Die Leichtigkeit des Seins

Im Dunkel des Zimmers sah sie Dillus, der bereits im Tiefschlaf lag. Schon als Kind hatte ihn nichts mehr aus dem Land der Träume reißen können, wenn er erst einmal dorthin gelangt war. Im Atrium war kein Laut mehr zu hören, als sie lauschte. Sowohl Onkel Tiros als auch der alte Baratheus waren in ihre Zimmer verschwunden nach dem lautstarken Streit zwischen Vega und ihrem Vater.

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Markus hatte darauf bestanden, dass sie sofort zurück in den Schoß der Familie kehrte ohne ihr das Gefühl zu geben wirklich willkommen zu sein. Hatte die Anweisung ihrer Rückkehr an seinen Bruder Tiros delegiert und es dann nicht einmal über sich gebracht zu sagen, dass sie bleiben sollte. Vega schnaufte leise, während sie das Kleid auszog und in ihrem dünnen Unterkleid zu Dillus unter die Decke schlüpfte. In ihr eigenes Zimmer hatte sie nicht gehen können, denn dort hatte man Julia Augusta, ihre Cousine aus Bazi untergebracht für die Dauer ihres Besuchs in Victoria.

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Der alte Baratheus war, als er Vegas Wortwechsel mit Tiros hörte, noch einmal aus seinem Zimmer gestürmt gekommen, nackt wie die Natur ihn geschaffen hatte, aber wenn er in Rage war, störte er sich an derlei Dingen nicht. Vega hatte entsetzt die Hände vor ihren Augen zusammengeschlagen und dann hatten sie auch schon seine Worte wie Ohrfeigen mitten ins Gesicht getroffen. Wenn du jetzt aus Sturheit gehst, Vega Barathea, dann gehst du für immer und ich sorge eigenhändig daür, dass du einen Kragen bekommst!

Vega hörte Dillus neben sich atmen und leise murmeln. Sie ließ ihm soviel Platz wie möglich und starrte in die Dunkelheit. Das Adrenalin rauschte noch durch ihren Körper und an Schlaf war vorerst nicht zu denken. Dabei war es ein überwiegend schöner und entspannter Tag gewesen. Julia war jünger als sie und trug die anderswo übliche Vollverschleierung. Offenbar hatte Julias Mutter gute Vorarbeit geleistet, denn die junge Frau erdreistete sich weder die Bekleidung der Frauen von Victoria zu kritisieren, noch schien sie irgendwie peinlich berührt zu sein, diese zu sehen. Vega dagegen fand es spannend, die Augen ihrer Cousine hinter all diesem Stoff zu beobachten und konnte kaum begreifen, wie sie darunter nicht vor Wärme und Unbeweglichkeit einging, sondern so wach und lebendig schien wie sie sich zeigte. Sie hatten mit Timaois am Imbiss in der Oberstadt gesessen – ja, am Imbiss! – und Vega hatte es genossen und sich frei und unbeschwert gefühlt, während der Kalana über ihre Lippen floss und ihre Zunge lockerte. Sollten die Leute doch denken und reden, was sie wollten!

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Das schiefe Grinsen von Timaios. Obwohl er Vega aufzuziehen wusste mit Worten, besänftigte sein schiefes Grinsen jeden Zorn in ihr, sobald sich auch nur ein paar der roten Flecken an ihrem Hals zeigten. Vega schloss die Augen und fühlte, wie sich ihr Blut langsam wieder beruhigte. Der Gedanke an den schönen Tag. Dillus regelmäßige Atemzüge neben ihr und der Geruch von Heimat wurden schließlich zu einer alles umhüllenden Wolke der Behaglichkeit. Es war gut ein Zuhause zu haben. Selbst wenn ab und zu Worte wie giftige Pfeile hin und herflogen, so war doch Blut immer dicker als Wasser.

Trotzdem verdrängte sie das Bild des nackten Markus Baratheus rasch, als es erneut vor ihrem inneren Auge aufstieg. Und ersetzte es mit dem Anblick des nackte Timaios, der sich an einem Brunnen gewaschen hatte, weil er nicht genug Münzen für die Thermen hatte. Rasch glitt sie hinüber ins Reich der Träume und ihre Gesichtszüge entspannten sich bis sich schließlich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen legte. Keine zehn Kupfer in der Tasche, ständig hungrig und vollkommen mittellos, war Timaios der erste Mensch, den Vega kennenlernte, der den Hürden und Bürden des Lebens mit einer fast unverschämten Leichtigkeit entgegentrat.

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