Blut und Tränen

Vega zog sich die Decke über den Kopf und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Zurück im Haus ihres Vaters, nach nur wenigen Tagen der Gefährtenschaft mit Valerius. Die Ereignisse hatten ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und nun lag sie hier und ließ die Ereignisse Revue passieren. Zu viel Eigensinn. Zu viele vom Sturm gepeitschte Gefühle. Zu viel Hass und zu viel Gewalt. Sicher, sie hatte früher gern zugesehen, wenn die Kampfsklaven im Rund der Arena ihr Blut vergossen, aber das hatte sie nie als so nah empfunden, niemals den Wahnsinn so dicht an ihrer eigenen Haut erlebt wie nun im Hause Atticus. Niemand weinte, wenn ein Larl ein Tabuk riss.

Aber nun weinte sie.

Sie war nicht dort gewesen beim Kampf. Sie hatte Valerius gesagt, dass sie ihn nicht liebte und das stimmte auch, denn in Vega war für kein anderes Gefühl Platz als ihren innigen Hass auf Tasdron, der so umfassend war, wie die zuvor für ihn empfundene Liebe. Die Atticer, Vega vermied es inzwischen ihrer beider Vornamen nur zu denken, wenn sie allein war, die Atticer waren von ganz andere Dingen angetrieben als kühlem politischem Kalkül und dabei schwer zu steuern. Der Jüngere von ihnen glich einem Wirbelsturm, der die Richtung in völlig unabsehbaren Zyklen wechselte und sie mit einem Wechselbad der Signale verwirrte und der Ältere erarbeitete sich in völliger Ignoranz von Vegas Zielen allmählich den Ruf als Schlächter von Victoria, drohte freien Frauen den Kragen an, weigerte sich sein Wort gegenüber Caius Aelius zu erfüllen und zog dann noch sein Schwert gegen einen, der eben dieses ablehnte und sich ohne ein Zeichen der Verteidung niederstrecken ließ. Ihr frisch gewonnener Gefährte war ein Mann mit zwei Gesichtern und wurde vom freundlichen Unterhalter, den sie an seidenen Fäden zu führen gedachte, zur furchteinflößenden Größe.

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Der Mann, der heute im Hospital vor ihr auf der Liege gelegen hatte, war nicht der Schlächter von Victoria, sondern einer, der Tränen vergoss. Denn sie  hatte ihn gebeten sie freizugeben in gegenseitigem Einverständnis. Dies war ein heikler Wunsch, denn im Grunde wusste sie, dass er die Erfüllung des Vertrages einfordern konnte. Hinzu kam, dass sie ihrem Vater Schande brachte, schon in dem sie den Wunsch überhaupt äußerte. Aber allein der Gedanke in dieses Tollhaus zurückkehren zu müssen, dessen Fundament nun von einem Riss der Feindschaft innerhalb der Familie durchzogen war, brachte sie an den Rand ihrer Vorstellungskraft. Ihre Familie war immer ein Ort gewesen, an dem sie sich sicher fühlte. Markus Baratheus war streng, aber er war kein Unmensch und wollte das Beste für seine Kinder. Selbst mit Tasdron hatte sie die ersten Jahre über glückliche Zeiten verlebt und hatte die Stellung als oberste Frau im Haushalt des Administrators genossen. Aber über dem Haus Atticus schwebte eine Wolke, die nach Tod roch. Und sie war nichts weiter als etwas kleines Blaues in einem blutigen Fluss aus Scharlachrot.

Der Mann, der ihr Gefährte war, hatte eingewilligt. Sie sollte zum Prätor gehen, sich den Vertrag und die Kopien aushändigen lassen und alles dem Feuer übergeben, wenn dies ihr unbedingter Wunsch war.

Dann war sie gegangen und hatte ihn seinen Tränen überlassen. Tränen und Blut. Von beidem vergoss er reichlich in den letzten Tagen und Vega fühlte sich dafür nicht unverantwortlich. Erst durch sie hatte sich das Fundament der Atticer erschüttert. Ihr Konflikt mit dem jüngeren Atticus, der ihr in letzter Konsequenz den Dolch an die Kehle gehalten hatte, war letztlich der Stein gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wie unversöhnlich das junge Familienoberhaupt war, das hatte Vega mehrfach erfahren dürfen und so war es auch jetzt gewesen und gipfelte in diesem unsäglichen Duell auf dem Vorplatz der Curia, das ein gefundenes Fest für alle Feinde, Neider und blutrünstige Schaulustige gewesen war.

Was für eine verfahrene Situation. Einfach dagegen war es die Wünsche ihres Bruder Dillus Maximus zu erfüllen.

Vega stand auf, obwohl noch Dunkelheit die Stadt umhüllte. Sie stieg langsam über die schlafende Sklavin vor dem Herdfeuer und legte eine paar Holzscheite nach.

Dillus lag mit Verbrennungen an beiden Armen im Hospital. Er hatte offenbar zuerst den starken Mann spielen wollen und hatte sich dann eine Infektion eingefangen, die nun behandelt werden musste. Nach eigener Aussage und Vega zweifelte niemals eine Aussage ihres Bruder an, war er von einer Gauklerin beschimpft worden, hatte sich wehren wollen und fand sich dann plötzlich von einem Feuerstrahl eingehüllt.

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Vega goss von dem feinen Olivenöl in eine Pfanne und begann die kleinen Köstlichkeiten zu braten, die ihren Bruder sicher schneller genesen lassen würde als die Suppe im Hospital.

Wenn der Tag anbrach, hatte sie vieles vor. Diese rothaarige Feuerzauberin suchen lassen, damit sie der Gerechtigkeit überführt werden konnte. Dillus besuchen und verwöhnen. Und die Dokumente von Quintus erbitten. Sie fühlte sich müde.

Es hatte in den letzten Tage nur einen Moment gegeben, an dem das Leben wie früher durch ihre Adern pulsiert war und das war der Moment im Wald gewesen. Timaios, ein reisender Kartograph, der nach Victoria zurückkehrte nach 50 Märkten, hatte beherzt in das Zaumzeug ihres Tharlarions gegriffen als sie im Begriff gewesen war die Kontrolle über das Tier zu verlieren. Hatte sie erst den Dolch umklammert um sich notfalls gegen den Mann zur Wehr setzen zu können, so hatte es dazu keinen Anlass gegeben. Im Gegenteil.

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Sie hatten einige Stunden an seinem Feuer verbracht, tief in den Wäldern von Victoria und er hatte ihr seine Skizzen aus den fernen Städten und Landstrichen gezeigt und so das Unbekannte vor ihren Augen lebendig werden lassen. Er vermochte es mit Worten ganze Städte vor ihren Augen entstehen zu lassen. Paläste, in denen feiste Stammesfürsten sich von den schönsten dunkelhäutigen Sklavinnen bedienen ließen. Wüstenkrieger, die mit Krummsäbeln kämpften und Frauen, die nur aus einem winzigen Schlitz in ihren Gewändern heraus die Welt betrachteten um sich vor der Heißblütigkeit der Wüstenmänner zu schätzen. Ein Meister der Worte und mit leeren Taschen. Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem Schmunzeln. Als er begriff, wessen Tochter sie war, hatte er für einen Moment seine Unbefangenheit verloren.

Sie legte das Fleisch ins Fett und mit einem leisen Zischen begann es zu garen.

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Comments
2 Responses to “Blut und Tränen”
  1. sugarninja sagt:

    Das arme dillchen aww *hust* :p
    Sehr gut geschrieber Beitrag!

  2. neanarstrom sagt:

    Dillus Bratwurst. ^^

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