Fiebersequenzen

Das Fieber war irgendwann in der Nacht gekommen. Ihr Mund war ausgetrocknet und die Lippen spannten unangenehm, während ihr Kopf dröhnte und ihr sonst so vertrautes Zimmer zu einem dunklen, angsteinflößenden Feld aus Schwärze wurde, das alles verschlingen wollte. Die angsteinflößenden Schatten, die in ihrer Kindheit immer unter ihrer Liege getanzt hatten, waren nun wieder da, so dass sie das dünne Laken über den Kopf zog und anfing zu weinen. Über dem Hocker in der Ecke lag das Gewand, das Suna zeitig geliefert hatte zum bevorstehenden Vertragsabschluss ihrer Gefährtenschaft. Aber sie hatte von ihrem Vater geträumt.

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Valerius ist nicht das Oberhaupt des Hauses und für meine Tochter will ich die erste Wahl. Sergius ist jung und kräftig und ich halte ihn für die bessere Wahl. Wütend hatte sie ihren Vater angeschrien. Ihm gesagt, dass sie Sergius hasst und er sie und dass sie niemals, niemals die Gefährtin von Sergius werde, weil sie Valerius will. Weil sie endlich geliebt werden will um ihrer selbst willen und nicht wegen ihrer Fähigkeit Kinder zu empfangen und zu gebären. Aber Markus war hart geblieben. Hatte gesagt, er höre von ihr immer nur ein „ich will“ und nicht ein „ich gehorche.“ Schlagende Türen und Tränen in der Nacht. Das Gefühl ihren eigenen Vater noch mehr zu hassen als Tasdron. Glühender, alles verzehrender Hass, aus Hilfosigkeit und Wut geboren.

Sie schloss die Augen und suchte die fürchterlichen Schatten in der Dunkelheit zu vergessen und ihren Geist mit schöneren Gedanken zu füllen. Sie begann nun zu zittern, obwohl ihre Stirn glühte. Sie zog die Beine an und rollte sich zu der Kugel zusammen, die alle einst gewesen waren in den Leibern ihrer Mütter, geschützt von einer warmen, weichen, lebendigen Hülle. Alles war gut. Es hatte alles ein gutes Ende genommen.

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Valerius hatte nicht aufgegeben. Am nächsten Morgen war sie zu ihm gelaufen und hatte erzählt, dass ihr Vater sie mit Sergius verbinden wollte statt mit ihm und er hatte sie im Orangenhain an sich gezogen und ihren Kopf an seiner Brust gebettet, bis ihre Tränen allesamt versiegt waren im Scharlachrot seiner Tunika. Er würde nicht aufgeben, hatte er gesagt. Sein schlagendes Herz tropfte ihr neue Zuversicht ein.  Sie wusste nicht genau, wie es gelungen war, aber eines Tages war sie heimgekommen aus dem Archiv und ihr Vater hatte ihr aufgetragen zum Domus der Atticer zu laufen und Valerius herbeizuholen, weil er ihm etwas zu sagen habe. Du hattest Recht, meine Tochter. Es ist weiser ein Unrecht anzuerkennen, als im Unrecht zu verharren. Das waren seine Worte gewesen und sie hatten die Wolken vertrieben, die das Zentralfeuer für Tage verborgen hatten und nun floss das Leben wieder warm durch ihre Venen.

Jetzt aber floss das Fieber durch ihren Leib und schüttelte ihn. Ausgerechnet jetzt. Alles lag bereit für den folgenden Tag des gemeinsamen Glücks. Eine Verbindung, in der Familieninteressen und der Drang zweier Herzen sich verbinden sollten zu einer Macht, die Tasdrons sorgsamer Aufmerksamkeit kaum entgehen konnte.

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„Sorge dafür, dass Valerius mir keinen Ärger macht, Vega. Und du wirst deine Töchter öfter sehen und unterrichten dürfen.“ Das Zentralfeuer stand schon tief und würde in weniger als einer halben Ahn hinter der Hügelkette versunken sein, die am anderen Ufer des mächtigen Flusses Victoria gegenüber stand. Sie waren allein auf dem Platz vor der Curia. Tasdron und Vega. Er hielt das bereinigte Protokoll über die letzte Sitzung des Hohen Rates in Händen, das Vega ihm gebracht hatte. Dann gab ein Wort das andere und sie überboten sich gegenseitig mit Drohungen, die dem anderen jeweils eine düstere Zukunft versprachen. Noch mehr Unrecht, noch mehr Blut. 

Vega flüsterte die Namen ihrer Töchter. Wenn sie kooperativ war, würde Tasdron zulassen, dass sie sie besuchen durften. Natürlich nicht im Haus des alten Baratheus, von dessen Feinschaft der Ewige überzeugt war, aber vielleicht im Haus des Valerius Atticus, den er noch für sich zu gewinnen suchte. Aus dem er eine weitere Marionette formen wollte. Sie schluckte, aber es war als fließe Sand ihre Kehle hinunter. Sie husteste und ein schrecklicher Schmerz durchzog ihren Kopf.

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Der Schmerz an ihrer Kehle war nicht so groß gewesen, als Sergius‘ Dolch die kleine rote Linie hinterlassen, die nun an ihrem Hals leuchtete wie ein Mahnmal an ihre eigene Leichtsinnigkeit. Sie hatte Frieden schließen wollen mit Sergius und hatte fast den Tod geerntet. Er glich einem Sturm, einer Naturgewalt, deren Richtung schwer vorherzubestimmen ist und die anderen Gesetzmäßigkeiten folgte als Vegas geordneter und von formaler Logik dressierter Verstand. Ja, sie hatte ihn beleidigt und gereizt und ihn ein Kind genannt, als er sich wie eines verhielt und sie verspottete statt ihr Friedensangebot anzunehmen. Frieden. Sie wünschte sich so sehr Frieden im neuen Heim und keine Feinde in der Familie, sie bald an die Stelle ihrer eigenen treten sollte. Dann schlug ihr Kopf gegen die Wand. Sergius‘ mächtige Gestalt hatte sie nach hinten gedrängt und dann war die scharfe Schneide dort, wo sie ihr mit einem Schnitt das Leben aus dem Leib bluten lassen konnte. „Du wirst tun, was ich dir sagen, Vega Barathea. Hast du mich verstanden? Mein Wille ist Gesetz in meinem Haus. Auch für die Gefährtin meines Onkels.“

Ihr Kopf fühlte sich so heiß an, dass die Tränen fast kühl waren auf ihren Wangen. Sergius‘ hatte sie zum Schweigen verdammt über das, was zwischen ihnen vorgefallen war. Er hatte unmissverständlich klar gemacht, dass es in der Stadt zu viele dunkle Ecken gab, in denen ein Dolch unbemerkt bis zu ihrem Herzen vorgestoßen werden konnte. Ohne Zeugen. Ohne eine Chance auf Hilfe. Sie wusste, dass er Recht hatte. Die Feindschaft eines Kriegers war eine gefährliche Sache und endete meist mit dem Tod. Der Morgen graute bereits und ihr Herz war voller Angst und Zweifel. Sie verschlief den folgenden Tag im besinnungslosen Fiebersturm. Die Familie sandte einen Boten zum Haus der Atticer und zum Prätor. An diesem Tag konnte keine Gefährtenschaft geschlossen werden.

Am Abend rückte sich Markus Baratheus einen Stuhl an das Bett seiner Tochter.

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„Ich werde dir jetzt eine Geschichte erzählen, Vega. So wie ich es früher immer tat, wenn du krank warst. Du musst gesund werden. Nur gesund kannst du mir nützen. „

Die Lippen ihres Vaters auf ihrer Stirn. Immer noch fieberte sie, aber unter seiner Berührung verkleinerte sich das Leiden und wich dem Gefühl einer alles umfassenden Geborgenheit. Mit dem Alter war seine Gestalt noch hagerer geworden. Die graue Eminenz des Geistes. So liebte sie ihn am meisten und so vergaß sie alle Anfälle von Zorn und Unbeherrschtheit, die er ihr und die sie ihm je entgegengebracht hatte. Sie nahm seine Hand, die allmählich begann sich anzufühlen wie altes Pergament, so trocken und seltsam spröde.

„Ich brauche deinen Rat, Vater. Lass mich dir ein Fallbeispiel schildern, bitte.“

Er schüttelt den Kopf. „Du musst schlafen und gesund werden, Vega. Das ist alles.“

Sie seufzte. „Es ist wichtig, Vater.“

Mit einem Mal spürte sie seine schlanken, kräftigen Finger nun unter ihrem Kinn und der Blick ihres Vaters flammte auf, als auf ihrer nun gestreckten weißen Kehle die dünne rote Blutlinie deutlicher wurde.

„Wer war das?“

Im Klang seiner Stimme lag nun alles, was den alten Baratheus ausmachte. Die unter übertriebener Strenge verborgene Sorge um seine Tochter. Die Fähigkeit zur kühl berechneten Rache, angefeuert von einem lodernden Zorn in der Tiefe des Herzens, wenn jemand seiner Familie etwas antat. Aber auch die unmissverständliche Befehlsgewalt, die weder Lüge noch Widerspruch, noch Schweigen akzeptieren würde an dieser Stelle.

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