Atticus, dessen Leichnam sie auf einem der Schiffe aufgebart hatte. Das viele Reisig würde das Schiff rasend schnell in ein Feuerschiff verwandeln und ihn den Vosk hinunter tragen. Eine letzte Reise für einen, dem die Schlachtschiffe das eigentliches Zuhause gewesen waren.

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Sie glaubte kein Wort von dem, was gesprochen wurde. Sergius war kein Held gewesen, sondern ein kindischer Heißsporn ohne Sinn und Verstand, der eine trauernde junge Frau zurückließ mit ungewisser Zukunft. Seine Schwester. Er hatte den Ruf des Hauses Atticus nachhaltig geschädigt mit seiner an Wahnsinn grenzenden Sturheit und bis heute wusste Vega nicht welche seiner Worte wahr und welche Lug und Trug gewesen waren.

Trotzdem war sie hier unter den Anwesenden um den Toten auf seine letzte Reise in die Stadt des Staubes zu schicken. Eine Frage der Höflichkeit und des Pflichtgefühls. Sie betrachtete abwechselnd die zierliche blonde Aurora, die auf der Grenze zwischen Trauer und Wahnsinn zu wandeln schien und Valerius, der sich um Haltung bemühte und dann doch den brennenden Pfeil zunächst fehlgehen ließ, so sehr zitterten offenbar seine Hände.

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Viele angesehen Bürger teilten den Blick mit ihr, aber nicht ein Mitglied der anderen Kriegerfamilien ließ sich blicken. Manchmal sagt eine schlichte Abwesenheit mehr aus als tausend Worte. Die Spannung in der Stadt war deutlich spürbar. Nicht wegen der Wahlen, obwohl Lomerus sich mit Arreconius und dem Haus Aelius gutzustellen schien, nein, es war das einfache Gefühl, dass unter den Häusern der roten Kaste eine Zeit des Eises und der Intrigen angebrochen war.

Ihre Knöchel streiften kurz die Hand von Timaios. Neben Timaios stand ihr Bruder, Dillus Maximus. Auch ihr Onkel, Tiros Baratheus, war anwesend und sprach sogar einige  – wenn auch nach Vegas Empfinden – verlogene Worte über die Tapferkeit und den Heldentod von Sergius. Vermutlich wollte er die junge Aurora für sich gewinnen, dachte Vega bei sich.

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Hielt ihre Familie fest an einer Verbindung zum Haus Atticus? Vega beschloss ihre Meinung für sich zu behalten. Ein totes Kaiila zu reiten, machte für sie ebenso wenig Sinn, wie auf einem untergehenden Stern Zuflucht zu suchen. Das Haus Atticus stellte zwar das erste Schwert, aber der Geruch von Moder und Zerfall war so durchdringend, dass sie froh war, das einst so stolze und hoffnungsvolle Anwesen am Hafen wieder verlassen zu können. Politisches Geschick, das musste ein Ratsmitglied haben. Und so war eben eines zum anderen gekommen und nun beweinten sie ihren toten Sergius, gelähmt von Trauer und dem Entsetzen, dass die Emporkömmlinge und Leichenfledderer sich an anderer Stelle schon längst zusammengerottet hatten. Unter ihnen Arreconius, der mit einem Mal eine Flotte für das Haus Aelius befehligte. Und natürlich die Ost selbst, Caius Aelius, der sich beim Administrator höchstselbst ein vorteilhaftes Pöstchen erschlichen hatte, mit dem das erste Schwert plötzlich dalag wie ein in der Wüste vergessener leerer Wasserschlauch.

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Als das Schiff endlich in Brand geriet und langsam aus der Hafeneinfahrt glitt, schloss Vega einen Moment die Augen. Rote Flammen vor dem Rot des untergehenden Zentralgestirns. Und dann sah sie ihn vor sich, wie er eines gewesen war. Sergius Atticus, der kleine Junge mit der Zahnlücke, kaum so hoch wie Vaters Arbeitspult und doch das hölzerne Gladius hoch erhoben und ein strahlendes, wenn auch ein wenig verbissenes Siegerlächeln im Gesicht. Damals hatte Marcus Atticus noch gelebt.

Sein Tod hatte eine Lücke gerissen in die Seele seiner Kinder. Vega warf einen letzten Blick auf Aurora Atticus und erschauerte. Wieviel Liebe oder wieviel Schwärze mochte nötig sein, um diese zweite Lücke zu füllen?

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Comments
One Response to “Seine letzte Reise”
  1. sugarninja sagt:

    sehr schön geschrieben

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