Lihi

Sie wachte in einem fremden Haus auf, aber das war nicht neu für sie. Erst an der Kette des Händlers aus Cos. Dann das Schiff. Die Karawane, eingepfercht in einem Käfig. Und nun das Sklavenhaus Crispus. Zumindest bis gestern. Das hier war nicht das Sklavenhaus Crispus. Als sie sich nackt und in Schweiß und Ekstase aufgelöst im Tanzkreis der Taverne wiedergefunden hatte, da hatte sie gehört dass jemand sie gekauft hatte. Wer von den Männern, deren Blicke auf ihrem zitternden Leib lagen, das stellte sich erst im Verlauf des Gesprächs heraus. Sein Name war Sergius und er ließ sie fortschaffen in Begleitung eines Mädchens namens Kiku, die schlitzförmige Augen hatte und einen bemalten Leib. Kiku führte sie durch das nicht enden wollende Gewirr von Straßen, Gassen und Plätzen dorthin, wo sie jetzt lag und in die Flammen des Küchenfeuers starrte.

Sergius war Krieger. Das erfüllte 236 mit einer lange nicht mehr gefühlten Zufriedenheit. Sie war im Haus eines Kriegers geboren worden. Ihre Mutter war schon als Kriegsbeute versklavt worden und dort war sie aufgewachsen als Sklavin. Sie kannte die Abläufe und die Eigenarten, sie wusste was ein Krieger braucht und schätzt und vor allem wusste sie wie ein Krieger riecht und schmeckt. Sicher, Sergius war viel jünger als Seremides. Aber Seremides war nicht mehr. Vielleicht war er tot oder sie ließen ihn in einer Salzmine im fernen Süden zugrunde gehen. Das Herz von 236 tat eine kurze Regung, aber Tod und Verlust gehören dazu, wenn man einen Krieger liebt. Sie alle gingen denselben Weg. Der eine früher, der andere später. Und immerhin hatte Seremides ein langes Leben in Freiheit gehabt. Damals war sie nicht 236 gewesen, sondern hatte einen Namen getragen.

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Es gab außer Kiku kein weiteres Mädchen im Hause Atticus und Kiku gehörte Sergius‘ Schwester, deren Name Aurora war. Ein wunderschöner Name für eine Freie. Die Familie schien klein zu sein. 236 stand auf und legte Holz nach um das Feuer in Gang zu halten. Erst dann traute sie sich aus der Culina. Inspizierte die Latrine, säuberte sie auch gleich und erfreute sich an dem kleinen Garten im Hof. Es schienen alle das Haus verlassen zu haben, ohne dass jemand Notiz von ihr genommen hatte wie sie da schlafend vor dem Feuer lag. Immer noch zitterte sie leicht, wenn sie an den Tanzkreis dachte. All ihre Versuche wie eine unbeholfene Topfsklavin zu wirken hatten sich im drängenden Rhythmus und unter den Augen der Männer aufgelöst und sie hatte zu brennen begonnen. Erregung war wie Lava durch ihren Leib geflossen und als Sergius die Hand auf ihren Bauch gelegt hatte, war da nichts anderes mehr gewesen als nur Rhythmus und Lust und der Wille ihnen allen gefallen zu wollen.

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Entsprechend hoch war offfenbar auch der Kaufpreis gestiegen. Das erfuhr sie, als sie Sergius fand. Draußen vor einer der Insulae, an einem Laden mit Backwaren, deren Geruch ihren Magen kurz wimmern ließen. 21 Silber. Und doch war ihr mulmig zumute, was den Handel anging. Um den Hals trug sie immer noch das Eisen des Sklavenhauses. Und sie sollte Recht behalten. Sergius war offenbar einem Betrüger aufgesessen. Ein junger Mann hatte behauptet, dass sie ihm gehöre und sie dann an Sergius verkauft, der unter den Bietenden das höchste Gebot abgegeben hatte. Nur hatte der Bursche gelogen. Er war keinesfalls der rechtmäßige Besitzer gewesen. Sergius war noch jung an Märkten und es war nur sein Griff zum Gladius und seine Beharrlichkeit, die den Sklavenhändler Gaius Crispus schließlich dazu brachte, nicht auf sein Eigentum zu insistieren. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Sergius gab sich nicht damit zufrieden, die Sklavin als Geschenk zu bekommen. Nein, er spuckte Gaius vor die Füße und sprach von Bestechung und von dem Versuch rechtmäßiges Eigentum als ein Geschenk darzustellen!

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236 hatte sich zitternd auf den Boden geworfen, ihre Lippen auf die edel bestickten Schuhe des Sklavenhändlers gepresst und dann ihre Arme um Sergius‘ kräfte Waden geschlungen, aber es war ihr nicht gelungen, den jungen Krieger zu besänftigen. Zornig winkte er sie mit sich und fand erst im Badehaus wieder zur Ruhe. Die Sache war noch nicht ausgestanden. Jedenfalls stand das zu befürchten. Welches Sklavenhaus lässt sich schon gern Betrug durch Mehrfachverkauf von Sklaven und versuchte Bestechung vorwerfen?

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236 schwieg über den Vorfall und besann sich auf ihre Fähigkeiten. Und mit dem warmen Wasser gelang es ihr, den jungen Heißsporn zu entspannen, so dass schließlich sein Zorn mitsamt seinem Samen aus ihm herausfloss und sie sich in seinen kräftigen Armen widerfand, die sich anfühlten, als hätte sie nie einen anderen Ort gekannt um sich wohl zu fühlen. Er wusste von ihrer Vergangenheit, die sie beständig und geschickt zu verbergen gesucht hatte vor den Sklavenhändlern. Nein, sie hatte Seremides kein Glück gebracht, stellte er lachend fest. Lihi, so nannte Sergius sie nun. Sie ist mein. Vergangenes ist vergangen. Und die Zukunft lag im Haus Atticus.

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Comments
One Response to “Lihi”
  1. sugarninja sagt:

    siaß 🙂

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