Geschenke

Vega drehte die kleine Öllampe noch ein wenig mehr auf. Ein kostspieliges Vergnügen, aber sie konnte sich nicht sattsehen an dem Geschenk. Fuhr mit den Fingern über die kostbaren Seiten, blätterte ein wenig vor und dann wieder zurück zu der Widmung. Timaios‘ Handschrift, die sie schon von dem Zahlschein für die Schneiderin kannte, log nicht. Er hatte ihr ein Geschenk gemacht. Das Buch lag auf ihren angezogenene Knien, in ihrem Rücken sorgte ein wahrer Berg edelst bestickter Kissen für die nötige Bequemlichkeit und das Licht der Tharlarionöllampe fraß mit jeder Ehn Kupfer um Kupfer für die Illumination dieses besonderen Augenblicks.

Vor dem Zubettgehen hatte sie ihren nackten Körper gründlich untersucht, denn neben den Geschichten und Gedichte aus der Tahari hatte Timaios sie womöglich noch mit einem anderen Geschenk beehrt und jenes andere war weniger angenehm. Aber zumindest hatte er die Wahrheit nicht zu verheimlichen gesucht und sie umgehend gewarnt auf Zeichen von Flohbissen auf ihrer Haut zu achten und unter Umständen den Heiler aufzusuchen. Auf dem einsamen Fleckchen hinter der Schneiderei hatte er seine Tunika gelüftet und ihr gezeigt, wie die Anzeichen aussahen. Er hatte in rühriger Eile sein schäbiges kleines Zimmer in der Unterstadt auf Vordermann gebracht und dem Ungeziefer den Garaus gemacht, damit sie ihn möglichst bald wieder besuchen konnte. Zumindest war das Vegas Interpretation seiner Rührigkeit. Das Stelldichein hinter der Schneiderei war von erregender Intensität gewesen, aber noch ein viel gefährlicheres Spiel als das, was sie hinter seiner Tür in der Unterstadt trieben.

Sie würde auf jeden Fall den Heiler aufsuchen, allerdings nicht einen der Salutaris. Nach den Gefährtenschaftsplänen ihres Vaters mit Betty Salutaris, war ihr die erste Familie der Heilkundigen eindeutig zu eng mit ihrer eigenen Verwandschaft und dem Heilerkodex vertraute sie in Bezug auf Verschwiegenheit ungefähr eine Schrittlänge lang.

Flöhe! Vega musste sich erneut beruhigen über diese üble Botschaft und vertiefte sich in das erste Gedicht.

So barg ich die Geheimnisse der Liebe,
daß meine Lippe selbst
niemals erfahren hatte, wessen Namen
ich auf der Zunge trug.

 Abu Talib Kalim

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