Rechenschaft

Vega trug das kleine Päckchen mit der gelben Schleife vorsichtig durch das Händlerviertel bis zum Domus Baratheus zurück. Der Händler, der ihr die Kosmetika verkauft hatte, musste alt sein, uralt. Denn trotz des Serums war sein Gesicht überzogen von Falten wie von einem Spinnennetz. Sie kannte die Zeichens Alterns bereits von ihrem Vater, Markus Baratheus, aber dieser Mann wirkte mit seinem schlohweißen Haarschopf noch um ein vielfaches älter. Von Körperfarben hatte er gesprochen und von den richtigen Düften, aber sie hatte sich nicht breitschlagen lassen mehr zu kaufen als sie benötigte. Das gute Wangenrot mit dem Blei darin und einen Kohlestift für die Augen. Was sollte sie mit Düften? Derzeit gab es niemanden mehr, den Vega Baratheus mit ihrem nackten, hungrigen Leib betörte. Nur ihre Finger rochen nach der meersalzigen, klebrigen Feuchte zwischen ihren Schenkeln, wenn sie morgens erwachte, erschöpft, befriedigt und doch wieder hungrig zugleich. Nein, für Körperfarben hatte sie derzeit keine Verwendung und sie hatte nicht einmal gewusst, dass es so etwas gab.

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Zuhause im Atrium traf sie auf Dillus. Dillus, so schoss es ihr sofort durch den Kopf, war eigentlich alt genug um langsam in eine Anstellung oder ein Amt zu gehen. Er wirkte ein wenig ziellos und seine Interessen konzentrierten sich so auf das, was viele junge Männer umtreibt, nämlich Wein, Weib und Müßiggang. Es wurde Zeit, dass Vater zurückkehrte. Vega hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gesponnen, als sie, das Päckchen in ihrem Zimmer entpackend, die Stimme ihres Vaters hörte.

Markus Baratheus war zurück. Sie wusste nicht, über was sie sich in diesem Moment mehr freute. Der alte Händler aus dem Haus Avonicus hatte ihr eine kleine Probe von dem viel zu teuren Pulver mitgegeben, das sie soeben entdeckte und mit Wangenrot und Kohlestift nun in ihrer Schatulle verstaute, bevor sie hinauseilte, mit einem zurückhaltenden, aber von ehrlicher Zuneigung geprägten Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Vater, du bist endlich zurück! Willkommen!, rief sie freudig aus. Noch ein paar wenige Schritte tat sie auf Markus zu, der Impuls ihn in die Arme zu schließen blitzte kurz auf, ein zittriges Funken, das Signal eines kleinen Mädchens, das niemanden so sehr verehrt wie den alten, weisen Vater, der sanft sein kann, aber auch streng, aber immer gerecht. Trotzdem hielt sie sich zurück. Die großen Emotionen trug man nicht zur Schau wie eine Hafendirne, sondern verschloss sie in sich, wie ein Schmuckstück von großem Wert in einem Elfenbeinkästchen. So hatte man es sie gelehrt und sie hielt sich auch jetzt daran, die Situation nicht mit ihren Gefühlen zu überschwemmen. Sie wusste, Markus Baratheus war gerecht, aber Zärtlichkeiten teilte er aus, wenn ihm danach der Sinn stand.

Dies war offenkundig nicht der Fall in diesem Moment. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und verlangte Rechenschaft über die Ausgaben in der Zeit seiner Abwesenheit. Ohne zu zögern, wandte Vega sich um. Unten im Schrank, in einer Lade, lagen fein säuberlich aufgereiht mehrere kleine,  handbestickte Büchlein aus feinstem Rence Papier und in einem darin, in ihrer akkuraten Schrift notiert, fanden sich die Aufzeichnungen, die ihr Vater zu sehen wünschte. Sparsam, davon war sie überzeugt, sparsam war sie gewesen. Das Amt eines Präfekten in der Zentralverwaltung sicherte ihr ein regelmäßiges Einkommen. Natürlich hatte sie nicht selbständig darüber zu verfügen, jetzt, wo sie wieder in den Schoß ihrer Familie zurückgekehrt war.

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Dillus – im Gegensatz zu Vega – stand immer noch im Atrium und stammelte herum, was die Ausgaben der letzten Tage anging. Vega schwieg. Sie würde Dillus niemals verraten, auch wenn sie längst wusste, worin das Problem ihres kleinen Bruders bestand. Er hatte Sergius 21 Silber geliehen. Und Vega wusste mit ziemlicher Sicherheit, dass eine solche Summe an Münzen sich nicht aus der kleinen Summe speiste, über die Markus Baratheus seinen Sohn in der Regel verfügen ließ. Sie wusste nicht, wie er sich herauswinden wollte und sollte es auch an diesem Abend nicht mehr erfahren, denn ihr Vater schickte sie zurück in ihr Zimmer um dann in Ruhe die Bücher zu prüfen.

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