Undurchsichtige Pläne

Eigentlich hatte Vega an diesem Abend anderes vorgehabt, aber der ihr Vater hatte ihre Pläne zu durchkreuzen gewusst, wenn sie sich auch sicher war, dass es diesmal der reine Zufall und keine Absicht gewesen war. Nun lag das geschossene Vulo gerupft in ihrer eigenen Küche statt zubereitet und gegessen als Abendessen im Haus Aelius. Und Vega lag ihrerseits angeschossen und zornerfüllt auf der Liege in ihrem Zimmer.

einladung_001

Sie hatte den jungen Rarius, der erst vor kurzem nach Victoria zurückgekehrt war, vor dem Sklavenhaus getroffen und erfahren, dass er nun tatsächlich dem Haus Aelius verpflichtet war. Undurchsichtig war die Frage, warum er weiterhin vor dem Sklavenhaus Crispus wachte und Caius Aelius dies Aktivität offenbar begrüßte. Weniger undurchsichtig war die Bestätigung dessen, was Vega bereits wusste, man erwartete sie noch in dieser Hand zu einem Besuch. Jetzt, nachdem die Einladung wiederholt überbracht worden war, beschloss sie es noch an diesem Abend zu wagen. Der Mann, der sich Scipio nannte, grüßte und ging an ihnen vorüber Richtung Hospitalviertel, fast so, als würde er dort hingehören in den Bezirk der Stadt, der eher den Wohlhabenden und Hochkastigen zuzuordnen war. Vega war jedoch nicht in der Stimmung für investigative Fragen und überhaupt vertraute sie auf die rote Kaste in Fragen des Ordnungserhaltes.

Auf dem Rücken trug sie ihren Jagdbogen, der im Vergleich zu den Armbrüsten der Krieger sicher mehr als Spielzeug für zarte Frauenhände zu sehen war, der aber als Jagdwerkzeug für Kleinvieh auf der Jagd durchaus seine Wirkung zeigte. Man erwartete sie bereits an den Stallungen. Ihr Tharlarion war fertig gesattelt und Vega wählte sich einen von den Stöcken, die an der Wand aufgereiht hingen und mit deren Hilfe man den störrischen und schwer zähmbaren Echsen den Weg deutlich machte. Zum Schutz ihrer Haut vor den scharfen Schuppen trug sie oberschenkellange Stiefel aus festem Leder, den Rest an Bequemlichkeit, so man auf einem Reittharlarion überhaupt von Bequemlichkeit sprechen konnte, bot der gut gepolstere und gefederte Sattel, der die Heftigkeit der Stöße, besonders bei schneller Gangart, ein wenig abmilderte.

tharlarion_004

Auf dem Rücken des Reittharlarions, wich die Menge vor ihr auseinander wie vor dem Bug eines Schiffes, das sich durch die Wellen pflügt. Nicht nur die Zähne und der Geifer, der den Tieren aus dem Maul floss, nein, besonders gefährlich waren die scharfen Krallen an den Vorderläufen und auch der kräftige Schwanz der Echsen war in Sachen Pein und Verletzungsrisiko nicht zu unterschätzen. Es waren die Erschütterungen des Stabes, der kraftvoll eingesetzt auf der richtigen Seite, das Tier dazu veranlassten in die erwünschte Richtung zu laufen.

Vega preschte durch das Stadttor hinaus und runter in die Wälder um erst nach zwei Ahn wieder aufzutauchen. Ein totes Vulo hatte sie mit einem Seil am Sattelknopf befestigt und ein schmales Rinnsal von Blut, das über den Sattel nach unten floss, ließ das Tharlarion deutlich unruhiger werden als noch auf dem Hinweg. Vega war zufrieden. Sicher, sie war aus der Übung, aber es hatte letztlich gereicht um eines der flatternden Tiere zu erlegen.

Zurück in der Stadt, traf sie vor dem Sklavenhaus auf Lucia Gaius, die ihr vom großen Erfolg des Festes und vom Ausgang des Schaukampfes berichtete. Decius, der Neue, war noch nicht zum Einsatz gekommen. Als eine neue Lieferung mit Sklavinnen aus Ar und Thenis eintraf, machte Vega Platz und setzte ihren Weg fort Richtung Treppe. Zum einen wollte sie das Vulo endlich in der Culina loswerden und zum anderen die Jagdkleidung, bevor ihr Vater sie darin erwischen konnte. Das Jagen war ihr zwar nicht verboten, aber Markus Baratheus musste nicht von allen Aktivitäten wissen, die Vegas Leben etwas bunter machten. Denn alles, wovon er wusste, konnte er im Ernstfall unterbinden.

plausch_001 sklavenhaus_001

Als sie dann auf ihn traf, trug sie ihr bestes Kleid aus turianischem Brokat und den guten Schmuck. Wie immer hatten sich einige an dem Engpass versammelt, den die Insula Maximal am Fuß der Treppe zum Villenviertel darstellte. Zwei Frauen aus dem Haus Salutaris baten um Zugang zu den medizischen Schriften im Zentralarchiv und erhielten diesen umgehend. Nachdem Totilas zum ersten seiner Kaste ernannt worden war, gab es keinen Grund seinen Familienangehörigen den Zugang zu den Archiven zu verweigern.

salutaris_001

Anschließend tauchte Vega zurück in die illustre Versammlung vor der Insula. Eine andere Möglichkeit blieb ihr kaum, denn der Weg zum Haus Aelius führte eben dort entlang. Vor allem das Haus Atticus tat sich an diesem Tag durch seine Präsenz hervor: Die Lady Aurora war mit ihrem Pani Mädchen und ihrem Onkel erschienen. Ein Onkel?! Vega sah in das Gesicht des älteren Kriegers und nur eine dünne, flackernde Erinnerung regte sich in ihr. Tatsächlich erfuhr sie fast im gleichen Moment, dass Valerius Tillius Atticus nach dem Tod seines Bruders lange fort gewesen war um die Verteidigung von Victoria an den äußersten Posten der Voskregion zu sichern.

valeriusatticus_001

Ehe sie sich verabschieden konnte, war bereits ihr Vater neben ihr und lud eine Händlerin namens Nanda zu ihnen nach Hause ein. Eine Händlerin! Vega sah ihn erstaunt an und noch erstaunter als er ihr befahl zum Schutz des untadeligen Rufes der Frau ebenfalls mitzukommen. Am Blick ihres Vaters war deutlich abzulesen, dass Widerspruch sinnlos war – also biss Vega die Zähne zusammen und folgte den beiden Plauschenden zurück nach Hause. Sie hatte nie einen Zweifel daran gehabt, dass Markus auch charmant sein konnte, denn immerhin war es ihm irgendwann vor langer Zeit auch gelungen, ihre Mutter zur Gefährtenschaft zu überreden, aber dass er nun eine Händlerin hofierte, rief in Vega ein deutliches Grummeln der inneren Organe hervor. Der Effekt wurde noch verstärkt, als er sie zum Kalana holen in die Küche schickte, als wäre sie eine gemeine Haussklavin.

markus_001

Der wirkliche Schock traf sie aber erst nachdem Nanda das Haus wieder verlassen hatte. Sie erhielt den Befehl freunschaftliche Beziehungen zu der Händlerin aufzubauen und just in diesem Moment brach die aufgestaute Wut aus Vega hervor und Dillus, der mittlerweile zur fortgeschrittenen Abendstunde den Weg aus dem Bett gefunden hatte, nahm sie mitfühlend in seine Arme.

Markus Baratheus wäre nicht Markus Baratheus, wenn er sich von ein wenig Gekreisch und Weibertränen von seinen Plänen abbringen ließ. Und so war es auch diesmal gewesen. Seine Kinder sollten ihm vertrauen und basta! Er handelte zum Wohl der Familie und das mussten sie akzeptieren. Oberflächlich ließ Vega es dabei beruhen, aber innerlich tobte immer noch der Zorn. Sie würde Markus Baratheus im Auge behalten und für sich abwägen. Es war immerhin nicht auszuschließen, dass das lange Alleinsein nach dem Tod ihrer Mutter ihn einen Teil seines einst so scharfen Verstandes gekostet hatte.

markus_003

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: